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Frauenförderung:"Themen wie Machtmissbrauch gehören zur Vergangenheit"

Jadranka Leth-Espensen kümmert sich um Frauenförderung an der Münchner Hochschule für Musik und Theater und an der Hochschule für Film- und Fernsehen. Ihre Stelle ist jedoch befristet.

(Foto: Gino Dambrowski)

Als Reaktion auf die Missbrauchsvorfälle an der Münchner Musikhochschule wurde eine neue Stelle geschaffen. Jadranka Leth-Espensen kümmert sich auch um die Hochschule für Fernsehen und Film - und hat viel zu tun.

Von Sabine Buchwald

Ein gutes Jahr liegt nun hinter Jadranka Leth-Espensen. Seit Februar ist sie Referentin für Personalentwicklung an der Münchner Hochschule für Musik und Theater (HMTM) und an der Hochschule für Film- und Fernsehen (HFF). Ihr Schwerpunkt: Frauenförderung. In diesem Sinne ist Leth-Espensen ansprechbar für alles, was in der Vergangenheit an den beiden Hochschulen nur unzulänglich Beachtung fand.

Ihre Stelle ist befristet bis Ende 2022 und in Teilzeit. Leth-Espensen muss ihre Arbeitsstunden also aufteilen: Zwei Drittel der Zeit gehören der Musikhochschule, ein Drittel der HFF. Dabei gäbe es viel mehr zu tun, als sich in der vorgesehenen Zeit schaffen lässt. "Ich könnte 24 Stunden am Tag beschäftigt sein", sagt die Referentin - neue Ideen anschieben.

Ihr Posten wurde im Rahmen der aktuellen Zielvereinbarungen der Musikhochschule mit dem Kunstministerium (Innovationsbündnis 4.0) geschaffen und wird vom Ministerium finanziert. Er ist eine Antwort auf die Missbrauchsvorfälle an der Musikhochschule, aber auch eine Maßnahme, den beiden Hochschulen zukunftsweisende Strukturen zu geben. An der HFF unterstützt Leth-Espensen mit zehn Stunden vor allem die Frauenbeauftragte Michaela Kezele.

An der HMTM sind ihre Aufgaben vielfältiger. Auch dort möchte sie den Anteil der Professorinnen auf mindestens 30 Prozent erhöhen. Prinzipiell aber will sie bei Professoren und Dozenten beider Geschlechter sukzessive einen Sinneswandel bewirken. Ein "das haben wir schon immer so gemacht" soll künftig niemandem mehr leicht über die Lippen kommen.

Eine ihrer Aufgabe war es in den ersten Monaten vor allem, ein grundsätzliches Verständnis für Veränderung zu schaffen. Außerdem soll der Umgang miteinander im Unterricht und im Kollegium reflektiert werden. "Themen wie Machtmissbrauch gehören zur Vergangenheit."

Die Studierenden und jüngeren Lehrenden seien zum Teil offener für Veränderungen, sagt Leth-Espensen. Sie stellten oft viel mehr infrage. Bei anderen musste sie erst mal erklären, warum Entwicklung überhaupt nötig sei, warum es ihre Stelle gebe. "Gerade an einer Hochschule sollte ein Blick nach vorne, links und rechts da sein", sagt Leth-Espensen. Für sie selbst ist Entwicklung gleichzusetzen mit lebenslangem Lernen. Das müsse an einer Hochschule verankert sein, meint sie.

Leth-Espensen, 49, hat langjährige Erfahrung als Coach und systemische Beraterin. Wer sie als solche bucht, will meist Verbesserungen in seinem Arbeitsumfeld oder in seinem Leben. An der Hochschule sind ihre Gesprächstermine, Fortbildungen und Workshops ein Angebot für Freiwillige. Es werden wohl nie alle dazu bereit sein, schätzt Leth-Espensen. Anregungen holt sie sich aus skandinavischen Ländern, die sie in vielen Punkten für fortschrittlicher hält. Projektarbeit gebe es dort schon sehr viel länger als hier.

Sie weiß, dass ein Kulturwandel seine Zeit braucht. Ihre Aufgabe sei es, die Weichen dafür zu stellen. Themen sollen schneller und offener angesprochen werden. "Wir schauen genau hin", sagt Leth-Espensen. Einiges hat sich an der Musikhochschule bereits getan: Studierende können Lehrerwechsel beantragen, in dringenden Fällen auch während des Semesters. Auch bei Prüfungen wird darauf geachtet, dass möglichst niemand befangen ist. Zudem gibt es nun Arbeitsgruppen, die zusammen mit Leth-Espensen Fortbildungsangebote entwickeln. Wo der Bedarf liegt, wird sich wohl erst noch nach und nach offenbaren.

Leth-Espensen mangelt es nicht an Ideen

Die Corona-Pandemie hat allerdings Veränderungen gebracht, mit denen niemand gerechnet hätte. "Im Januar 2020 hätte ich nie gedacht, dass so viele neue Themen meine Arbeit beeinflussen würden", sagt Leth-Espensen. Das Arbeiten im Home-Office beispielsweise: Das bedeutet Lehren am Bildschirm, womit nicht alle zurecht kommen. Musikunterricht ist nach den Missbrauchsvorfällen in Privaträumen untersagt. Leth-Espensen drückt die Lage vorsichtig aus: "Die Kollegen, die mit dem Digitalen noch nicht ganz warm geworden sind, müssen sich nun einfinden."

Die Workshops für die nächsten Wochen wurden der Situation entsprechend konzipiert. Die Angebote im "Digitalen Stammtisch 2021" geben Input für Online-Unterricht, einzeln und in der Gruppe. Etwas grundsätzlicher ist das Thema "Feedback in der künstlerischen Lehre" das Methoden-Training. Unter dem Motto "HMTM in Bewegung" bietet Leth-Espensen auch Einzel- und Team-Coaching - allerdings nur für hauptamtlich Lehrende. Für Lehrbeauftragte fehlten dazu die Mittel. Dabei seien sie "wichtige Multiplikatoren", sagt Leth-Espensen.

An der zur Musikhochschule gehörigen Ballettakademie versucht sie die Dozenten zu unterstützen, das neue pädagogische Konzept umzusetzen. Ein wichtiger Aspekt dabei: die Gesundheit der Tänzerinnen und Tänzer; Verletzungen vermeiden, mit dem Körper und dem Aussehen umgehen lernen.

Insgesamt könnte die Nachfrage nach ihrer Unterstützung wohl noch höher sein. Dass sie das nicht ist, liege wohl daran, dass es so lange keine Möglichkeit dafür gab. Aber es mangelt ihr nicht an Ideen. Ein Onboarding-Programm etwa soll neue Mitarbeiter besser einbinden. Für November ist ein weiterer Aktionstag unter dem Titel "Respekt" mit Vorträgen und Diskussionsrunden geplant. Ein solcher fand schon 2019 an der Musikhochschule statt. Diesmal sollen die Kollegen der HFF federführend die Veranstaltung ausrichten. Filme arbeiteten oft mit Stereotypen, erklärt Leth-Espensen. "Die Gesellschaft aber ist bunt, das wollen wir immer wieder deutlich machen." Alles, was Leth-Espensen in ihrer Funktion bis März 2023 noch tun wird, soll zukunftsweisend sein.

© SZ vom 24.03.2021/wean
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