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Museen in München:Viel Raum für Gedanken

Auffallend junge Besucher, auffallend freundliche Aufseher: Die Münchner Museen sind wieder geöffnet und bieten einen Kunstgenuss der besonderen Art.

Von Andreas Schubert

Museen sind Orte zum Träumen. Und gerade jetzt, nach monatelangem Eingesperrtsein, wecken die Landschaftsmalereien in der Alten Pinakothek eine Sehnsucht namens Fernweh. Von wegen alte Schinken: Ob es nun die Riesengebirgslandschaft von Caspar David Friedrich ist, der Watzmann von Ludwig Richter oder, einen Saal weiter, die Seinebrücke von Argenteuil von Claude Monet - die Gemälde spenden auch dem letzten Kunstbanausen so etwas wie Hoffnung, dass sich das Leben nun einigermaßen wieder normalisiert. Sitzt man schon bald wieder einmal gemütlich in einer Berghütte oder in einem Pariser Bistro - ohne dass man sich vorher einen Teststab in die Nase stecken lassen muss? Kann gut sein - und im Museum kann man sich immerhin schon mal mental auf bessere Zeiten vorbereiten.

Vergangene Woche haben in München die Museen wieder aufgemacht, die Pinakotheken sind seit Freitag wieder zugänglich. Und während der Sonntag in beiden Häusern (wie übrigens auch im Lenbachhaus oder im Museum Brandhorst) komplett ausgebucht ist, hält sich der Andrang am Samstag wegen der Konkurrenz durch Biergärten oder Shopping in der Fußgängerzone noch in Grenzen. Auch auf den Wiesen im Kunstareal ist deutlich mehr los als in den Ausstellungen, die Frühjahrssonne zieht die Menschen ins Freie. Umso angenehmer ist an diesem Tag ein Rundgang durch die Häuser - und spricht man mit den Menschen im Museum, so zeigen sich ausnahmslos alle erleichtert, endlich einmal wieder etwas Kultur in sich einzusaugen, mal etwas anderes zu sehen als gestreamte Serien und das eigene Spiegelbild daheim, sich auch mal wieder geistig ein wenig fordern zu lassen.

Es sind auffällig viele junge Leute unterwegs, auch Familien mit kleinen Kindern. Und man fragt sich, wie so ein monumentaler Horrorschinken wie das Große Jüngste Gericht von Rubens im Obergeschoss auf so ein Kleinkind wirkt.

Leichter und weniger bedächtig allerdings ist die Stimmung - von der eher bedrückenden Installation "Howl" im Foyer mal abgesehen - gegenüber in der Pinakothek der Moderne. Auf einer Ruhebank und einem Sessel im Treppenhaus haben es sich Olaf Schürmann und Sylvia Vogt aus Landshut gemütlich gemacht. Die beiden lassen sich gerne bei ihrer Pause stören - und während sie davon erzählen, wie sehr sie sich nach längerer Zeit wieder auf einen Museumsbesuch gefreut haben, erahnt man ein breites Lächeln unter den FFP2-Masken. Nach einem kleinen Diskurs darüber, dass die Kunst in der Corona-Pandemie einen viel zu kleinen Stellenwert hat, zieht man weiter und trifft in Saal 7 zwischen Werken von George Grosz oder Otto Dix die Aufseherin Wiebke Winter, die sich ebenso sichtlich freut, endlich wieder im Museum zu stehen. Den Job macht die Rentnerin nun schon seit zehn Jahren. Weil es momentan an diesem Nachmittag eher ruhig zugeht, ist auch sie aufgeschlossen für einen kleinen Plausch. Ja, es sei erfreulich, dass sich so viele junge Menschen für die Kunst begeistern. Und ja, sie habe das Museum schon sehr vermisst, erzählt Winter, die sich zwischen den Werken der klassischen Moderne als Aufsicht besonders wohl fühlt. "Aber vor allem Konzerte, Opern, Theater - das habe ich vermisst", sagt sie.

So kurz nach der Wiedereröffnung kommt einem das Personal in den Pinakotheken weniger streng vor als sonst. Es mag eine Mischung sein aus Freude über den wieder anlaufenden Betrieb und darüber, dass durch die wegen Corona limitierten Besucherzahlen ein entspannteres Arbeiten möglich ist. Das hat natürlich auch für den Besucher Vorteile. In normalen Zeiten etwa wäre die erst am Freitag eröffnete - und noch bis 6. Juni laufende - Ausstellung "54 Zeichnungen, 3 Graue Spiegel, 1 Kugel konkret" mit Werken Gerhard Richters vermutlich ziemlich überlaufen. Doch nun hat jeder genug Zeit, sich mit den Stücken zu beschäftigen. Sarah Eberle und Alexandra Schmidt etwa sitzen beinahe andächtig auf einer Bank und betrachten die Zeichnungen. Die beiden sind zum ersten Mal in der Pinakothek der Moderne und haben sich, wie sie erzählen, bisher noch nicht so richtig mit moderner Kunst auseinandergesetzt. Alte Meister, ja, von denen kenne man natürlich ein paar. Aber diese Ausstellung sei nun mal "etwas ganz anderes".

Vielleicht muss man gar nicht recht viel mehr sagen über die Zeichnungen Richters, die bei jedem Betrachter eigene Assoziationen wecken dürften. Fest steht aber, dass die Kunst - nicht nur in der Pinakothek der Moderne - nachdenklich macht und sich manche Münchnerinnen und Münchner unter anderem auch fragen werden, warum sie vor Corona eigentlich nur so selten mal in eine Ausstellung gegangen sind. Jetzt hat es jedenfalls den Anschein, dass durch die lange Schließung erst recht das Bedürfnis nach Kunst geweckt worden ist. Im Museumsshop jedenfalls juckt es einen gewaltig, eines der vielen Kunstbücher oder ein anderes Souvenir mitzunehmen. Shop-Teamleiterin Christina Sammer wundert das nicht. "Die Leute sind ausgehungert", sagt sie. Gerade hat ein junger Mann drei Bücher bezahlt. Auf die Frage, was denn aktuell so am meisten gekauft werde, braucht Christina Sammer nicht lange zu überlegen. "Postkarten gehen immer", sagt sie.

Ganz altmodisch Karten schreiben - eigentlich keine schlechte Idee nach einem analogen Kurzurlaub im Museum.

© SZ vom 17.05.2021
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