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"Unheimlich schön" in der Kunsthalle München:Prominenz, Gewalt und Skandal

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Der Fotograf Erwin Olaf hat die bei einem Autounfall ums Leben gekommene Lady Diana in dem Bild "Royal Blood. Di, † 1997" mit Mercedes-Stern inszeniert.

(Foto: Erwin Olaf/ Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam)

Die Kunsthalle München widmet Erwin Olaf eine große Retrospektive. Der niederländische Fotokünstler spielt mit Wirklichkeit und Illusion, sein makabrer Realismus fasziniert und irritiert.

Von Evelyn Vogel

Alles an diesen fotografischen Welten wirkt künstlich. Und das ist so gewollt. Denn der niederländische Fotograf Erwin Olaf begreift sich als eine Art Geschichtenerzähler, der Inhalte und Methoden auf seine sehr eigene Art und Weise neu definiert. "Wollte ich die gewöhnliche Welt sehen, würde ich das Fenster öffnen", soll er mal gesagt haben. Also öffnet er kein Fenster in die Welt, wie sie wirklich ist, sondern in eine Phantasmagorie, in der sich historische Wirklichkeit mit künstlerischem Wahn mischt. Einen Blick in diese Kunstwelt des Erwin Olaf zeigt die Kunsthalle München von diesem Freitag an.

So hat er insbesondere in seiner um das Jahr 2000 entstandenen Serie "Royal Blood" prominente historische (Mord-)Opfer wie Cäsar, Sisi oder Diana genommen und hat sie mit Hilfe digitaler fotografischer Tricks wie klinisch reine Geschöpfe, jedoch verwundet und ästethisch blutbefleckt inszeniert. Dafür lässt er die Bildsprache klassischer Märtyrerszenen mit einfließen, wie die Ikonografie des heiligen Sebastian oder die der heiligen Lucia von Syrakus. Als moderne Beigabe hat er die Protagonisten mit symbolischen Objekten ausgestattet - bei Lady Di ist es ein Mercedes-Stern -, oder mit dem Werkzeug, durch das sie ums Leben kamen - im Falle Cäsars und Sisis sind es Dolch und Feile, die er in die blutigen Wunden steckt.

Die toten Personen scheinen bei Olaf allerdings eher Untote zu sein. Zwar mit wächsernem Teint und blutrot umrahmten Augen, aber irgendwie auch höchst lebendig und in jedem Fall ohne sichtbaren Schmerz. Ihr Blick wirkt herausfordernd und angriffslustig - fast so, als ob sie sagen wollten: Seht her, ihr habt mich zwar getötet, aber mein Ruhm hat eure Tat überlebt. Es ist ein makabrer Realismus, den Olaf gestaltete und der durch die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Illusion bestimmt wird und seinen Reiz auch aus dem Zusammenspiel von Prominenz, Gewalt und Skandal erhält.

Die Hochglanzästhetik der Bilder verraten die Herkunft Erwin Olafs aus der Werbefotografie. Der 1959 als Erwin Olaf Springveld in den Niederlanden geborene Fotograf hat Werbekampagnen für Unternehmen wie Levi's, Microsoft und Nokia realisiert und wurde mit seinen queeren, oft sexuell aufgeladenen Fotografien bekannt. Inzwischen hat er in zahlreichen Galerien und einigen Museen auch international ausgestellt. 2019 wurde ihm zum 60. Geburtstag im Amsterdamer Rijksmuseum eine Schau ausgerichtet, in der seine Werke in Bezug zu historischen Vorbildern aus der Malerei gesetzt wurde.

Auch bei seiner neuesten, 2020 entstandenen Serie "Im Wald", die er für die Ausstellung in der Kunsthalle München in den bayerischen und österreichischen Alpen fotografiert hat, hat die Malerei Pate gestanden. Dieses Mal waren es vor allem Künstler des 19. Jahrhunderts wie der Romantiker Caspar David Friedrich, der Symbolist Arnold Böcklin oder der Münchner Malerfürst Franz von Lenbach.

Erwin Olaf. Unheimlich Schön, Fr., 14. Mai, bis 26. Sep., Kunsthalle München, Theatinerstr. 8, Zeitfenster-Tickets über den Onlineshop der Kunsthalle

© SZ vom 12.05.2021/van/blö
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