Münchner Filmfest:Ein Lächeln in der Krise

Lesezeit: 4 min

Von Hofnarren bis zu Kernkraftwerken: Modische, pandemische, menschliche und filmische Eindrücke vom Münchner Filmfest.

Von Bernhard Blöchl und Philipp Crone

Neue Begrüßungen sind beim Filmfest eigentlich selten. Sich kameratauglich in die Arme fallen und zu den aktuellen Projekten gratulieren, das sind normalerweise gewohnte Bilder. Diesmal lief das anders bei den Premieren und Empfängen. Während zunächst die Ellbogenchecks wegen mangelnder Übung noch sehr sanft ausfielen, nahm der Bewegungsablauf im Laufe der Tage schnell an Tempo zu. Schon am Sonntag, dem vierten Filmfesttag, trafen sich die Ellbogen von Produzenten, Darstellern, Regisseuren und anderen Filmschaffenden in erstaunlicher Präzision. Und dann immer der erste Satz: "Vax to Vax?", also geimpft zu geimpft, wie Constantin-Chef Martin Moszkowicz erklärt, der häufig in den USA zu tun hat. Oder auch simpel auf Deutsch: "Doppelt geimpft?" Denn wenn die Antwort Ja lautet, kann man sich eben auch in die Arme fallen. Trotzdem werden dann vor den Fotowänden zur Sicherheit Bilder mit und ohne Maske gemacht - wer weiß, wie die Regeln sind, wenn die Fotos verwendet werden?

Caroline Link ist auf jeden Fall doppelt geimpft. Sie hat andere Sorgen als die Begrüßung, bei ihr geht es um die Menschen an sich. "Ich fremdele noch etwas mit den Begegnungen", sagt sie am Eröffnungstag. Die Oscar-prämierte Regisseurin ("Nirgendwo in Afrika") will "sehr gerne glauben, dass ich jetzt wieder Leute treffen kann". Aber sie habe das vergangene Jahr eben so wenig gesprochen und so wenigen Menschen gegenüber gestanden, "dass ich wahrscheinlich gar keinen Small Talk mehr kann". Da ist das Filmfest trotz aller Einschränkungen aber natürlich die ideale Resozialisationsmaßnahme.

Internationales Filmfest München

Schauspielerin Corinna Harfouch ("Das Mädchen mit den goldenen Händen") sitzt am Olympiasee vor dem wohl mit Abstand meistfotografierte Steinhaufen der Stad.

(Foto: dpa)

Es entstehen ja auch neue Modeströmungen auf dem Filmfest. Während sich in normalen Jahren die nur halbprominenten Gäste durch schrille Outfits den Fotografen schmackhaft machen wollen, sind in diesem Sommer nur die wirklich Beteiligten an den Filmen bei den Premieren. Corinna Harfouch zum Beispiel, die Hauptdarstellerin des Films "Das Mädchen mit den goldenen Händen". Sie steht bei der Premiere vor einem Steinhaufen am Olympiasee, an dem in den folgenden Tagen noch sehr viele Darsteller stehen werden. Man kann davon ausgehen, dass der Steinhaufen der mit Abstand meistfotografierte Steinhaufen der Stadt wird, innerhalb von wenigen Tagen. Harfouch posiert da also, mit Kollegen, mit dem Team, mit der Regisseurin, und immer hängt ihr da etwas Weißes am Arm. Ob sie das nicht ablegen könne? "Nein! Das ist meine Clutch!" Ach, dabei sieht diese leere Handtasche einer FFP2-Maske täuschend ähnlich.

Vom Buch zum Film, das ist ein bewährter Weg, der auch auf dem diesjährigen Filmfest an vielen Stellen zu sehen ist. Der Premierenthriller von Bestseller-Autor Sebastian Fitzek zum Beispiel wird von Amazon zu einer Serie verwertet. Dabei ist so eine Verfilmung ganz schön schwierig, sagt Fitzek: "Im Prinzip muss aus dem Buch alle Gedankenpassagen und alle Dialoge raus, hat mir einmal ein Drehbuchautor gesagt." Da bleibt oft nicht viel übrig. Deshalb sind die Drehbuchautoren so wichtig, die in einem Buch die Teile erkennen und herausarbeiten, die man zeigen kann. "Mit Bildern, die nicht abgegriffen sind", sagt Fitzek. Er selbst habe Glück gehabt in der Pandemie. "Wenn Leute schnell in einen Buchladen reingehen und wieder raus, kaufen sie etablierte Namen." Wie Fitzek. Trotzdem ist er verärgert. "Ich habe den Eindruck, dass die Kultur nicht im politischen Fokus steht. Als seien wir die Hofnarren, die man sich leitet, wenn es einem gut geht."

Über das Kino in der Krise und seine Wiederauferstehung wird sowieso viel gesprochen. Klar, das Thema brennt. Auch Senta Berger liegt es sehr am Herzen. Die große Schauspielerin wird im Carl-Orff-Saal mit dem Cinemerit-Award ausgezeichnet, eine besondere Ehre für Filmschaffende, die außer ihr in diesem Jahr noch der US-Kollegin Robin Wright zuteil wird. Während Wright ("House of Cards") anderntags nur im Stream erscheint, nutzt Berger den leibhaftigen Auftritt auf der großen Bühne. Und wie! Sie nutzt ihn für eine flammende Rede. "Ich will gar nicht im Kino entspannen", sagt sie und hat die Aufmerksamkeit des Publikums. "Ich will gespannt sein, ich will was erleben. Ich will einen Film respektieren können. Ich will ihn verfolgen. Er soll in meinem Kopf sein. Ja, ich möchte mehr Respekt haben für unsere Kunst." Und auch mehr Geld. Deutlich fordert sie mehr Fördergelder für das Kino - und geht in die Offensive. "Wollen wir das Kino behalten? Hat es den Stellenwert wie die Münchner Oper? Wollen wir das? Dann muss man in diese Richtung denken und sich bewegen." Großer Applaus.

Noch schärfere Worte findet der Kinobetreiber Christian Pfeil. "Würde ich in der Kaufingerstraße ein Kernkraftwerk planen, würde ich eine höhere Förderquote haben, als wenn ich ein Kino in der Provinz errichte", sagt er in einer Diskussionsrunde im Gasteig über das Missverhältnis bei den verlässlichen Förderungen. Pfeil, der mit Markus Eisele in München das Monopol, das Arena und seit Kurzem auch das Rio führt, ist auch in anderen Städten Kinobetreiber und kennt die Probleme, die schon vor der Corona-Krise existierten. Optimistisch ist er dennoch. Zwar habe er zuletzt hauptsächlich mit den depressiven Stimmungen der Mitarbeiter umgehen müssen. Er habe aber auch "noch nie so viel Förderung bekommen wie in der Pandemie", räumt er ein. Und erzählt von beglückenden "Tränen im Kinosaal", als der Spielbetrieb wieder aufgenommen und die Allmacht des Streamings beschränkt wurde. "Das würde ich bezweifeln, dass man Tränen bekommt beim Anschalten des Computers."

An eine Zeit ohne Streams erinnert sich Franka Potente. Die Schauspielerin, die beim Filmfest 2021 ihr Regiedebüt "Home" vorstellt und außerdem mit dem Margot-Hielscher-Preis geehrt wird, denkt an ihr frühes Gastspiel vor mehr als 20 Jahren zurück. Mit Tom Tykwers "Lola rennt" war sie schon einmal beim Filmfest München dabei. Der Film sei sehr spät abends als eine Art "Testballon" gelaufen, unmittelbar nach einem sehr prominenten Film. "Wenn man so frech sein will: 'Trainspotting' war unsere Opening-Band", sagt Potente in einem Filmfest-Gespräch. Und schwärmt von der "Stimmung wie im Fußballstadion". Da bekomme sie heute noch Gänsehaut.

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Filmfest München
:"Während des Drehs bin ich sehr in die Arbeit und meine Figur vertieft"

Luise Heyer liebt intensive Rollen. Als Mutter in Hape Kerkelings Autobiografie "Der Junge muss an die frische Luft" gelang ihr der Durchbruch. Beim Filmfest München zeigt sie nun andere Facetten.

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