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München:Pandemie schafft neue Routinen

Corona Krise, öffentliches Leben. Landeshauptstadt von Baden-Württemberg, Blick auf die dichtbesiedelte Autostadt wären

Nach Corona könnten in den Bahnen, Bussen und Trams in München bis zu 44 Millionen Fahrgäste fehlen.

(Foto: imago images/Lichtgut)

Seit der Corona-Krise steigen viele aufs Auto um. Der Nahverkehr zählt zu den Verlierern - 2019 waren jedoch so viele Fahrgäste unterwegs wie noch nie.

Von Andreas Schubert

Der öffentliche Nahverkehr gehört zu den Verlierern der Corona-Krise. Laut einer Studie des Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), hat sich 2020 ein Trend zurück zum eigenen Auto abgezeichnet. Der öffentliche Verkehr verliere an Boden, stellt das Institut fest. Und es werde wohl ein "Wie davor" nicht geben.

Die Frage sei vielmehr, wie die neue mobile Normalität aussehen werde. Barbara Lenz, Direktorin des DLR-Instituts für Verkehrsforschung, stellte fest: "Im Ausnahmezustand erprobte Verhaltensweisen haben sich eingeprägt und beeinflussen neue Routinen." Auch wenn viele Menschen auf das Fahrrad umgestiegen seien oder im Homeoffice arbeiteten, gebe es eine "Rückbesinnung auf individuelle, weniger nachhaltige" Verkehrsmittel. Laut Lenz ist das eigene Auto ein "deutlicher Gewinner" in der Corona-Krise. Der Weg zur Verkehrswende sei dadurch weiter geworden.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage in München des Mobilitätsdienstleisters Toogethr: Pendler steigen wieder stärker aufs Auto um. Nach Corona könnten in den Bahnen, Bussen und Trams in München bis zu 44 Millionen Fahrgäste fehlen. Die Beratungsfirma PwC Strategy fand heraus: 31 Prozent wollen in Deutschland ihr Auto häufiger als vorher nutzen, für 45 Prozent ändert sich nichts und 24 Prozent wollen weniger Auto fahren. 33 Prozent bevorzugen das Fahrrad.

Schon im Sommer hatte der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) in seiner jährlichen Statistikbroschüre die Pendlerströme aufgelistet. Die Zahlen stammen von 2019 und sind somit zwar nicht repräsentativ für das Jahr 2020, in dem es zu massiven Einbrüchen im ÖPNV kam. Dennoch zeigt die Tendenz: Die Arbeitnehmer sind wesentlich mobiler als früher. Und immer mehr pendelten aus der Stadt München hinaus ins Umland. Der MVV hat mit dem Stichtag 30. Juni 2019 die Pendler gezählt - und die Fakten mit einer Erhebung 2009 verglichen. Das Ergebnis: Die Auspendler aus München ins Umland haben überall die höchsten Steigerungszahlen. Waren es 2009 an einem Tag 89 909 Auspendler, so stieg deren Zahl zehn Jahre später auf 128 239. Das entspricht einer Steigerung um 43 Prozent. In die Landeshauptstadt hinein pendelten 172 127 Menschen, im Jahr 2019 bereits 211 717. Das sind 23 Prozent mehr.

Für das S-Bahn-Bündnis Ost, ist dies ein Beleg, dass im Umland viele neue Arbeitsplätze entstanden sind, die so attraktiv sind, dass die Menschen das Pendeln auf sich nehmen. "Parallel dazu ist aber das Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr gerade auf der Schiene nicht im gleichen Maße gewachsen", kritisiert das Bündnis. Es besteht aus mehreren Unternehmen, Verbänden und Kommunen im Osten Münchens und setzt sich für einen viergleisigen Ausbau der Schienenwege zwischen München Ost - Markt Schwaben sowie den Bau einer eigenen S-Bahnhaltestelle an der Messe München ein.

Außer im Landkreis Freising ist laut MVV überall die Menge der Auspendler aus München größer als die Menge an Fahrgästen in die Landeshauptstadt. Den höchsten Zuwachs gibt es im Landkreis Erding mit einem Plus von 167 Prozent binnen zehn Jahren, was an der starken Ansiedlung von Unternehmen liegt. Es folgen die Landkreise Dachau (plus 69 Prozent), Starnberg (48), Fürstenfeldbruck (45), München (42), Ebersberg (41), Bad Tölz/Wolfratshausen (27) und Freising (14). Im Jahr 2019 nutzten so viele den MVV wie noch nie: 737 Millionen Fahrgäste - 2016 waren es 711 Millionen. Die Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor, sie werden deutlich geringer ausfallen.

Dennoch ist München über alle Verkehrsmittel hinweg die Pendlerhauptstadt Deutschlands: rund 560 000 Menschen pendeln zu normalen Zeiten an Werktagen in die Stadt und heraus, mit Bus, Bahn, Auto oder Fahrrad. Und auch wenn viele während der Pandemie im Home-Office arbeiten, lassen sich viele Arbeitsplätze nicht nach Hause holen. Eine Umfrage des Ifo-Instituts bei rund 7300 Unternehmen hat ergeben, dass 54 Prozent der Betriebe erwarten, dass Home-Office zunehmen werde. Dass Jobs in Zukunft vollständig ins Homeoffice verlagert werden, dürfte laut der Ifo-Institut dennoch die Ausnahme bleiben. Wahrscheinlicher sei, dass sich "hybride Arbeitsmodelle" zwischen Präsenzarbeit und Home-Office durchsetzen würden.

© SZ vom 04.01.2021
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