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Joachim Gauck in München:"Toleranz kann auch das Aushalten einer Zumutung sein"

Wolfgang Krach spricht im Residenztheater mit Joachim Gauck zum Thema: Was muss man aushalten? Toleranz in einer ausfransenden Gesellschaft.

SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach spricht im Residenztheater mit Joachim Gauck zum Thema: Was muss man aushalten? Toleranz in einer ausfransenden Gesellschaft.

(Foto: Florian Peljak)

Der frühere Bundespräsident Gauck spricht zum Auftakt einer neuen Gesprächsreihe der SZ und des Residenztheaters darüber, was man in einer ausfransenden Gesellschaft aushalten muss. Dabei geht es auch um die Lage in Thüringen.

Ganz am Ende sagt Joachim Gauck so freundlich wie bestimmt nein: "Es ist lieb, dass Sie an mich denken, aber für mich ist schon gesorgt." Die Frage von Wolfgang Krach, dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung war, ob es angesichts der politischen Lage in Thüringen dort aktuell als Ministerpräsidenten nicht einen wie Gauck brauche - jemand überparteilichen, der von allen Seiten akzeptiert wird.

Als "konservativer, mitunter sozialdemokratischer und gelegentlich auch grüner Liberaler" erfülle er, Gauck, das Profil doch sofort. Als solchen hatte Frank-Walter Steinmeier, der zwölfte Bundespräsident, seinen Vorgänger in dieser Woche anlässlich des 80. Geburtstages bezeichnet. Gauck nutzt die Vorlage für ein finales Kompliment: "Ja, das ist so", sagt er, lässt den Blick über die vollen Reihen des Münchner Residenztheaters schweifen und fügt an, "und in diesem Raum, in dieser Stadt und in diesem Land gibt es viele Menschen, die genauso gestrickt sind."

Mehr als 600 Zuhörer sind an diesem Donnerstagabend zusammengekommen, zur ersten Veranstaltung unter dem Motto "München redet", einer Kooperation von SZ und Residenztheater. Entsprechend laut fällt der Applaus nach ziemlich genau zwei Stunden aus. Angesichts der Entwicklungen seien alle Demokraten dazu aufgerufen, die Demokratie zu verteidigen, hat Gauck bei anderer Gelegenheit gesagt. Wichtig sei dafür aber, "dass sie dabei auch fröhlich gucken". Für Gauck gilt das an diesem Abend durchweg. Gut gelaunt nimmt er die Neugierigen mit auf einen anekdotenreichen Streifzug durch ein Thema, das er anlässlich einer Vorlesung einst für sich entdeckte und zu dem er im vergangenen Jahr auch ein Buch herausgebracht hat: Toleranz.

"Was muss man aushalten? Toleranz in einer ausfransenden Gesellschaft", so ist der Auftritt überschrieben. 60 Minuten lang schildert Gauck, der in Rostock geboren wurde und zu DDR-Zeiten evangelisch-lutherischer Pastor war, ehe er über das Neue Forum in die Politik fand, seine Sozialisation zu einem toleranten Menschen: "Es gibt die Geschwister: Ich bin der älteste, drei kommen danach. Es ist für mich völlig klar, dass sie tun müssen, was ich denke und will. Das sehen die aber anders. Und schon geht es los: Wie soll ich nun mit diesem anders-Denken umgehen?"

Gauck beschreibt frühe Erfahrungen mit Intoleranz: "Als ich Kind war, war es mir nicht möglich, katholische Menschen im gleichen Maße zu achten wie evangelische. Die Alten hatten einem eingeprägt: Der Katholik ist falsch, da kann man nichts machen." Er schildert das wunderbare Erleben, als diese überkommenen Muster in die Brüche gingen: "Wenn ich mir anschaue, wie sich in einer Generation das Miteinander der beiden Konfessionen verändert hat - Sie glauben gar nicht, was sich in meinem Lebensgefühl alles verändert hat. Jetzt preise ich manchmal öffentlich, dass der Allmächtige seine Katholiken erschaffen hat. Das ist für mich wichtig, weil die Evangelischen manchmal den Zeitgeist mit dem Heiligen Geist verwechseln."

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Und Gauck erzählt von dem Moment, in dem ihm bewusst wurde, wie anstrengend Toleranz mitunter sein kann: Als er in die konstituierende Sitzung der ersten frei gewählte Volkskammer der DDR kam und dort einen großen Block einstiger SED-Funktionäre sitzen sah: "Ich dachte, das ist ja schrecklich, die wollten wir doch los werden. Rote Reaktionäre - was machen die denn hier? Mein Bauch war total dagegen, aber dann meldete sich mein Kopf und sagte: Nun mal halblang. Die sitzen aus dem gleichen Gründen hier wie du, sie sind gewählt worden, sie sind zum ersten Mal legitimiert." Für Gauck eine prägende Erfahrung, die er zu dem Satz verdichtet: "Toleranz kann manchmal auch das Aushalten einer Zumutung sein."

Goethe, Adorno, Horkheimer, Marcuse: Es ist eine Reise durch viele Gedankenwelten, die im zweiten, gleichlangen Frageteil einen spannenden Kontrast findet. In dem geht es fast ausschließlich um die politische Gegenwart. Mit Blick auf die Lage in Thüringen mahnt Gauck die Parteien, den Wählerwillen ernst zu nehmen: "In dieser Situation hat der Souverän, das Volk, diese Konstellation geschaffen. Und deshalb gibt es eine Verpflichtung, aus dieser Konstellation was zu machen und nicht ohne weiteres gleich den Neuwahlknopf zu drücken."

Die Lage in dem Land, in dem die rot-rot-grüne Regierung bei den Wahlen im Oktober 2019 ihre Mehrheit verlor, bewegt Gauck - weshalb er selbst einiges in Bewegung setzte. Mit dem Ziel, eine Regierungsfähigkeit herzustellen und so einem weiteren Verdruss über das politische System in manchen Gesellschaftsschichten entgegenzuwirken, habe er Bodo Ramelow (Die Linke) und Thüringens CDU-Partei- und Fraktionschef Mike Mohring im Januar zu einem Abendessen zusammengebracht.

Dass aus dem Aufeinander-zu-Bewegen nicht mehr wurde, bedauert Gauck und deutet auch an, woran das seiner Meinung nach lag - nicht an der Bundeskanzlerin oder der CDU-Vorsitzenden: "Ich denke, ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer eine moderate Form von Duldung mitgetragen hätten", sagt der Alt-Bundespräsident auf der Bühne des Residenztheaters: "Mike Mohring konnte alles Mögliche denken - in die eine Richtung wie in die andere. Aber er hat die Leute, die er hat. Und da gibt es eben eine Art von verkapseltem Anti-Kommunismus, der eine Neubesichtigung der Linken verhindert." Eine Regierung, die sich auf die Stimmen der AfD stützt, wie sie am 5. Februar in Thüringen bei der Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) für kurze Zeit zustande kam, überschreitet die Grenzen von Gaucks Toleranz: "Ich würde selber in der Situation des FDP-Fraktionschefs natürlich gesagt haben: ,Ich nehme die Wahl nicht an.'"

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Auch wenn Gauck es vermeidet, das Kürzel direkt auszusprechen: Die AfD ist ein häufig wiederkehrendes Element in den zwei Stunden. Auf den Umgang mit ihr laufen viele Fragen zu, auch die, welchen Weg die CDU nach dem angekündigten Rückzug von Annegret Kramp-Karrenbauer als Parteichefin einschlagen sollte. "Es ist total wichtig, dass die Union erkennt, dass sie ein Angebot machen muss für diejenigen, die abgedriftet sind nach rechts außen", glaubt Gauck.

Wer dafür stehen könnte? Auf diese Frage gehen sogar dem Eloquenten für einen Moment die Worte aus. "Wir sehen nicht alles, was im Werden ist", entgegnet Gauck dann und fügt an: "Es wird sehr interessant sein, was mit dem Bayernland passiert." Dessen Ministerpräsidenten Markus Söder, 53, habe eine bemerkenswerte Entwicklung genommen und bei dieser ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein demonstriert: "Alle möglichen Entwicklungswege stehen ihm bei seinem Alter offen", so Gauck.

Die Reihe "München redet" wird am Sonntag, 22. März, um 11 Uhr mit der israelische Soziologin Eva Illouz fortgesetzt.

© SZ.de/amm
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