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Frühchen-Station:Wie Ärzte und Pflegende voneinander lernen können

Die angehenden Ärzte Philipp Oehler (links) und Jonas Geisberger ziehen gemeinsam mit Pflegeschülerin Anthea Metz den kleinen Oskar an.

(Foto: Catherina Hess)

Auf der Schwabinger Neugeborenen-Station gibt es ein weltweit einmaliges Ausbildungsprojekt. Mediziner und Pfleger arbeiten auf Augenhöhe. Gerade für die Frühchen kann solches Teamwork lebenswichtig sein.

Von Kathrin Aldenhoff

Wie man einem Baby das Fläschchen gibt, hat Jonas Geisperger im Medizinstudium nicht gelernt. Das hat ihm Pflegeschülerin Anthea Metz beigebracht. Die Auszubildende im dritten Lehrjahr wiederum hat von dem angehenden Arzt gelernt, wie man bei einem Baby die Neugeborenenreflexe testet. Die beiden lernen voneinander und miteinander, üben die Sichtweise des anderen zu verstehen. Und das ist - man glaubt es kaum, weil ja beide Berufe, der der Pflegerin und der des Arztes, so stark aufeinander angewiesen sind - tatsächlich etwas Besonderes in Deutschland.

Am Schwabinger Krankenhaus, einem Standort der städtischen München Klinik, haben sie die gemeinsame Ausbildung im Oktober 2019 aufgenommen, gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung. Begonnen hatte die Idee einer interprofessionellen Ausbildungsstation für Pflegende und Ärzte schon im Jahr 2016 am Universitätsklinikum Freiburg in der Kindermedizin. Der Kinderarzt Sebastian Bode und die Pflegerin und Sozialwissenschaftlerin Christine Straub hatten die Idee dazu. Sie haben Lehrmaterial entwickelt und ein Modul erarbeitet, das sich von der Kinderstation in Freiburg auch auf andere Krankenhäuser und auf andere Stationen übertragen lässt. Marcus Krüger, heute Chefarzt der Frühchenstation in den Kliniken Schwabing und Harlaching, hat die Anfänge des Projekts in Freiburg mitbekommen - und es nach München geholt.

"Mir ist es wichtig, das Arbeiten auf Augenhöhe voranzubringen", sagt Krüger. "Es gibt keinen anderen Bereich im Krankenhaus, der so sehr von kompetenter Pflege abhängt wie die Frühchenstation." Auch diese Wertschätzung für die Pflege soll die gemeinsame Ausbildung vermitteln. Nur wenn Pfleger die Probleme, die sie im täglichen Umgang mit den Babys erkennen, an die Ärzte weitermelden, könnten die sie medizinisch gut betreuen, sagt Krüger. Dass beide Berufsgruppen als Team zusammenarbeiten und auch vor den Eltern der Frühgeborenen als solches auftreten, diesen Gedanken soll das Projekt etablieren.

Interprofessionelle Ausbildungsstation in der Neonatologie (Ipaneo), so heißt das Projekt offiziell. Zwei Wochen lang betreuen zwei Pflegeschüler und zwei angehende Ärzte gemeinsam zwei bis vier Babys auf der Frühchenstation. Das ist etwas ganz Besonderes, weltweit einmalig: dass Auszubildende aus verschiedenen Berufsgruppen gemeinsam die Verantwortung für Frühgeborene übernehmen. Begleitet und beobachtet werden sie dabei von Pflegerin und Praxisanleiterin Annett Freiberg und Stationsärztin Lena Manssen. Jedes Jahr sind vier bis fünf solcher Praxisphasen geplant, sodass alle Pflegeschüler der Klinik und alle angehenden Ärzte mit Wahlfach Kinderheilkunde am Projekt teilnehmen können.

An einem Tag im Frühjahr, bevor die Corona-Krise den Klinikalltag durcheinander wirbelt, sind die Pflegeschülerinnen Anthea Metz und Emely Rincon-Gimenez sowie die angehenden Ärzte Jonas Geisperger und Philipp Oehler an der Reihe. Emely Rincon-Gimenez hat an diesem Donnerstag die spätere Pflegeschicht, sie ist noch nicht da. Die anderen drei stehen in einem Untersuchungszimmer der Frühchenstation um Oskar herum. Es ist ihr vierter gemeinsamer Tag auf der Station. Oskar ist drei Tage alt, bei ihm steht jetzt die U2-Untersuchung an, eine Vorsorgeuntersuchung, bei der Ärzte den Gesundheitszustand des Babys begutachten.

"Das Herz schlägt regelmäßig und in dem Rhythmus, den ich erwarte"

Anthea Metz hat das Baby aus seinem Bettchen gehoben und auf den Untersuchungstisch gelegt, ihre Hand streichelt das kleine Köpfchen, während Jonas Geisperger mit dem Stethoskop Lunge, Herz und Bauch abhört. "Er atmet gleichmäßig. Das Herz schlägt regelmäßig und in dem Rhythmus, den ich erwarte. Und im Bauch höre ich lebhafte Darmgeräusche", sagt der angehende Arzt. "Ich achte darauf, dass Oskar ruhig bleibt. Denn wenn er schreit, hört Jonas gar nichts", sagt die Pflegeschülerin.

"Jetzt machen wir die neurologische Untersuchung. Wenn du magst, kannst du das machen", sagt Jonas Geisperger zu ihr. Anthea Metz mag. Er sagt ihr, was zu tun ist: Hält Oskar sich fest, wenn man ihn hochzieht? Greift er zu, wenn sie ihren Finger in seine Hand legt? Greifen seine Zehen zu, wenn sie den Finger an den Fuß legt? Ja, all das macht er. "Jetzt kannst du ihn auf den Bauch legen. Das kannst du eh besser als wir", sagt Jonas Geisperger und lächelt seine Kollegin an.

Zu wissen, was der andere gut kann, das ist schon mal ein Anfang. "Wir zeigen uns das gegenseitig", sagt Anthea Metz. "Ein Baby haben wir gemeinsam versorgt, es gebadet, die Haut gepflegt, den Nabel, haben die Temperatur gemessen und es gewogen. Normalerweise machen das alles die Pfleger, aber dieses Mal hat Jonas es gefüttert." Jonas Geisperger lächelt, Philipp Oehler sagt: "Es ist gut, das gemeinsam zu machen. Wir lernen vom anderen Beruf. Wie man ein Baby dreht, wie man es hinlegt. Ich habe das Gefühl, dass mir das Projekt sehr viel bringt."

Nicht alle Kollegen waren direkt begeistert

Für das Projekt haben sie pflegerische und medizinische Standards überarbeitet und aufgeschrieben, sodass sie für alle nachvollziehbar sind. Wichtig ist, dass Ärzte und Pfleger in der Ausbildung verstehen, was die andere Berufsgruppe macht und warum sie das macht. Miteinander statt übereinander reden, das ist das Ziel. Es sei allerdings nicht leicht gewesen, das Projekt in der Klinik zu etablieren, sagt Chefarzt Krüger. "Nicht alle Kollegen fanden es sofort gut, mal was Neues zu probieren."

Christine Straub von der Uniklinik Freiburg begleitet das Projekt für die Technische Universität München und wertet es wissenschaftlich aus. "Die Eltern, deren Babys von den gemischten Teams betreut werden, sind sehr zufrieden", sagt sie. "Und auch fast alle Teilnehmenden bewerten das Projekt sehr gut." Sie sehen es als einen Vorteil, dass sie nicht mehr nur getrennt voneinander lernen, sondern auch gemeinsam.

Philipp Oehler hat Oskar weiter untersucht, nun steht noch der Moro-Reflex aus. Das Baby hat das Gefühl zu fallen, erschrickt, breitet seine Arme aus und führt sie danach wieder zusammen. "Willst du das machen?", fragt er die Pflegeschülerin. Anthea Metz zögert. Annett Freiberg, die aus der zweiten Reihe mit der Stationsärztin die Untersuchung beobachtet, sagt: "Vielleicht machst du es mal vor, Philipp?" Genau das ist ihre Aufgabe: Die Pflegerin und Praxisanleiterin ist nur für die Ipaneo-Teams da und greift ein, wenn sie merkt, dass jemand überfordert ist.

Beim Anziehen kann Anthea Metz den beiden Männern wieder was zeigen: wo beim Body oben und unten ist, wie das Jäckchen gebunden wird - und wie man einen Babyarm durch den Ärmel bekommt. Nämlich mit dem Dreifingergriff, mit dem sie Oskars Faust greift, sodass er beim Anziehen die Finger nicht aufspreizt. Jonas zieht ihm das Jäckchen an, das Baby schreit, seine Geduld ist erschöpft. "Ich komm ins Schwitzen, wenn ich das mache", sagt Jonas Geisperger. Anthea Metz lächelt, für sie ist das der Alltag.

Gemeinsame Visite

Nach der Vorsorgeuntersuchung ist die Visite dran. Zehn Männer und Frauen in weißen Kitteln stehen im Flur vor den Zimmern und sprechen über den Patienten hinter der Tür, bevor sie hineingehen. An zwei Türen hängt ein Schild, auf dem steht: Projekt Ipaneo. Die drei Auszubildenden stellen Chefarzt Marcus Krüger ihre Patienten vor. Warum sind sie noch in der Klinik, machen sie Fortschritte, wo liegen die Probleme?

Ein Baby zum Beispiel muss noch auf der Station bleiben, weil es zu wenig trinkt. Es schläft ein, hat keine Lust mehr weiterzutrinken. "Das ist ein relevantes medizinisches Problem, das eigentlich ein pflegerisches ist", sagt Chefarzt Krüger. Jonas Geisperger erzählt, dass sie den Verdacht hatten, dass es an einem hohen Gaumen liegt. Das war es nicht, er hatte aber dem Vater des Babys bereits von dem Verdacht erzählt. "Wir kommunizieren keine vagen Verdachtsdiagnosen", sagt Krüger. "Sie machen die Eltern völlig kirre. Diese Sorgen müssen Sie professionell für sich behalten."

Später sprechen sie noch einmal in kleinerer Runde über die Situation, was sie daraus gelernt haben, was sie nicht noch einmal so machen würden. Die vierte Auszubildende, Emely Rincon-Gimenez, ist inzwischen auch da, gemeinsam sitzen sie im Projektzimmer und reden über die vergangenen 24 Stunden. Mit dabei ist Christine Straub, an zwei Tagen die Woche kommt auch Chefarzt Krüger dazu, um ein bestimmtes Thema zu vertiefen, das sich aus der Behandlung eines Patienten ergeben hat.

Nun diskutieren aber erstmal die vier untereinander: Was lief gut, was nicht so? Emely Rincon-Gimenez sagt, dass sie es gut fand, dass die beiden Medizinstudenten sie zu einem Seminar mitgenommen haben. Jonas Geisperger sagt: "Ich fand es gut, dass du mir das mit dem Füttern gezeigt hast. Das hab ich zum ersten Mal gemacht." Und Anthea Metz erzählt, dass das eben das erste Mal war, dass sie bei einer U2 selbst etwas machen durfte. Und an ihren Kollegen Philipp Oehler gerichtet: "Ich fand es super, dass du bei der Untersuchung auch auf Rötungen im Windelbereich geachtet hast."

Dann geht die Tür auf, Chefarzt Krüger setzt sich ans Kopfende des Tisches, sie wollen jetzt über die Ernährung von Frühgeborenen reden. Darüber, welche Mengen Milch die Babys trinken, über die Größe des Magens von Neugeborenen und die Zusammensetzung von Muttermilch im Vergleich zu Kuhmilch. Krüger spricht, hört zu, nickt. Er ist zufrieden mit seinen Auszubildenden, mit den Pflegeschülerinnen, die links von ihm sitzen, und mit den angehenden Ärzten, die rechts von ihm sitzen. Krüger ist sich sicher: "Das Projekt bringt uns insgesamt voran."

Noch bis Ende dieses Jahres fördert die Robert-Bosch-Stiftung das Projekt. Auch danach soll die Frühchenstation eine interprofessionelle Ausbildungsstation bleiben. Und die Idee könnte auf andere Stationen des Klinikums übertragen werden. Zum Beispiel auf die Kinderstation und die Geriatrie, die Medizin für ältere Menschen.

© SZ vom 13.08.2020
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