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Ralph Fiennes:Lord Voldemort kommt in die Stadt

Egal, welche Rolle - der Brite Ralph Fiennes geht darin auf. München empfängt den Schauspieler mit offenen Armen, zeichnet ihn mit dem Cinemerit-Award aus und zeigt viele seiner Werke.

Genau so muss er aussehen, der größte Schwarzmagier unserer Zeit: Bleich, kahl, bedrohlich und mit zwei Gesichtsschlitzen statt einer Nase ausgestattet. Er spricht kultiviert, fast wie eine Figur aus einem Shakespeare-Stück, dabei ist er ein Todesengel aus einem Fantasy-Universum. Und seinen Namen traut sich sowieso keiner auszusprechen: "Du weißt schon wer", sagen sie, wenn sie über ihn reden. Es geht um Lord Voldemort, den nasenlosen Finsterling aus den Harry Potter-Filmen, gespielt wurde er von Ralph Fiennes.

Es ist seine wohl bekannteste Rolle - was etwas heißen will, hat der britische Schauspieler doch schon eine ganze Reihe von bekannten Rollen gespielt: Den Geheimdienstchef M in den James Bond-Filmen, den Gangsterboss in der Krimikomödie Brügge sehen ... und sterben, den versnobten Concierge im Kinohit Grand Budapest Hotel oder den spröden Diplomaten im Thriller Der ewige Gärtner. Und bei jedem dieser Filme sagt man sich: Genauso muss er aussehen, dieser Geheimdienstchef, Gangsterboss, Concierge oder Diplomat. Wenn es aber darum geht, wer hinter diesen ikonischen Rollen steht, erkennen ihn die meisten Zuschauer zwar - sein Name fällt aber nicht allen ein: "Du weißt schon wer ...".

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Warum sagt niemand, "ich liebe dich aus ganzem Hirn"?

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Natürlich ist Ralph Fiennes ein Star, aber keiner von der Sorte, wie man ihn in sich vielleicht in Hollywood vorstellt. Dabei dreht er auch in Amerika, er besucht Festivals, Premieren oder läuft über rote Teppiche, aber immer im Dienste der (Schauspiel)Sache. Von private Eskapaden, Skandalen oder wechselnden Liebschaften ist kaum etwas bekannt - und falls es etwas geben sollte, weiß er es gut zu verbergen. Ihm geht es um seine Arbeit, um jede einzelne Rolle, weniger um sein Image. In seinem Spiel kennt er keine Furcht, er entblößt sich, macht sich hässlich und versinkt so sehr in seinen Rollen, dass man fast vergisst, wie vertraut einem dieses Gesicht eigentlich ist. "Ich war fast mein ganzes Leben Schauspieler", sagte er vor drei Jahren im SZ-Interview. "Aber Routine ist es nicht. Es ist immer ein bisschen Druck da. Ich meine - ein bisschen Angst zu haben ist eigentlich ganz gut."

Aber auch die anderen haben Angst vor ihm: So gestand er erst kürzlich im englischen Fernsehen, dass es ihm bei der Voldemort-Rolle darum ging, ihn möglichst gruselig zu spielen. Deshalb habe er aus Testzwecken, als er schon geschminkt und auf dem Weg zum Set war, dem Sohn eines Mitarbeiters tief in die Augen geschaut. "Er hat sofort angefangen zu weinen, das war fantastisch", sagte er auf eine schwarzhumorige Art, wie sie wohl nur die Briten hinbekommen. 1962 im ostenglischen Ipswich geboren, begann Ralph Fiennes ein Studium der bildenden Kunst, aber schon nach einem Jahr wechselte er ins Schauspielfach.

Er stammt aus einer Künstlerfamilie, sein Vater war Fotograf, die Mutter Schriftstellerin. Sein Bruder Joseph ( Shakespeare In Love) wurde ebenfalls Schauspieler, seine Schwester Martha Regisseurin ( Onegin). In den Achtzigerjahren spielte Fiennes Theater, er schloss sich der Royal Shakespeare Company an und steht noch heute regelmäßig auf der Bühne. Seine Mutter habe ihm als Kind eine Schallplatte mit Shakespeare-Texten von Laurence Olivier vorgespielt, sagte er einmal, seitdem würden ihn diese durchs Leben begleiten.

Auf der Bühne steht er aber auch in Stücken von Shaw, Ibsen oder Beckett. Zuletzt aber war es wieder ein Drama von Shakespeare, "Antonius und Cleopatra", 2018 am National Theatre in London. Kein Wunder also, dass er für sein spätes Spielfilmregiedebüt auch Shakespeare auswählte: Coriolanus entstand 2011, er hatte den römischen Kriegshelden zuvor schon auf der Bühne gespielt. Auch in der recht martialisch daherkommenden Filmversion übernahm er die Hauptrolle, er rasierte sich den Schädel, badete in Blut und transformierte das Stück in die Gegenwart. Die Dialoge blieben unverändert, gedreht wurde in Serbien und Montenegro. Das Filmfest zeigt Coriolanus im Rahmen einer Fiennes-Hommage am Sonntag, 30. Juni, um 15 Uhr im Filmmuseum.

Seinen ersten Mini-Auftritt vor einer Filmkamera hatte er übrigens 1991 in der Krimiserie Prime Suspect mit Helen Mirren, seinen Durchbruch feierte er zwei Jahre später in Steven Spielbergs Schindlers Liste. Da spielte er den KZ-Lagerkommandanten Amon Göth, der auf einer Veranda stand und völlig wahllos Häftlinge erschoss. Spielberg engagierte ihn, weil er eine "teuflische Sexualität" ausstrahlte. Sein Sex-Appeal wurde auch in seinem nächsten großen Film zum Thema: Der englische Patient (1996) erzählt die Geschichte des ungarischen Grafen László Almásy, der nach einem Flugzeugabsturz entstellt im Krankenbett liegt und sich an eine Liebe im Ägypten der Dreißigerjahre erinnert. Die Literaturverfilmung gewann neun Oscars, wurde mit Casablanca verglichen und war auch finanziell ein großer Erfolg (30.6., 11 Uhr, Filmmuseum).

Insgesamt fünf Filme von und mit Ralph Fiennes werden gezeigt, so auch seine zweite Regiearbeit The Invisible Woman aus dem Jahr 2013 (2.7., 14.30 Uhr, Münchner Freiheit) oder der wunderbar irre Sommer-Thriller A Bigger Splash (2015), in dem er mit vollem Körpereinsatz und zu einem Song der Rolling Stones seine Co-Stars Tilda Swinton und Matthias Schoenaerts an die Wand tanzt (2.7., 22.45 Uhr, Münchner Freiheit). Natürlich wird diese kleine Filmauswahl diesem großen Künstler nicht gerecht, schön ist das Wiedersehen im Kino aber trotzdem.

Aber es gibt auch Neues von ihm zu sehen: Nurejew - The White Crow (2018) ist ein Film über den sowjetischen Ballettstar Rudolf Nurejew (gespielt vom ukrainischen Tänzer Oleg Ivenko), der 1961 nach einem Gastspiel in Paris in den Westen flüchtet. Ralph Fiennes spielt in diesem Biopic die Rolle des Leningrader Ballettmeisters Alexander Puschkin. Er führte auch Regie und stellte es in den vergangenen Monaten auf vielen Filmfestivals persönlich vor, in Telluride, London, Tokio oder Moskau.

Jetzt ist München an der Reihe, das Filmfest nimmt den Besuch zum Anlass und ehrt ihn mit dem Cinemerit-Award. Die Verleihung findet am Montag, 1. Juli, 18 Uhr, im Carl-Orff-Saal statt, im Anschluss läuft der Film (Tickets gibt es online oder an den Festivalkassen). Zur zweiten Vorführung des Films (6.7., 18 Uhr, Rio) wird der viel beschäftigte Schauspieler schon wieder woanders sein: Derzeit steht er gemeinsam mit Daniel Craig und Naomie Harris für den neuen James Bond vor der Kamera. Am Londoner Set besuchte ihn übrigens vor ein paar Tagen Prince Charles (der angeblich ein entfernter Cousin von Ralph Fiennes ist). Der britische Thronfolger informierte sich über den Filminhalt und sagte dem Schauspieler dann, dass er ihn kenne. Woher? Natürlich aus den Harry Potter-Filmen.

Ralph Fiennes kommt am Montag, 1.7., 16 Uhr, zu Filmmakers Live in die Black Box/Gasteig

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