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Pandemie:Wie die Corona-Krise sich auf den Wohnungsmarkt auswirkt

Musizieren gegen Corona: Das Zuhause ist in diesen Zeiten Zufluchtsort und Zwang zugleich.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Manche Vermieter geben sich großzügig, manche Hotelbetreiber zeigen sich einfallsreich - und selbst erfolgsverwöhnte Makler sind verunsichert.

Vor ein paar Tagen bekam Krisztina Csanyi einen ungewöhnlichen Anruf von ihren Vermietern. Csanyi arbeitet in einem Münchner Hotel in der Reservierung. Wegen der Corona-Krise stellt ihr Arbeitgeber im April auf Kurzarbeit um, für Csanyi bedeutet das: eine Drei-Tage-Woche und 30 Prozent weniger Gehalt. Ihre Vermieter hatten sich das schon gedacht und deshalb beschlossen, ihr für einen Monat die Miete zu erlassen. 530 Euro warm bezahlt sie sonst für ihr 28-Quadratmeter-Apartment in Giesing. "Das hat mich überrascht", sagt Krisztina Csanyi, "ich finde, es ist eine sehr schöne Geste." Dass Vermieter an so etwas dächten, sei "in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich".

Der Witz ist verlockend: Endlich werden die teuren Münchner Wohnungen durch die Ausgangsbeschränkungen mal so richtig ausgiebig genutzt. Tatsächlich aber wird für manche in dieser Krise ausgerechnet das Zuhause, an das nun alle - für wer weiß wie lange - weitgehend gebunden sind, zum Problem. Weil es für sie wegen Kurzarbeit oder, etwa bei freischaffenden Künstlern, durch den kompletten Wegfall von Honoraren, plötzlich schwierig bis unmöglich wird, die Miete zu bezahlen. Das Bundeskabinett hat auch deshalb am Montag ein Hilfspaket auf den Weg gebracht, um die Folgen der Corona-Krise abzumildern. Es soll am Mittwoch durch den Bundestag gehen. Die Themen Wohnen und Mieten spielen darin eine wichtige Rolle. Demnach soll es privaten und gewerblichen Mietern erlaubt sein, zunächst in den kommenden drei Monaten ihre Zahlungen zu reduzieren oder einzustellen, ohne dass der Vermieter ihnen deshalb kündigen kann. Danach kann die Bundesregierung die Regelung um weitere drei Monate verlängern. Der Mieter muss dabei "glaubhaft" nachweisen, dass er wegen der Pandemie nicht mehr zahlen kann. Erlassen werden soll die Miete allerdings nicht, sie muss später nachgezahlt werden.

Der Haus- und Grundbesitzerverein warnt trotzdem vor einer "einseitigen Belastung der Vermieter". Natürlich müsse Mietern in der Krise "sofort und möglichst unbürokratisch" geholfen werden, so Rudolf Stürzer von Haus und Grund München. Vermieter müssten sich ein Entgegenkommen jedoch auch leisten können - nicht bei jedem sei das der Fall. Es werde "eine Lawine losgetreten, weil auch Vermieter, die mit den Mieten ihre Bankdarlehen bedienen müssen, ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können". In den vergangenen Wochen hat sein Verein die gesamte Rechtsberatung auf Telefon umgestellt; zehn Anwälte nähmen jeden Tag insgesamt 500 Anrufe entgegen.

Vermieter wollten wissen, welche Rechtsansprüche etwa Gewerbemieter hätten, wenn sie nun Schwierigkeiten haben, ihre Miete zu bezahlen - weil sie ihr Kleidungsgeschäft oder ihren Friseursalon zusperren mussten. Grundsätzlich beobachtet Stürzer, dass "unsere Mitglieder da sehr großzügig sind". Viele Vermieter seien durchaus bereit, den Mietern entgegenzukommen, durch Stundung oder einen Teilerlass bis hin zum kompletten Erlass einer oder mehrerer Monatsmieten. Die meisten Vermieter wollten schließlich ihre Mieter behalten und hätten keine Lust, neue zu suchen. Weil bisher immer alles gut geklappt hat, aber auch - nicht ganz uneigennützig - "weil sie ja jetzt Probleme hätten, wieder einen entsprechenden Mieter zu finden", wie Stürzer sagt. Bei Wohnungen sei es im Grunde ähnlich wie bei Geschäften: "Wer mit den Mietern zufrieden ist, kommt ihnen entgegen." Auch dem Mieterverein sind derzeit keine Fälle bekannt von Mietern, die wegen der Corona-Krise Probleme mit ihren Vermietern bekommen haben - vielleicht ist es dafür aber noch zu früh. Rechtliche Einschätzungen zu Fragen rund um Kündigung, Besichtigung, Umzug und Wohnungsübergabe in Zeiten von Corona hat der Mieterverein am Dienstag auf seine Webseite gestellt.

Im Newsletter "Budenschleuder", in dem der Münchner Andreas Kräftner zweimal wöchentlich Gesuche und Angebote verschickt, ist gerade nicht weniger los als sonst. Anders ist, dass manche Texte jetzt mit einem "passt alle schön auf euch auf" oder "ich wünsche dir viel Gesundheit" enden. Eine Frau über 60, die zur Risikogruppe gehört, sucht dringend einen "Zufluchtsort in Corona-Zeiten" für tagsüber bis Ende April, weil ihre Nachbarwohnung grundsaniert wird, was mit großer Lärmbelastung verbunden ist - und "alle öffentlichen Orte, wo man sich sonst tagsüber aufhalten könnte, sind geschlossen." In Facebook-Gruppen wie "München - Wohnung gesucht" findet man jetzt auch ungewöhnliche Angebote. Etwa jenes des Hotels Holiday Inn Munich City East, das seine Zimmer bis August nun monatsweise vermietet: 850 Euro für 18 Quadratmeter, Fitnessraum-Nutzung inklusive, Zimmerservice mit Handtuchwechsel einmal pro Woche, "Klopapier ist auch dabei", versichert Hoteldirektor Carlos Schwarz. Zehn Zimmer habe man bereits auf diese Weise vermietet. "Wir waren die ersten, mittlerweile gibt es auch einige Nachahmer."

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Für eine seriöse Prognose, welche Auswirkungen die Krise auf Miet- und Kaufpreise haben könnte, sei es zu früh, sagt Stephan Kippes, Leiter der Marktforschung beim Immobilienverband Deutschland (IVD Süd). Obwohl die Corona-Krise die Nachfrage "für den Moment" bremse. Es fänden deutlich weniger Wohnungsbesichtigungen statt. Die entscheidende Frage sei, wie lange die "Bremsphase" des öffentlichen Lebens dauere. Auf der anderen Seite würden Immobilien als Anlagemöglichkeit für manche als "sowieso schon sicherer Hafen noch interessanter". Es gebe also "zwei gegenläufige Strömungen". Ähnlich äußert sich Rudolf Stürzer von Haus und Grund. Alles hänge davon ab, wie lange der Ausnahmezustand andauern werde: "Wenn er in wenigen Monaten beendet ist, sehe ich keine großen Auswirkungen. Dauert er bis Jahresende, kann es durchaus sein, dass der Markt auch in München eine Delle bekommt."

Die Münchner Makler gehen mit der Krise unterschiedlich um. Axel Wolf von Schwabinger Immobilien macht nur noch Termine, "wenn es wirklich notwendig ist", etwa für eine Schlüsselübergabe - alle anderen würden verschoben. Bei Aigner Immobilien sind alle Ladenbüros geschlossen, die Mitarbeiter arbeiten im Home- Office. "Da viele unserer Immobilien leer stehen, können Besichtigungen dort problemlos stattfinden - allerdings nur in Einzelterminen und auch hier unter Wahrung der Hygiene", sagt Thomas Aigner. Makler und Interessent hielten sich dabei etwa zu keiner Zeit im selben Zimmer auf.

© SZ vom 25.03.2020
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