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SZ-Serie: München vor der Wahl:Wie weit ist die Stadt in Sachen Integration?

Foto: Natalie Neomi Isser, Illustration: Laura Merlich

Die Stadt hat in den vergangenen Jahren viel erreicht bei der Integration von Geflüchteten und Zuwanderern. Im Wahlkampf ist das Thema untergeordnet. Dabei gibt es noch Defizite.

Sein Blick ist ernst, dabei hätte er Grund zu strahlen. Yasin Rahmati hat viel erreicht in den viereinhalb Jahren, die er in München lebt. Als Teenager hat er Afghanistan verlassen, ist ohne Eltern geflohen und im Sommer 2015 angekommen, als der Münchner Hauptbahnhof weltweit bekannt wurde. Viele Münchner begrüßten täglich Tausende Flüchtlinge mit Suppe und Teddybären und einem Lächeln. Seither ist viel geschehen, auch bei Rahmati. Heute spricht er sehr gut Deutsch, besucht die Fachoberschule, kommendes Jahr wolle er Fachabitur machen, erzählt er, obwohl er in Afghanistan nur wenige Monate eine Schule besucht habe. Das Leben des Yasin Rahmati passt in ein Lehrbuch der Integration. Er ist politisch aktiv in einem Verein und macht sich viele Gedanken über seine neue Heimat. "Ich sehe Deutschland als Migrationsgesellschaft", sagt er.

Wie weit ist München auf dem Weg dorthin? 45 Prozent der Bewohner haben Wurzeln in einem anderen Land; seit den großen Willkommensgesten vor bald fünf Jahre sind knapp 15 000 Geflüchtete gekommen und geblieben. Die erste Kommunalwahl seither ist Gelegenheit für eine Bilanz. Das aber ist bei diesem Thema schwierig, denn es vermischen sich die Kompetenzen von Bund, Land und Kommune. Und während man beim Klimaschutz die eingesparten CO₂-Tonnen messen kann, gibt es bei der Integration keinen festen Maßstab, aber einige Fragen. Also, welche Probleme gibt es noch?

Keine. Diese Antwort gibt zumindest der Wahlkampf, in dem Flüchtlinge so gut wie kein Thema sind. Die CSU spart Integration im Wahlprogramm sogar ganz aus. Die große Mehrheit der Münchner nimmt sich als tolerant und weltoffen wahr. Tatsächlich tut die Stadt eine Menge, nachzulesen auf 200 Seiten im "Münchner Gesamtplan zur Integration von Flüchtlingen". Man habe "Vorbildcharakter" für viele andere Städte, erklärt Sozialreferentin Dorothee Schiwy. München ist zufrieden mit sich.

Zu Recht? Fragt man Andrea Betz, hört man ein abwägendes Einerseits-Andererseits. Betz ist bei der Inneren Mission als Abteilungsleiterin für alles rund um Migration und Integration zuständig. Womöglich, sagt sie, wollen die Parteien ja nur Ärger mit einem polarisierenden Thema vermeiden. Ihr aber ist reden lieber als schweigen. Sie schätzt das Erreichte, aber kennt zu viele Defizite, als dass sie sich von der Wahlkampfruhe täuschen ließe. Vier entscheidende Bausteine der Integration nennt sie: Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit.

Jeder Geflüchtete, der sich ein Bein bricht, bekommt adäquate Hilfe. Was aber, wenn eine oder einer mit gebrochener Seele ankommt? "Es fehlen Therapieplätze", sagt Betz, vor allem für jene im Asylverfahren. Viele Geflüchtete seien traumatisiert, bis sie aber Psychotherapie bekommen, dauere es oft viel zu lange. Oder sie blieben ganz unbehandelt. Dieser Mangel könne mittel- und langfristig gravierende Folgen haben; je länger ein Trauma unbehandelt bleibe, desto schlimmer werde es, sagt Andrea Betz. Mit Folgen für die ganze Gesellschaft: Ein psychisch angeschlagener Mensch tue sich viel schwerer, sich einzuleben und zu integrieren.

Dasselbe gelte für jene ohne eigene Wohnung, und das sind sehr viele. Wer als Flüchtling anerkannt ist, darf die Asylunterkunft verlassen - wenn er eine neue Bleibe hat. Wenn nicht, bleibt er, wo er ist, in einer Umgebung mit wenig Privatsphäre. Etwa 2800 anerkannte Flüchtlinge leben laut Stadt als "Statuswechsler" noch in Unterkünften. Viele Flüchtlinge ziehen zu Bekannten und leben auf engstem Raum, nur um rauszukommen aus den Unterkünften. Als Notlösung baut die Stadt "Flexiheime": Drei Häuser mit 571 Plätzen existieren bisher, sechs weitere mit etwa 700 Plätzen sollen bis 2025 dazu kommen. Sie sind Zwischenstation, auch um die Menschen "mietfähig" zu machen. Dort gibt es noch keine "normale" Wohnung, aber immerhin eine eigene Nasszelle und mehr Privatsphäre, was vor allem für Familien wichtig ist. Betz fällt auf, dass in den Monaten vor der Wahl darüber nicht mehr diskutiert werde. Aus Angst vor dem Ärger mit der Nachbarschaft?, fragt sie und wünscht sich, dass Behörden und Politiker aktiver auf die Anwohner zugehen.

Bildung und Arbeit. Beides sollte in München kein allzu großes Problem sein. Der Arbeitsmarkt ist ein stabiler Integrationsbaustein. Kontinuierlich wächst die Zahl der beschäftigten Flüchtlinge, ein Großteil arbeite im Einzelhandel, in der Gastronomie und Metallverarbeitung, berichtet Mareike Ziegler, die in der IHK das Integrationsteam leitet. Zuletzt fanden auch immer mehr Geflüchtete Stellen im kaufmännischen Bereich bei Banken und Versicherungen, und in der IT. Die meisten Betriebe seien zufrieden mit den Flüchtlingen, allein, die Schule mache oft Sorgen. Das liege an mangelhaftem Deutsch, das oft gute Noten verhindere und die Kommunikation im Betrieb erschwere. Die Chefs treibe zudem die Frage um, ob ihre Mitarbeiter dauerhaft bleiben dürfen. Die Angst vor Abschiebung quält also auch Arbeitgeber. Eine "hohe Irritation" angesichts der Abschiebepolitik stellt Ziegler fest.

Bildung? Es gibt, ähnlich wie im beruflichen Bereich, ein vielfältiges Angebot: Sprachkurse, Schulen, auch spezielle für Flüchtlinge wie "Schlau" - alles da in München. Allein, die Vielfalt sei so groß, so unübersichtlich, dass es Menschen aus Syrien oder Eritrea sehr schwerfalle, durchzublicken und das passende Angebot auszuwählen. Welcher Kurs bringt mich weiter? In welcher Behörde bekomme ich die richtige Hilfe. "Der Zugang zur Hilfe ist sehr schwierig, diesen Schritt schaffen viele nicht", sagt Betz. "Viele Geflüchtete brauchen dabei Unterstützung." Deshalb biete die Innere Mission im "Refugee Stairway Center" psychisch Gehandicapten persönliche Beratung an, um die Klienten zum passenden Angebot zu lotsen. Scheitern Flüchtlinge an diesem ersten Schritt, sagt Betz, mache angeschlagenen Menschen das so zu schaffen, dass sie in ihrem Zimmer sitzen und in Depressionen verfallen. Das Gegenteil von Integration.

Weil keine Beratungsstelle alle Flüchtlinge eng begleiten könne, weil auch das "Bildungsclearing" im städtischen Integrations- und Beratungszentrum nicht ausreiche, müsse die Sozialberatung in den Unterkünften ausgebaut werden, fordert Betz, gerade für jene, die ausziehen dürften. Hilfreich wäre, wenn ein Hauptamtlicher nicht mehr als 30 Haushalte begleite auf dem Weg nach draußen, so sei der Betreuungsschlüssel in der Wohnungslosenhilfe. Ohne Hilfe zur Hilfe seien viele Neu-Münchner verloren im Dschungel aus Behörden und Vereinen, es sei denn, jemand findet Unterstützung bei Familienangehörigen oder Freunden.

Soziale Kontakte sind entscheidend für Integration. Wer diese nicht schon hat, kann es machen wie Yasin Rahmati. Er absolvierte ein Praktikum im Landtag, engagiert sich im Verein "Heimaten", ist Vorsitzender der Jugendsparte. Deutsche, Migranten und Flüchtlinge treffen sich, diskutieren, versuchen, Brücken zu bauen. So fand Rahmati Freunde, so fand er auch rasch eine Wohnung. Noch aber sieht er sich und die Gesellschaft nicht am Ziel. Noch fühlt er sich als "Flüchtling", weil ihn die anderen so nennen, er will aber Bürger werden, Bürger im Sinne von: dazu gehören, auf Augenhöhe - und mit Wahlrecht.

Und dann ist da noch sein Bruder. Die beiden sind zusammen geflohen, aber während der Ältere als Flüchtling anerkannt wurde, wurde das Asylgesuch des Jüngeren abgelehnt. Yasin Rahmati versteht das nicht, schließlich seien sie aus denselben Gründen aus Afghanistan geflohen. Sein Bruder wohnt in einer anderen Stadt, lebt seit Jahren in Angst vor Abschiebung, und mit ihm auch der Ältere. Die Geschichte der beiden ist ein Beispiel dafür, wie das Entscheiden von Behörden Integration behindern kann. Rahmati schaut ernst. "Ich kann mir kein Leben in Deutschland vorstellen ohne meinen Bruder."

© SZ vom 22.02.2020/lfr
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