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Klettern in München:Rauf auf die neue Wand

Die Silos tragen Namen wie "Butterfinger" oder "Christopher Werk Day".

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Werksviertel öffnet die runderneuerte Kletterhalle Heavens Gate. Die Wände sind enorm hoch, die Routen klingen mitunter skurril - und auch sonst werden neue Maßstäbe gesetzt.

Von David Wünschel

Einige Räume im Heavens Gate sehen aus wie ein Schacht, durch den gleich eine U-Bahn donnern könnte. Die Wände sind grau, ein paar grelle Neonleuchten bestrahlen den fahlen Beton, alles wirkt steril und nüchtern. An den Seiten sind in roter Schrift Zahlen angebracht: Es sind Höhenmarkierungen, denn der Schacht führt gen Himmel. Und statt Gleisen sind Griffe an die Wände geschraubt: Sie sind Teil einer 30 Meter hohen Indoor-Kletterwand, die angeblich zu den höchsten in ganz Europa zählt. Schon beim Blick nach oben wird einem mulmig. Wie muss sich dann erst die Kletterin fühlen, die gerade dort oben hängt und herabblickt?

Stolz, womöglich - denn nach langer Pause zählt sie zu den Erstbesteigern der Wand. Etwa vier Jahre lang war die Boulder- und Kletterhalle Heavens Gate im Werksviertel am Ostbahnhof geschlossen. An diesem Wochenende nun wird sie nach langem Umbau wieder eröffnet.

Klettern in alten Kartoffelmehlsilos: Im Heavens Gate, das an diesem Samstag im Werksviertel eröffnet, gibt es mehr als 300 Routen zur Auswahl.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Trägerverein der Halle ist die IG Klettern München und Südbayern (IGKMS). Auf 4500 Quadratmetern Kletterfläche haben die Mitglieder in den vergangenen Wochen etwa 10 000 Klettergriffe und mehr als 300 verschiedene Routen an die Wände geschraubt. Die meisten von ihnen haben sogar Namen: Eine Route heißt "Links neben der Liane", eine andere einfach nur "Hackbraten".

An der "Doppel Konkurrenz" hängt gerade Katrin Zimmer im Seil, die sich zur Klettertrainerin ausbilden lässt. Die Route ist 18 Meter hoch, der Schwierigkeitsgrad liegt bei 7 plus. Das ist ordentlich, selbst für Zimmer. In 15 Metern Höhe schwingt sie an der Wand und ruht sich einen Moment aus. Dann zieht sie sich zurück an die pinken Griffe und klettert die Route mit einigen flotten Bewegungen zu Ende.

Die 25-Jährige ist seit knapp einem Jahr Mitglied bei der IGKMS. Momentan arbeitet sie als Praktikantin bei "Bayerns beste Gipfelstürmer", einem inklusiven Projekt, das Menschen mit Benachteiligung das Klettern näherbringen will. Dort unterstützt Zimmer Rollstuhlfahrer, geflüchtete Mädchen oder Menschen mit Down-Syndrom; ja sogar Blinde: Wenn sie an der Wand hängen, braucht es stets eine zweite Person, die den nächsten Griff ansagt. Klettern gebe den Menschen Vertrauen, Sicherheit und "Empowerment", sagt Zimmer. "Wir wollen das an diejenigen vermitteln, die davon womöglich nicht so viel haben."

Die Vereinsmitglieder hätten viele Tausend Stunden unbezahlte Arbeit in das Projekt gesteckt, sagt Geschäftsführer Benjamin Plahl

Deshalb ist auch das Heavens Gate weitgehend barrierefrei: Die meisten Routen sind im Rollstuhl erreichbar, in manchen Räumen gibt es Induktionsanlagen für Hörgeschädigte und für Blinde sind viele Schilder in Brailleschrift angebracht. Nur das taktile Wegeleitsystem, das die Routen zu den richtigen Räumen weisen soll, ist noch nicht fertig. Und auch die große Außen-Kletterwand, die an der Fassade des Gebäudes entsteht, ist noch im Bau.

Die Halle ist auch für Menschen im Rollstuhl und für Blinde geeignet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dort, wo demnächst die Kletterer emporstürmen sollen, lagerte früher der Lebensmittelhersteller Pfanni in Silos sein Kartoffelmehl. Ende der 1990er-Jahre übernahm die IGKMS die Türme und baute darin die 30 Meter hohen Kletterwände. Bis 2017 lief der Betrieb. Dann musste die Halle schließen, weil auf das Dach der Anlage ein Luxushotel gebaut wurde.

Doch Werner Eckart, Pfanni-Erbe und Inhaber des Areals, sicherte dem Verein zu, die Anlage für 30 Jahre zu einem "nicht ortsüblichen Preis" zu vermieten, wie Geschäftsführer Benjamin Plahl sagt. Die Mitglieder bauten die Halle daraufhin um. Von einigen Wänden rieselte Plahl zufolge noch Kartoffelmehl.

Allein die neuen Kletterwände kosteten etwa eine Million Euro; insgesamt schlug der Umbau mit 3,2 Millionen zu Buche. Etwas mehr als ein Drittel davon übernahm die Stadt in Form von Zuschüssen und einem zinslosen Darlehen. Die Vereinsmitglieder hätten viele Tausend Stunden unbezahlte Arbeit in das Projekt gesteckt, sagt Plahl. Die Kletterfläche zieht sich nun durch acht Türme, einen neuen Anbau und ist etwa doppelt so groß wie vor der Schließung.

Als das Heavens Gate erstmalig Ende der Neunziger öffnete, war es eine der ersten Kletter- und Boulderhallen in der Region. Heute gibt es allein in München fast ein Dutzend, unter anderem die Boulderwelt Ost nur 200 Meter vom Heavens Gate entfernt. Trotzdem könne eine zusätzliche Halle nicht schaden, sagt sogar Michael Düchs, der eigentlich zur Konkurrenz gehört. Düchs ist Alpinist und Vorstandsmitglied im Verein, der das Kletterzentrum in Thalkirchen betreibt. In den vergangenen Jahren habe der Sport einen gigantischen Boom erlebt. Früher seien fast nur Menschen in die Hallen gegangen, die normalerweise am Fels klettern. Heute sei Bouldern ein gängiger Ersatz fürs Fitnessstudio. Vor der Pandemie sei es in den Hallen oft "unangenehm voll" gewesen. Und es sei "nicht absehbar, dass der Boom ein Ende nimmt".

Am Eröffnungswochenende ist der Eintritt frei.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das hofft auch Plahl. Um die Kredite zurückzuzahlen, braucht er Einnahmen. Das Heavens Gate ist auf 199 Gäste ausgelegt, momentan darf etwa die Hälfte rein. Einmal Bouldern kostet für Erwachsene 11,50 Euro, Klettern 16 Euro. Für 46 respektive 60 Euro darf man sich einen Monat lang in den alten Kartoffelmehlsilos ertüchtigen.

Ein Andenken an die Geschichte des Gebäudes befindet sich hinter der Empfangstheke: Dort stehen braune Papierbeutel mit der Aufschrift "Kartoffelmehl, 400 Gramm". Ob das wohl jenes ist, das beim Umbau von den Wänden rieselte? Nein, versichert Plahl: In den Beuteln sei Magnesiumpulver. Das reiben sich Kletterer auf die Hände, um nicht von den Griffen abzurutschen.

© SZ vom 17.07.2021/lfr
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