Literatur:Der König unter den Queens

Freddie Mercury (Queen)

Männer mit Bärten: Freddie Mercury gibt im August 1984 auf der Straße in München einem Polizisten ein Autogramm.

(Foto: Fryderyk Gabowicz/picture alliance)

Freddie Mercury war ein Weltstar, der München - und in München - liebte. Ein neues Buch begibt sich auf die Pfade des Pop-Sängers durch die Stadt und ihre 80er-Jahre-Szene. Die bedeutete für den Musiker vor allem eines: sexuelle Freiheit.

Von Dirk Wagner, München

Sechs Jahre lang hat Freddie Mercury in München gelebt, von 1979 bis 1985. Darum benennt die Stadt demnächst auch eine Straße nach dem Queen-Sänger. Doch die liegt im Kreativquartier an der Dachauer Straße, und damit abseits von allen Orten dieser Stadt, die sich mit Mercury verbinden ließen. Das wird, mit einiger Wehmut, allzu klar bei einem Stadtrundgang, auf dem der Autor Nicola Bardola sein neues Buch vorstellt: "Mercury in München. Seine besten Jahre". 48 Orte benennt Bardola darin, die noch nachzuvollziehen sind, auf den Wegen des Sängers. Neben erfolgreichen Queen-Alben hat Mercury hier zum Beispiel, in den Musicland Studios im Keller des Münchner Arabellahauses, auch sein Solo-Album "Mr. Bad Guy" aufgenommen. Erschienen ist das Buch bei Heyne Hardcore.

Der Untertitel "Seine besten Jahre" ist auch eine Kampfansage an die Filmbiografie "Bohemian Rhapsody". Die widmete Mercurys Zeit in München gerade mal zehn Minuten. Zehn Minuten zudem, in denen Mercury unglücklich im Hedonismus der Landeshauptstadt zu ertrinken scheint. Dabei habe er es genossen, wie unbehelligt er hier leben konnte. Davon ist Bardola überzeugt. Für seine Darstellung der Münchner Jahre hat er mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen. Darum gelingt dem Autor nicht nur eine spannende Biografie des Sängers. Bardola rückt auch das München jener Zeit wieder ins Rampenlicht und dessen Bedeutung für eine erstarkende Homosexuellen-Bewegung.

Literatur: Freddie Mercury in München. Das ist unschwer am Lederhosen-Boy auf seinem T-Shirt zu erkennen.

Freddie Mercury in München. Das ist unschwer am Lederhosen-Boy auf seinem T-Shirt zu erkennen.

(Foto: Foto: Herbie Hauke/Random House)

Denn auch dadurch hatte die Stadt an der Isar einen Reiz für Freddie Mercury: Hier durfte er seine homosexuellen Neigungen frei ausleben. Das hatte den Queen-Sänger auch optisch verändert, der bald schon einen Schnurrbart, den sogenannten Slawenhaken, trug. Queen-Fans kommentierten solchen Bartwuchs nicht selten mit Einwegrasierern, die sie ihrem Idol zukommen ließen. Als Mercury dann 1984 sogar mit Kunstbusen, Minirock, Damenperücke und Schnäuzer als staubsaugende Hausfrau durch das Queen-Video zu "I Want To Break Free" stöckelte, wurde der Streifen prompt vom US-amerikanischen Fernsehsender MTV boykottiert.

Gleichwohl Mercury damals auch in der New Yorker Schwulenszene verkehrte, und er in München vor allem mit dem österreichischen Wirt Winnie Kirchberger liiert war, hatte sich der Sänger offiziell nicht als schwul geoutet. Den meisten Besuchern des Elton-John-Konzerts 1984 in der Münchner Olympiahalle dürfte darum auch entgangen sein, dass der Rocket Man vom anwesenden Freddie Mercury sprach, als er ihm den Song "I'm still standing" widmete. Er tat dies mit den Worten "für Melena, die arme Kuh". Wegen einer Knieverletzung nämlich wohnte Melena, wie Elton John seinen Kollegen Freddie Mercury liebevoll nannte, dem Konzert am Bühnenrand sitzend bei - mit eingegipstem Bein.

In München verbrachte er viel Zeit mit Barbara Valentin

Ob Mercury nun aber schwul war oder bisexuell, lässt auch Bardola in seinem Buch offen. Immerhin gilt ja nicht nur die aus London stammende Mary Austin als Mercurys "Love Of My Life". In München verbrachte der Sänger so viel Zeit mit der Schauspielerin Barbara Valentin, dass auch hier schon Hochzeits-Gerüchte die Runde machten. Gerne erzählt etwa die Wirtin des Heiliggeiststüberls am Viktualienmarkt, wie Barbara Valentin und Freddie Mercury morgens um viertel nach fünf beim Aufräumen halfen und sich so ihr Weißwurstfrühstück verdient hätten.

Die Schauspielerin habe die Gläser gespült und der Sänger den Boden gekehrt. Wie weit die kleinen Anekdoten, die auch Bardolas 432-seitiges Buch über Mercurys Bavarian Rhapsody beleben, immer der Wahrheit entsprechen, sei dahin gestellt. Wichtiger ist hier wohl das Gesamtbild, das sie prägen. Und das zeigt einen sehr kreativen Musiker, der allein fünf erfolgreiche Queen-Alben und ein Solo-Album in den Münchner Musicland Studios aufgenommen hat.

Holzplatz - ehemaliges Pissoir

Das alte Toilettenhäuschen stand früher in der Nähe des Sendlinger Tors und galt als Schwulentreff. Versetzt wurde es erst in die Holzstraße, dann erhielt es auch noch eine Graffiti-Wand, die unter anderen Freddie Mercury zeigt.

(Foto: Joely Krabel)

Denkmäler, die diesen Umstand in München preisen, sucht man indes vergebens, sieht man einmal von den wenigen Fotos ab, die in einigen von Mercurys einstigen Stammlokalen kleine Zeichen setzen. "Wenigstens ein Schild an der Häuserwand könnte doch darauf hinweisen, dass Freddie Mercury hier das Video zu Living On My Own gedreht hatte", betonte Bardola darum auf seiner Stadtführung für Queen-Interessierte. Diese starrten derweil auf das Gebäude in der Rumfordstraße, wo einst der Travestie-Club "Old Mrs. Henderson" berühmte Gäste wie David Bowie, Mick Jagger oder eben Freddie Mercury begrüßte. Letzterer feierte hier sogar seinen 39. Geburtstag.

Eine Einladungskarte dazu ist aktuell in der Ausstellung "Nachts" im Münchner Stadtmuseum zu sehen. Die Geburtstagsparty selbst kommt auch im besagten Video zur Solo-Single "Living On My Own" vor. Ursprünglich hätte Mercury das Video wohl im P1 drehen wollen. Als er den Club vorab mit Barbara Valentin und Winnie Kirchberger begutachten wollte, hatte der Türsteher das Trio allerdings abgewiesen.

Was die fehlenden Denkmäler in München betrifft, macht da einzig ein Graffito auf dem historischen, runden Toilettenhäuschen in der Holzstraße eine Ausnahme. Neben dem jungen noch bartlosen Einstein, der im Glockenbachviertel seine Kindheit verbrachte, und Rainer Werner Fassbinder ist hier auch das Konterfei von Freddie zu sehen. Fassbinder und Mercury lebten beide einige Jahre in diesem Viertel. Beide mit Schnauzbart versteht sich.

© SZ/her/vewo
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