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Corona-Maßnahmen:Das Reisen ist kein Virustreiber

Herbstwetter an der Ostsee - Reisen ist kein Infektionstreiber mehr.

Das Reisen an sich und das Übernachten in Hotels ist derzeit kein Infektionstreiber.

(Foto: dpa)

Beherbergungsverbote nutzen im Kampf gegen die Corona-Pandemie ebenso wenig wie die Schließung von Grenzen. Auch die bayerische Regierung sieht das nun endlich ein.

Kommentar von Hans Gasser

Ja, es gibt wichtigere Dinge als das Reisen: zum Beispiel offene Schulen und Kindergärten. Wahr ist aber auch: Das Reisen an sich und das Übernachten in Hotels sind bisher keine Infektionstreiber gewesen - wenn man von der Frühphase der Pandemie absieht, als Skiurlauber das Virus aus Ischgl und anderen Alpenorten unentdeckt in ganz Europa verbreitet haben.

So etwas ist aktuell nicht mehr vorstellbar. Zu sehr ist die Bevölkerung sensibilisiert, zu sehr haben sich die Infektionsschutzmaßnahmen in fast allen europäischen Ländern angeglichen und wurden die Testkapazitäten ausgeweitet.

Deshalb ist es richtig, dass die Regierung in Sachsen und Gerichte in Baden-Württemberg und Niedersachsen das Beherbergungsverbot außer Vollzug gesetzt haben. Bei der Begründung waren sie sich einig: Es gibt keine Beweise, dass Beherbergungsverbote die Verbreitung des Virus eindämmen können. Reisen und Hotelaufenthalte führten nicht zu einer höheren Infektionsgefahr. Das ist und bleibt bis zum Beweis des Gegenteils richtig.

Der vergangene Sommer hat gezeigt, dass Hoteliers, Gastronomen und Tourismusunternehmer zwischen Kiel und Catania die staatlich verordneten Maßnahmen zum allergrößten Teil gut umgesetzt haben. Es gab kaum Corona-Ausbrüche in Hotels. Wenn in Tourismusregionen die Infektionszahlen hochgegangen sind, lag dies nicht am Tourismus, sondern an Partys und Familienfeiern, wie in Kroatien gut zu beobachten war: Die Infektionszahlen wuchsen am stärksten in Zagreb und Split und am wenigsten in Istrien, wo die meisten ausländischen Urlauber waren. Ähnlich verhielt es sich auf Mallorca.

Entscheidend ist das Verhalten des Einzelnen

In seinem jüngsten Strategiepapier kommt sogar das Robert-Koch-Institut zu dem Schluss, das Risiko sei nicht primär an den Ort der Reise gebunden, sondern hänge "wesentlich von dem Verhalten des Einzelnen in einem Gebiet mit Virusübertragungen ab".

Das heißt, entscheidend für die Eindämmung des Virus ist nicht, ob man zu Hause in Berlin oder im Herbsturlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte ist, sondern dass man sich da wie dort verantwortungsvoll verhält. Deshalb ist nicht nur das innerdeutsche Beherbergungsverbot ohne erwiesenen Nutzen.

Auch das inflationäre Aussprechen von Reisewarnungen für Länder und Regionen im europäischen Ausland muss überprüft werden. Denn in dem Moment, in dem die Zahlen überall ähnlich steigen, ergibt es keinen Sinn, vor Reisen nach Tirol oder auf die Balearen zu warnen. Es sei denn, das Ziel ist nicht der Infektionsschutz, sondern die Förderung der einheimischen Hotellerie. Dass man als Münchner in der Fränkischen Schweiz Urlaub machen kann, als Frankfurter aber nicht - bei ähnlichen Infektionszahlen -, ist nicht zu rechtfertigen, das hat nun sogar Bayern erkannt und das Beherbergungsverbot wieder abgeschafft.

Mit gutem Grund beschwert man sich in Osttirol über die deutsche Einstufung als Risikogebiet, denn die Region ist in der österreichischen Corona-Ampel grün. Aber auch bei weiter steigenden Zahlen gilt: Die Reisefreiheit ist, besonders in Europa, ein hohes Gut. Das Schließen der Grenzen im Frühling war ein Fehler und hat laut WHO genauso wie die Reisebeschränkungen kaum zur Eindämmung der Pandemie beigetragen. Sobald das Virus überall ist, hilft nur das Einhalten der bekannten Regeln, egal wo.

© SZ vom 17.10.2020
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