Bundestagskandidaten im Porträt:"Widerstand lohnt sich"

Bundestagskandidaten im Porträt: "Es fehlt an Aktivismus", sagt Bundestagskandidat Kerem Schamberger. Mehr Mieten zahlen wolle niemand, aber die Bereitschaft, dagegen zu protestieren, sei zu gering.

"Es fehlt an Aktivismus", sagt Bundestagskandidat Kerem Schamberger. Mehr Mieten zahlen wolle niemand, aber die Bereitschaft, dagegen zu protestieren, sei zu gering.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kämpfen ist der Kommunist Kerem Schamberger gewohnt: mal gegen die Justiz wegen kurdischer Fahnen, mal gegen Investoren, die Wohnungen teurer machen. Nun tritt er für die Linke als Direktkandidat im Münchner Süden an - mit durchaus radikalen Ideen.

Von Ekaterina Kel

Das Tosen des Mittleren Rings ist nicht zu überhören. Aber Kerem Schamberger lässt sich davon nicht stören. Er steht an einem verregneten Vormittag unweit des Candidplatzes in Untergiesing, vor ihm ein hoher Bauzaun. Schamberger, schwarzes dichtes Haar, leichter Bart, Kapuzenpulli, zeigt auf die Baustelle, auf der einmal ein Wohnhaus stand, und sagt: "Hier sieht man, was passiert, wenn unser Wohnungsmarkt privaten Investoren überlassen wird."

Genau an diesem Ort will Schamberger erklären, warum er im Münchner Süden als Mitglied der Partei Die Linke für den Bundestag kandidiert. Die Wohnfrage treibe ihn um, seit elf Jahren engagiere er sich in der Aktionsgruppe Untergiesing gegen Gentrifizierung. Der Kampf um bezahlbare Mieten und gegen die Macht der Immobilieninvestoren, er will ihn kämpfen.

Zum Beispiel hier, am ehemaligen Wohnquartier der eins staatlichen GBW am Mittleren Ring, das gerade von dem neuen Eigentümer Candid Immobilien Projekt GmbH in das "Hans-Mielich-Carré" verwandelt wird, mit Neubauten und Sanierungen - und stark gestiegenen Mietpreisen. Deswegen sei man dabei, die Mietergemeinschaft zu mobilisieren. Es müsse schließlich was passieren, die Gestaltung sei am Ende immer auch eine "Frage des öffentlichen Drucks".

Und, Kampf erfolgreich? "Viele teilen meine Meinung", sagt Schamberger, der im Viertel von Haustür zu Haustür gegangen ist und um Wählerstimmen geworben hat. Klar, wer will schon mehr Miete zahlen? Trotzdem fällt das Urteil des 35-Jährigen bescheiden aus: "Es fehlt an Aktivismus." Der Widerstand lässt auf sich warten. In Berlin wären schon Zehntausende Leute auf der Straße, sagt er. Hier fehle den Menschen noch der Wille, sich für die eigenen Belange einzusetzen.

Aber Kerem Schamberger wäre nicht Kerem Schamberger, wenn er sich davon entmutigen lassen würde. Er kämpft, weil er glaubt zu wissen, dass er im Recht ist. Man kann es dickköpfig nennen oder verklärt - oder auch passioniert. Wie ernst ist ihm die Kandidatur? "Sehr ernst." München Süd wählte in der Vergangenheit aber stets schwarz, und auf einem vielversprechenden Listenplatz ist Schamberger auch nicht. Wie hoch stehen die Chancen für ihn? Da muss er selbst lachen: "Das ist sehr unwahrscheinlich." Viel Idealismus und eine Prise Realismus.

Aktuell ruft Schamberger zur Blockade der Automesse IAA auf

So lässt sich Schambergers Überzeugung vielleicht am besten beschreiben. Den Kampf für Gerechtigkeit hat er schon früh begonnen. In München im Jahr 1986 als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, war er Klassensprecher in der Gesamtschule im Hasenbergl, später Fachschaftssprecher am Institut für Kommunikationswissenschaft an der LMU.

Mit 17 Jahren tritt er der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) bei, wird später deren Sprecher in München. Kämpft sich von Demo zu Demo, protestiert 2006 gegen den Besuch des Papstes, gegen den G8-Gipfel, gegen die Münchner Sicherheitskonferenz, gegen Mieterhöhungen, besetzt die Münchner CSU-Zentrale, fordert die Aufhebung des Verbots der kurdischen Arbeiterpartei PKK in Deutschland, liegt im Clinch mit der bayerischen Justiz wegen Fahnen der kurdischen Miliz YPG/YPJ, erlebt Festnahme und eine Wohnungsdurchsuchung und ruft, ganz aktuell, zur Blockade der Automesse IAA auf.

Seinen wohl bekanntesten Kampf hat er im Herbst 2016 mit dem Verfassungsschutz ausgefochten. Damals will er eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LMU antreten, um in Kommunikationswissenschaft zu promovieren. Doch wegen seiner Mitgliedschaft in der DKP muss er sich vor Antritt der Stelle einer "Prüfung der Verfassungstreue" unterziehen - ein Relikt aus der Zeit des Radikalenerlasses aus den Siebzigerjahren, der in Bayern noch gilt. Der Beginn seines Jobs verzögert sich um mehrere Monate.

Schamberger kritisiert den Vorgang als absichtliche Verzögerung, nennt die Prüfung ein "De-facto-Berufsverbot". Zahlreiche Medien berichten damals über den Fall. Am Ende kann er zum 1. Januar 2017 doch beginnen - und behält Recht: Auch ein überzeugter Kommunist darf an einer staatlichen Institution arbeiten. Was er daraus gelernt hat? "Widerstand lohnt sich", sagt er, und zeigt ein siegesgewisses Lächeln. "Wenn ich klein beigegeben hätte, hätte ich meine Identität aufgeben müssen." Und klein Beigeben, das ist seine Sache nicht.

Es gebe da so einen Spruch aus der kurdischen Freiheitsbewegung, "Berxwedan Jiyane", Widerstand heißt Leben. Der sei ihm zur Maxime geworden, sagt Schamberger, der auf seinem Blog unter anderem über Kurdistan schreibt. Das sei jetzt etwas kitschig, aber im Grunde wahr: "Mein Sinn des Lebens ist es, für eine bessere Welt zu kämpfen, in der es den Menschen besser geht."

Die Romantik der Rebellion hat aber auch eine Kehrseite. Seit seiner Kandidatur bekomme er Morddrohungen, Bilder von ermordeten Kurden mit der Zeile "Jetzt bist du dran". Sein Name dürfe nicht an der Klingel stehen und seine Raumnummer im LMU-Institut auch nicht im Internet. Natürlich mache er sich Sorgen. "Aber das muss ich in Kauf nehmen."

Nach 15 Jahren Mitgliedschaft trat Schamberger 2017 aus der DKP aus, nicht wegen seiner politischen Überzeugung, sondern wegen parteiinterner Uneinigkeiten. Raus aus dem marxistisch-leninistischen Sumpf, rein in die leichter verdauliche Programmatik der Linken? Natürlich habe er sich mit den Jahren verändert, sagt Schamberger. Aber er verstehe sich nach wie vor als Kommunist. Und doch sieht er die Notwendigkeit, dass politische Kräfte gebündelt werden müssen, um etwas zu erreichen. Stets "im Dialog", wie er sagt. Bei der Kandidatur gehe es nicht um ihn, sondern um die linken Positionen, die er bekannt machen möchte.

Als nächstes in der türkischen Community. "Von Dönerladen zu Dönerladen" will er gehen. Und wenn dann mal ein türkischer Nationalist am Tresen steht? "Dann diskutiere ich." Im Idealfall bis zur Überzeugung. Schließlich ist Wahlkampf auch ein Kampf.

Kerem Schamberger im Video-Selbstporträt:

Die SZ hat die Münchner Direktkandidatinnen und Direktkandidaten für die Bundestagswahl gebeten, sich für ein Porträt selbst zu filmen. Alle Videos und weitere Kandidaten-Porträts finden sie hier.

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