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Krankheit:"Demenzkranke haben oft eine permanente Angst, etwas falsch zu machen"

Die Teilnehmer sollen bei der Führung riechen, hören, fühlen, sehen - das soll bei ihnen Erinnerungen wecken und Ängste vertreiben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Riechen, hören, sehen und fühlen: Die Sinne mit einzubeziehen ermöglicht es Dementen, ihre Welt zu weiten. Eine spezielle Führung durch die Frauenkirche mit Kunsthistorikerin Ruth Lobenhofer.

Er schließt die Augen, als der Diakon die Karaffe mit dem Öl vor ihn hält, senkt den Kopf, bis seine Nase ganz nah über der Öffnung ist und saugt den Duft in sich ein. Zimt. "Hmmm", macht er, und ein Lächeln breitet sich in seinem Gesicht aus. Es schiebt den grauen Schnauzbart in die Höhe und seine roten Wangen, funkelt in den Augen und sogar die Augenbrauen scheinen zu lächeln. Ein Duft, der wärmt. Der vielleicht Erinnerungen weckt in ihm.

Sie sind eine Gruppe von zwölf Menschen, die durch die Frauenkirche gehen. Menschen mit Demenz, manche von ihnen alleine, andere mit ihren Partnern, eine ehrenamtliche Begleiterin und Viola Graus von der Alzheimer Gesellschaft München erspüren Münchens größte und wohl berühmteste Kirche. Und Ruth Lobenhofer, Kunsthistorikerin und Sozialpädagogin, hilft ihnen dabei. "Demenzkranke haben oft eine permanente Angst, etwas falsch zu machen", sagt Ruth Lobenhofer. "Die löst sich bei unserer Führung auf. Es gibt nichts, was sie falsch machen können. Nichts, was sie sagen, ist falsch."

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Der Mann mit dem grauen Schnauzbart ist mit dem Rad gekommen, er hat es vor der Frauenkirche abgestellt. Er ist an Demenz erkrankt, aber in einem frühen Stadium. Er geht gerne in die Kirche, nun steht er dort, in seiner knielangen Lederhose, hört zu und nickt immer wieder, wiederholt manchmal leise für sich das, was Ruth Lobenhofer sagt. Die Kunsthistorikerin hat mehrere kleine rote Steine aus ihrer Tasche geholt, hat sie den Männern und Frauen in die Hand gegeben und sie gefragt, was das ist. Ziegelstein, sagen ein paar leise. Ja, sagt sie, und erzählt, dass die Frauenkirche aus Ziegeln gebaut ist, genauso wie das alte München aus Ziegeln gebaut war.

Ruth Lobenhofer redet langsam, unterstreicht mit Gesten, was sie sagt. Sie erzählt, dass die Frauenkirche Hauben auf ihren Türmen trägt, Zwiebeltürme hat. Keine spitzen Türme, wie es sich für eine spätgotische Kirche eigentlich gehört. Sie wiederholt manches, spricht weniger über Jahreszahlen und Fakten als bei einer normalen Kirchenführung. Sie stellt viele Fragen, will die Männer und Frauen zum Reden bringen. Und sie reden schon bald.

Viola Graus ist die jüngste in der Gruppe. Sie arbeitet bei der Alzheimer Gesellschaft München und organisiert gemeinsam mit dem Münchner Bildungswerk regelmäßig solche Führungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. "Sie sind anders als die Kirchenführungen, die man sonst bucht", sagt Viola Graus. "Sie sind besonders." Es sind Führungen, die besonders auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz eingehen.

Die Führung in der Frauenkirche ist ein spezielles Angebot für Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

(Foto: Stephan Rumpf)

Lobenhofer hat etwa einen kleinen Lautsprecher in ihrer Tasche. Sie schließt ihn an ihr Handy an und eine Frauenstimme singt "Maria durch ein Dornwald ging", ihre Gruppe sitzt in den Kirchenbänken der Sakramentskapelle und lauscht. Ganz still sind sie, manche haben die Augen geschlossen. Dann entzündet Lobenhofer eine Räucherkerze, mit einer Feder fächelt sie den Duft zu jedem. Riechen, hören, fühlen, sehen - "es geht darum, Erinnerungen zu wecken, über Düfte und Klänge", sagt sie. "Die Menschen wieder zu packen."

In Deutschland leben 1,7 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind, in München sind es etwa 24 000. Die häufigste Form der Demenz ist Alzheimer, zwei Drittel der Betroffenen sind daran erkrankt. Und die Krankheit trifft nicht nur alte Menschen, sondern auch Menschen zwischen 45 und 65 Jahren. Die jüngste Klientin, die Viola Graus hatte, war 35 Jahre alt, als sie erkrankte.

"Junge Leute stehen mitten im Leben, sie wollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben, etwas Sinnstiftendes tun, nicht nur zuhause sitzen", sagt Viola Graus. Für junge Menschen mit Demenz und für solche, die noch in einem frühen Stadium der Krankheit sind, gibt es die Freizeitangebote der Alzheimer Gesellschaft. Denn viele Betroffene ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück, wenn sie erkranken. Wegen ihrer Einschränkungen. "In der Gruppe bei uns können sie so sein wie sie sind, mit ihren Einschränkungen", sagt Viola Graus.

Stadtführerin Ruth Lobenhofer ist Kunsthistorikerin und Sozialpädagogin.

(Foto: Robert Haas)

Außer den besonderen Kirchenführungen bietet sie den Betroffen auch Kochkurse an, sie gehen zum Schwimmen, zum Kegeln oder ins Kino. Meistens gibt es drei Termine in der Woche, so können Betroffene und Angehörige ihren Alltag planen. "Manche erkranken früh an Demenz. Sie verlieren durch die Krankheit die Struktur im Alltag. Ihnen fehlt etwas", sagt Viola Graus. So eine Struktur soll ihnen das Kursangebot geben. Und es soll die Angehörigen entlasten.

Ruth Lobenhofer führt die Gruppe den Mittelgang entlang bis vor den Altar der Frauenkirche, dann vor die Taufkapelle. Der Diakon hat einen Schlüssel an einem gelben Schlüsselband bei sich, damit sperrt er die Kapelle auf. Die Männer und Frauen stellen sich um das Taufbecken, sie fühlen den kühlen Marmor, betasten die lateinische Inschrift. Sie sprechen über die Taufe, dann öffnet der Diakon den Schrein für die drei heiligen Öle.

Er nimmt eine Karaffe heraus, öffnet den Deckel und geht im Kreis von einem zum anderen, er lässt jeden einzelnen daran riechen. Ein leichter Duft nach Rose ist dem griechischen Olivenöl beigemischt, nach der Taufe salben sie damit, mit dem Chrisam, die Babys. Dann nimmt er die zweite Karaffe aus dem Schrein, das Katechumenenöl, damit werden die Babys vor der Taufe gesalbt. Es duftet nach Zitrone, und das dritte Öl duftet nach Zimt. Es ist das Öl, das zur Salbung von Kranken verwendet wird.

Am Ende der Führung schenkt Ruth Lobenhofer allen eine kleine Plakette mit einer Marienfigur, zur Erinnerung an diesen Nachmittag. Der Mann mit dem grauen Schnauzbart steckt sie vorsichtig in die Brusttasche seines Hemdes. Dann verabschiedet er sich, zu Kaffee und Kuchen ins Café um die Ecke kommt er nicht mit. "Ich radel noch a bissl", sagt er und winkt zum Abschied.