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Urlaub in Corona-Zeiten:Die Münchner im Herbstferienblues

Sturmtief 'Sabine' - München

Wohin darf die Reise überhaupt noch gehen? Diese Frage ist für Münchner, die in den Ferien gerne wegfahren oder wie hier am Münchner Flughafen wegfliegen würden, derzeit schwer zu beantworten - geschweige denn zu planen.

(Foto: dpa)

Wer Fernweh hat, weiß gar nicht mehr wohin. Ins Warme? Schwierig. Außerhalb Europas geht nur noch ganz wenig - und selbst Deutschland ist ein Flickenteppich.

Von Dominik Hutter

Gerade sind wieder zwei Reiseträume zerplatzt. Thailand und Namibia. "Beides mussten wir stornieren", berichtet eine Mitarbeiterin von "Travel Overland" in der Wörthstraße. Weil die Einreise derzeit gar nicht möglich ist. Palmen, Wüste, Paläste, T-Shirt-Temperaturen - alles perdü. Stattdessen Regen und Kälte.

In den Münchner Reisebüros sind sie derzeit Kummer gewohnt, es wird ja schon seit Monaten gecancelt und gecancelt. Und nur noch sehr verhalten gebucht, wie es bei "Travel Overland" heißt. Weil viele Fernwehgetriebene gar nicht mehr wissen, was denn nun eigentlich noch möglich ist - und was morgen oder in zwei Wochen gilt, wenn die bayerischen Herbstferien beginnen.

Außerhalb Europas geht nur noch ganz wenig, der eigentlich als weltweiter Türöffner gelobte deutsche Pass hat stark an Wert verloren. USA, Kanada, ja selbst Mecklenburg-Vorpommern sind für Münchner unerreichbar. Frankreich? In der Krisenzone Paris und in anderen Großstädten herrscht eine nächtliche Ausgangssperre, inzwischen ist das gesamte Nachbarland Risikogebiet. Wie auch Tirol und Vorarlberg, die unmittelbar angrenzenden Urlaubsziele in Österreich.

Die Stimmung im Vorfeld der Herbstferien - in "normalen" Jahren werden dann Reisevorbereitungen getroffen - ist daher passend zum Münchner Himmel: grau, bedrückt, ein wenig resigniert. Gerade angesichts der frühen Schließzeiten in den Lokalen, der Restriktionen bei Feierlichkeiten und den doch schon unangenehm herbstlichen Temperaturen lockt die Ferne - in der freilich ebenfalls Corona-Regeln die erhoffte Sorglosigkeit dämpfen würden, wenn man denn überhaupt hinkäme. Eigentlich gilt eine ganz klare Empfehlung aus der Politik: auf Reisen, wenn möglich, in diesem Herbst zu verzichten. Damit das Virus nicht erneut quer durch Europa getragen wird. Und ein erneuter Lockdown vermieden werden kann.

Geplant wird allerdings trotzdem. Bei "Travel Overland" in Haidhausen ist aktuell das Interesse der Münchner an Griechenland und Italien aufgefallen. Allerdings ändert sich die Situation täglich, von diesem Samstag an gelten in Italien die Umgebung von Neapel (Kampanien) und Genua (Ligurien) als Risikogebiet, auf den Straßen im gesamten Land herrscht Maskenpflicht. Das Auswärtige Amt sieht zudem das Trentino, die Lombardei, Venetien und Latium auf ungünstigem Weg. Im vergleichsweise wenig betroffenen Griechenland, so berichtet die Reisebüro-Mitarbeiterin, wurde teilweise extra die Saison verlängert. Manche Hotels haben länger geöffnet als üblich. Dort gibt es bislang keine Reisewarnung. Allerdings gilt bei der Einreise eine Online-Anmeldepflicht.

Am Flughafen machen aktuell Italien und Griechenland das Rennen - viel ist aber auch hier nicht los

Beim ADAC, der die Routenanfragen der Münchner Autofahrer aus den vergangenen vier Wochen ausgewertet hat, belegt Italien Platz zwei: 28 Prozent von insgesamt 1010 Anfragen von München und seinem Umland aus hatten "Bella Italia" zum Ziel. Vorne liegt Deutschland mit 32,6 Prozent. Es folgt, mit nur noch 14,7 Prozent, Österreich. Ob die Autofahrer sich dann tatsächlich in den Ferien auf den Weg machen, ist freilich unklar. Die Corona-Situation ist sehr unübersichtlich und erfordert eine flexible Reiseplanung. Oder eben doch den Verzicht, München ist ja eigentlich auch ein Urlaubsziel.

Am Flughafen machen aktuell Italien und Griechenland das Rennen - mit 150 beziehungsweise gut 80 Starts in den Herbstferien. Die wegen ihrer geschönten Corona-Statistik ins Gerede gekommene Türkei liegt auf Rang drei - obwohl das Land, mit Ausnahme dreier Ägäis-Provinzen und der Gegend um Antalya, weiterhin als Risikogebiet gilt (und das nicht nur wegen Corona). Wie Spanien, das trotz sehr hoher Corona-Zahlen weiterhin von München aus angeflogen wird. Ohnehin sind viele Ziele, die in den Herbstferien angeflogen werden, für Münchner wegen der Reisebeschränkungen gar nicht nutzbar. Rund 180 der 3400 Starts und Landungen während der Ferien sind Langstreckenverbindungen: USA, Kanada, aber auch Shanghai, Abu Dhabi, Katar, Dubai und Seoul.

In manche Länder ist die Einreise gar nicht möglich, andere verlangen Tests oder Quarantäne - das Auswärtige Amt jedenfalls rät ab. "MUC" läuft daher weiterhin auf Sparflamme, trotz intensiver Bemühungen, in Terminals und Flugzeugen die Hygiene-Vorgaben einzuhalten. Aktuell gibt es nur rund 20 000 Passagiere auf 360 Starts oder Landungen pro Tag. Für das einst so stolze Drehkreuz mit gut 1100 Flügen pro Tag ist das ein ziemlich trauriges Resultat.

Selbst im Inland, für viele Münchner auch schon im vergleichsweise unbeschwerten Sommer das Reiseziel erster Wahl, ist die Lage unübersichtlich. Da sich Bundeskanzlerin und die 16 Ministerpräsidenten verständigt haben, erst nach den bayerischen Herbstferien das Thema Beherbergungsverbot nochmals anzugehen, bleibt der Fleckerlteppich bestehen. Berlin ist für Münchner möglich und auch Thüringen, Sachsen, Bremen, das Saarland und Nordrhein-Westfalen. In anderen Bundesländern aber dürfen Reisende aus einem offiziellen Risikogebiet wie München gar nicht in die Hotels. In Mecklenburg-Vorpommern dürfen Autos mit M-Kennzeichen offiziell nicht einmal die Landesgrenzen passieren.

Schlechte Aussichten für eine unbeschwerte Tour durch deutsche Lande. Allerdings sind die Beherbergungsverbote stark auf dem Rückzug - am Freitag kündigte die Staatsregierung das vorläufige Ende dieser Restriktion in Bayern an. Und in Baden-Württemberg sowie in Niedersachsen hat der Verwaltungsgerichtshof das Verbot gekippt. Wobei sich natürlich auch immer die Frage stellt, ob man denn, selbst wenn es erlaubt wäre, in ein Gebiet mit sehr hohen Corona-Zahlen reisen will.

© SZ vom 17.10.2020/lfr
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