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Freibäder in München:"Es ist superfreundlich und superentspannt"

Im Westbad zur Coronazeit. Entspannte Atmosphäre und Gemütlichkeit wegen weniger Leute.

Die Schwimmbecken sind im Sommer normalerweise nicht so leer.

(Foto: Florian Peljak)

Erst buchen, dann abtauchen: Schwimmbadbesuche sind aufwendiger geworden. Das System aber hat sich gut eingespielt - zumindest unter freiem Himmel.

Von Dominik Hutter

Normalerweise liegt ja immer dieser Vergleich mit einer Robbenkolonie nahe: Leib an Leib, dicht an dicht liegen alle nebeneinander, so dass der Untergrund kaum noch zu sehen ist. Und jetzt? Es ist herrlichstes Wetter, die Sonne brennt auf die Liegewiesen des Westbads, die Schüler haben Ferien, und trotzdem ist es so entspannt, als wäre es ein durchwachsener Tag mit haufenweise Prüfungsterminen an Schulen und Unis. Vielleicht noch mit einem Bundesligaspiel. Die Menschen auf ihren Decken bilden vereinzelte Inseln auf den weitläufigen Rasenflächen, im Schwimmerbecken kommt man ohne Navigationsprobleme aneinander vorbei. Vorne am Eingang steht nur eine kurze Schlange wartender Maskenträger, nicht einmal die Allerkleinsten denken da noch ans Quengeln. Erst später am Tag wird es ein wenig dichter auf dem abgezäunten Gelände. Aber nur, weil die Leute Schattenplätze bevorzugen und sich schlecht verteilen. Voll ist das immer noch nicht.

Die Münchner Freibäder sind wieder da, und ihren Gästen geht es ähnlich wie den Besuchern der Biergärten in diesem Corona-Sommer: Die Zahl der Plätze ist begrenzt - aber wenn man erst einmal drin ist, läuft alles so beneidenswert gediegen ab wie sonst nur auf dem platten Land. Kein Gedrängel, kein ausweichendes Zickzack-Schwimmen, kein genervtes Warten, bis sich der Vorgänger zum Verlassen der Dusche bequemt. Klassisches Teenie-Geplappere aus der Ferne, ein bisschen Gekreische von Sprungturm und Rutsche, ansonsten ist es abseits des freibadtypischen Grundraunens ruhig.

"Es ist superfreundlich und superentspannt", schwärmt Münchens Bäder-Chefin Christine Kugler über die aktuelle Saison, von der sie eigentlich Schlimmes erwartet hat. Es kam anders. "Wir sind gar nicht so unzufrieden", berichtet sie. "Es läuft gut." Klar, eine um sechs Wochen verkürzte Saison wird nicht mehr zum Rekordsommer. Zumal ja nur noch gut 17 000 Badegäste in den acht Sommerbädern der Stadtwerke zugelassen sind, manchmal werden es im Laufe des Tages auch an die 20 000. Früher packten an Spitzentagen aber rund 50 000 Münchner Badehose und Bikini und Handtücher ein und machten sich auf den Weg zu den städtischen H₂O-Oasen.

Trotzdem hat Kugler in der laufenden Corona-Saison schon fast 300 000 Badegäste gezählt. Selbst im traumhaften Rekordsommer 2018 waren es zum gleichen Zeitpunkt nur 84 000 mehr. Und das, obwohl das Wetter in diesem Jahr oft durchwachsen ist. Heiße Tage enden gerne mit Gewittern und wechseln sich mit Dauerregen-Tagen ab. Die Auslastung der Bäder ist trotzdem gleichmäßiger als je zuvor. Was vermutlich daran liegt, dass man sich auch bei mittelmäßigem Badewetter auf den Weg macht, wenn man schon extra eine Reservierung ergattert hat.

Denn ohne QR-Code, den Beweis einer Online-Reservierung, geht in diesem Sommer wenig in den Freibädern. Nur in Ausnahmefällen, für Internet-Verweigerer und technisch weniger Versierte, haben Stadtwerke-Mitarbeiter am Eingang auf Papier ausgedruckte QR-Codes ohne vorherige Anmeldung parat. Eigentlich heißt es: Bis zu drei Tage vorher kann man nachschauen, ob in irgendeinem Bad noch ein Plätzchen frei ist. Das ist, wen wundert's, vor allem vom Wochentag und der Wetterprognose abhängig. An diesem Donnerstag etwa waren der anstehende Freitag und Samstag in den meisten Bädern schon ausgebucht - lediglich im geräumigen Westbad waren noch Plätze frei. Einige Bäder waren sogar bis einschließlich Sonntag rot hinterlegt: Nix geht mehr. Kugler empfiehlt denen, die leer ausgegangen sind, einen zweiten Blick ins Online-System. Bevorzugt am späten Vormittag, wenn die Frühschwimmer wieder weg sind. Inzwischen wird nämlich am Ausgang per Infrarotschanke registriert, wie viele Leute schon wieder weg sind, und Sportschwimmer liegen selten stundenlang auf ihrer Decke herum. Da beim Hinausgehen der gebuchte Platz verfällt, kann er neu vergeben werden.

Im Westbad zur Coronazeit. Entspannte Atmosphäre und Gemütlichkeit wegen weniger Leute.

Wer einen Platz ergattert, kann sich in den städtischen Freibädern (hier das Westbad) gerade richtig schön austoben.

(Foto: Florian Peljak)

Mittlerweile haben die Badbetreiber auch Erfahrungen mit der zu erwartenden No-Show-Quote, also den Reservierungen, die mangels spontaner Badelust einfach verfallen. Offiziell stornieren lässt sich das E-Ticket nämlich nicht. Das hätte möglicherweise Komplikationen an der Kasse und damit unerwünschtes Gedrängel in der Warteschlange gegeben, wenn Leute mit stornierten QR-Codes doch noch aufgetaucht wären. Deshalb habe man sich dagegen entschieden, so Kugler. Erneut reservieren darf man erst, wenn der gebuchte Badetag bereits begonnen hat.

Ob die unfreiwillige Umstellung beim Ticketkauf längerfristige Folgen hat, ist noch offen. Die Bäder-Chefin kann sich durchaus vorstellen, dass das E-Ticket in den Sommerbädern eine Zukunft hat. In den ebenfalls von den Stadtwerken betriebenen Hallenbädern gäbe es allerdings ein kostspieliges Problem: Die Karte, die dort an der Kasse erworben wird, dient nicht nur zum Passieren des Drehkreuzes, sondern auch für den Garderobenschrank. "Die Million" für die Umstellung der Schlösser würde sich Kugler gerne sparen.

Auf der Leiter zur großen Rutsche des Westbads stehen sie inzwischen eng wie immer. Daran kommt man auch in den Freibädern nicht vorbei - dass die Münchner zunehmend nachlässiger werden mit dem Corona-Schutz. Auch wenn die Stadtwerke fast ein Drittel mehr Personal in die Freibäder beordert hat - Mitarbeiter, die die Zahl der Schwimmer in den Becken zählen und auf eine leidlich ausgewogene Verteilung achten. Unvernunft, und sei sie auch das unschuldige Ergebnis von Sommer-Euphorie, lässt sich eben nie ganz verhindern. Und so gibt es auch draußen vor der Kasse die beiden Jugendlichen, denen das Abstandsgebot zur Vorderfrau ähnlich wichtig erscheint wie die Zukunft der Vinylplatte. Es ist wie in U-Bahn und Tram: Wer Essen und Telefonieren wichtiger findet als das Tragen einer Maske, hält auch den Aufstieg zur Rutsche für ein coronafreies Ereignis. Die Wasserpilze sind im Westbad übrigens weiterhin außer Betrieb, dafür läuft der Strömungskanal inzwischen wieder auf niedrigster Stufe.

Das wichtigste Ziel im Reservierungs-Zirkus, das Vermeiden langer Warteschlangen am Eingang, haben die Stadtwerke erreicht - am Michaelibad ebenso wie an der Georgenschwaige, dem Dantebad oder den anderen. Wie viele Leute hinter die Sperre dürfen, hängt von der Größe der Liegewiesen und der Schwimmbecken ab. Die Probleme des vergangenen Jahres, als größere Jugendgruppen Polizeieinsätze auslösten, gibt es nicht mehr. Der inzwischen abgeschaffte freie Eintritt für alle Jugendlichen, so Kugler, habe die Freibäder damals quasi zu einer willkommenen Erweiterung des knappen öffentlichen Raums und damit zu Treffpunkten gemacht. Kugler will aber nicht missverstanden werden: Auch wenn die Ereignisse der Sommersaison 2019 unschön waren - loswerden wolle man die Jugendgruppen keinesfalls. Auch wenn ältere Stammgäste verlorengegangen sind. Die Stadtwerke denken vielmehr über eine Art Brückenschlag zur jungen Generation nach - in Form von Angeboten à la Arschbombenwettbewerb oder Ähnlichem. Detailliert ausgetüftelt ist das allerdings noch nicht.

Im Westbad zur Coronazeit. Entspannte Atmosphäre und Gemütlichkeit wegen weniger Leute.

Der Andrang auf die Freibäder ist derzeit groß.

(Foto: Florian Peljak)

Aktuell hat Kugler festgestellt, dass die Badegäste in dieser Saison sehr viel respektvoller auftreten. Gut möglich, dass durch die wochenlange Schließung vielen erst bewusst wurde, dass die weitläufigen Badelandschaften eben doch nicht so selbstverständlich sind wie bisher angenommen. Und dass vielen vielleicht auch klar geworden ist, dass dies kein kommerzielles Angebot ist - die Bäder haben auch vor der Pandemie schon Defizite geschrieben. Seit die Aufenthaltszeiten der Badegäste erfasst werden, staunt Kugler darüber, wie unterschiedlich die einzelnen Bäder genutzt werden. Schyren-und Dantebad sind die Horte der Sportschwimmer, die regelmäßig Tickets buchen, dafür aber nur wenig Zeit auf der Liegewiese verbummeln. Sie sind oft schnell ausgebucht. Ungerer- und Westbad mit ihren großen Liegeflächen bleiben normalerweise länger verfügbar.

Eher verhalten läuft es derzeit bei den Hallenbädern. Da trauen sich offenbar doch viele noch nicht hinein, trotz Chlor im Badewasser. Kapazitätsprobleme gibt es überhaupt nicht. Was sich im Herbst nach Schließung der Freibäder radikal ändern könnte. Kugler weiß noch nicht, ob man dann weiter ohne Online-Reservierung auskommt - "das wird eine Herausforderung". In bestimmten Bädern wird es wohl ohne nicht mehr gehen.

Kompliziert ist die ewige Zählerei an Ein- und Ausgängen sowie am Beckenrand auf jeden Fall, normalerweise gibt es zumindest in den Freibädern keine strikten Zugangslimits. Und manchmal spielen auch die Badegäste den Betreibern unfreiwillig einen Streich. Wie der kleine Junge in Badehose, der so lange am Drehkreuz des Ausgangs herumspielt, bis er sich selbst ausgesperrt hat. Und dann unten durchkriechen muss, um wieder hineinzukommen. Im Reservierungssystem hat nun ein Badegast die Liegewiesen verlassen. Der Platz kann neu vergeben werden.

© SZ vom 07.08.2020/syn

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