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Start-ups:App zum Arzt

Gloria Seibert, Gründerin und Geschäftsführerin Temedica

Keine einfache Branche, aber eine lukrative: Der Gesundheitsmarkt in Deutschland ist hoch reguliert, bietet Unternehmerinnen wie Gloria Seibert aber auch viele Möglichkeiten.

(Foto: Corinna Guthknecht)
  • Zwei Gründerinnen setzen auf den digitalen Wandel im Gesundheitswesen.
  • Im einen Start-up werden medizinische Apps und andere digitale Angebote für die Gesundheit entwickelt.
  • Das andere hat "Teleclinic" gestartet, über das Patienten rund um die Uhr einen medizinischen Assistenten kontaktieren können.

Vierter Stock eines Altbaus, nicht weit entfernt vom Münchner Hauptbahnhof. Geschäftsführerin Gloria Seibert, 29 Jahre, Jeans und T-Shirt, führt durch ihr Büro. An Schreibtischen arbeiten junge Menschen an Computern, eine Stahltreppe führt auf die Dachterrasse, und an der Wand hängt ein gerahmtes Poster: "Learn something new every day", steht darauf.

Lerne jeden Tag etwas Neues. 2016 hat Seibert gemeinsam mit dem Software-Entwickler Clemens Kofler das Start-up Temedica gegründet. Sie entwickeln medizinische Apps und andere digitale Angebote für die Gesundheit. Wie eine App, bei der Ärzte ihren Patienten individuelle Trainingspläne bei Rückenleiden erstellen. Eine andere App soll helfen, Diabetes vorzubeugen. Und mit dem Online-Kurs "Pelvina" können Frauen ihren Beckenboden trainieren. "Vor allem, damit Frauen nach einer Geburt nicht an Harnkontinenz leiden - ein großes Tabuthema", sagt Seibert. Derzeit haben sie etwa 40 Angestellte. Begleitet und unterstützt werden sie dabei von Ärzten.

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Es ist keine einfache Branche, in die Seibert sich begeben hat. Der Gesundheitsmarkt ist in Deutschland hoch reguliert. Aber er bietet auch viele Möglichkeiten, denn er ist ein sehr lukrativer Markt, auf dem digitale Technologien zunehmend an Bedeutung gewinnen. Gerade anfangs sei es nicht leicht gewesen, die Krankenkassen von den Vorteilen digitaler Angebote zu überzeugen, sagt Seibert. Mittlerweile erstatten aber bereits über 130 gesetzliche Krankenkassen die Kosten für "Pelvina" - die App kostet einmalig 75 Euro. Auch die Diabetes-App würden ab Ende 2019 fast alle gesetzlichen Krankenkassen zurückerstatten, so Seibert.

Klar, es habe Zeiten gegeben, in denen es überhaupt nicht gut lief. Ein Jahr nach der Gründung ihres Start-Ups wurde das Geld immer weniger, während das Wachstum ausblieb, erinnert sich Seibert, die in Ebersberg aufgewachsen ist und nach ihrem Jura- und BWL-Studium zunächst vier Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat - bis sie kündigte und sich selbstständig machte. Seibert wollte kreativer arbeiten und selbst etwas auf die Beine stellen. Aus den schwierigen Erfahrungen am Anfang habe sie gelernt, sagt sie. Seit zwei Jahren gehe es aufwärts mit ihrem Unternehmen Temedica. Bis heute erhielt ihr Unternehmen eine siebenstellige Summe von einer Investorengruppe. "Und unser Umsatz hat sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt", sagt die Geschäftsführerin. Genaue Angaben macht sie nicht, "aus strategischen Gründen".

Lange Zeit galt in Deutschland: Der Arzt muss seinem Patienten von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen, um Diagnosen stellen und ihn behandeln zu können - alles andere sei nicht seriös. Auch andere digitale Angebote für die Gesundheit wurden kaum ernst genommen. Diese Einstellung ändert sich langsam. Ärzte sollen ihren Patienten künftig auch Gesundheits-Apps verschreiben können, die die Krankenkassen zahlen. Das ist Teil des Digitale-Versorgung-Gesetzes von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das im Juli vom Bundeskabinett beschlossen wurde. Und Patienten können künftig auch unkompliziert medizinische Videosprechstunden nutzen.

Gesetze folgen der Entwicklung

Auf diesen digitalen Wandel im Gesundheitswesen hat auch Katharina Jünger gesetzt. Die 28 Jahre alte Juristin hat 2015 gemeinsam mit zwei Partnern das Start-Up Teleclinic gegründet. Ihre Idee: Patienten registrieren sich online und können danach rund um die Uhr einen medizinischen Assistenten kontaktieren, dem sie ihre Beschwerden und Vorerkrankungen schildern. Der Assistent schätzt dann ein, wie dringend das Anliegen ist und vermittelt den Patienten an einen passenden Facharzt, den sie so schnell wie möglich online oder telefonisch sprechen können. Wird ein Allgemeinmediziner gebraucht, rufe ein Arzt innerhalb von 15 Minuten zurück, verspricht Jünger. Ein Kinderarzt oder Dermatologe melde sich innerhalb von einer Woche.

Katharina Jünger, Geschäftsführerin TeleClinic GmbH. Startup München

Katharina Jünger hat das Start-Up Teleclinic gegründet, das Ärzten ermöglicht, Patienten aus der Ferne zu beraten.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Als Jünger und ihre Partner vor vier Jahren Teleclinic gründeten, bewegten sie sich in Deutschland noch in einem rechtlichen Graubereich. Dass Ärzte Patienten aus der Ferne beraten ohne sie jemals getroffen zu haben, war nicht erlaubt. "Wir dachten, wenn wir zeigen, dass die Angebote Vorteile bringen, dann werden sich auch die Gesetze ändern", sagt Jünger, die nach ihrem Jurastudium noch am Center for Digital Technology and Management in München studiert hat. Im vergangenen Jahr wurde dann tatsächlich das Fernbehandlungsverbot gelockert. Seitdem dürfen Ärzte via Internet Patienten behandeln, die sie noch nie getroffen haben. Noch übernehmen aber nur private Krankenversicherungen die Kosten.

Mehr als 10 000 Patienten haben das Angebot nach Firmenangaben bereits genutzt. "Seit Anfang 2019 wachsen wir monatlich über 25 Prozent", sagt Jünger. Knapp 38 Euro muss der Patient für eine Beratung zahlen. Ein geringer Prozentsatz davon fließe an ihr Unternehmen. Wie viel, dazu macht Jünger keine Angaben. Darüber hinaus zahlen die Krankenkassen einen Beitrag für jeden behandelten Patienten. Inzwischen hat Teleclinic 50 Mitarbeiter eingestellt. Vor einem halben Jahr hat das Unternehmen sieben Millionen Euro als Kapital erhalten.

Dabei gab es gerade unter den Medizinern anfangs große Vorbehalte. Jünger betont aber, dass ihr Konzept allen Seiten Vorteile bringe: "Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, den Ärzten zu erklären, dass es nicht darum geht, sie zu ersetzen. Im Gegenteil. Ohne sie würde das ganze Konzept ja gar nicht funktionieren." Inzwischen arbeiten 250 Ärzte im Teleclinic-Netzwerk. Alle Fachrichtungen seien vertreten. Die meisten Anfragen richteten sich aber an Allgemeinmediziner, Kinderärzte, Dermatologen, Urologen und Gynäkologen.

Aber sind nicht die meisten Ärzte sowieso schon überlastet, warum sollten sie sich zusätzlich online engagieren? Schwierigkeiten, Mediziner zu finden, gebe es nicht, sagt Jünger. In der Regel komme ein Teil der bestellten Patienten in Praxen zu spät oder sage spontan Termine ab. Diese Zeit könnten Ärzte beispielsweise für Online-Beratungen nutzen.

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