BND-Roman:Ein Ex-Spion schreibt sich den Frust von der Seele

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BND-Roman: Die Einfahrt zum Gelände des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach im Landkreis München.

Die Einfahrt zum Gelände des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach im Landkreis München.

(Foto: Stephan Jansen/dpa)

Unter dem Pseudonym Carl Maria Ehrlicher erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter von Ermittlungen des BND zum Nahen Osten. Der Dienst-Blues gedeiht - und nur eine gute Portion Siebzigerjahre-München scheint dagegen zu helfen. 

Von Johanna Pfund

Spionage- und Geheimdienstromane gibt es zuhauf. Da wären die Abenteuer des James Bond, aufgeschrieben von Ian Fleming, oder John Le Carrés Geschichte vom Spion, der aus der Kälte kam, Geschichten, die fast jede und jeder kennt. An exotischen Orten der Welt oder in den großen Metropolen ereignen sich die merkwürdigsten Begegnungen, werden Menschen bedroht, manipuliert, getötet oder aus allergrößter Gefahr gerettet. Selten spielen sich solch bedrohlich-faszinierenden Ereignisse in München, ab, genauso selten spielt der Bundesnachrichtendienst - bis in die 2000er-Jahre nahe der Stadt in Pullach angesiedelt - in der Spionage-Literatur eine Rolle, abgesehen von Herbert Rosendorfers "Messingherz", das 1979 erschienen ist.

Genau in dieser Zeit der braun-orangefarbenen Autos und Badezimmerfliesen, in der Zeit süßer Drinks und ausufernder Zechgelage spielt nun ein neuer BND-Roman, geschrieben von einem langjährigen Mitarbeiter unter dem Pseudonym Carl Maria Ehrlicher. "Das Tor der Tränen" beschäftigt sich mit dem Umsturz im Iran 1979, es geht um Agenten, um Morde und Waffenschiebereien. Doch letztlich ist all dies nur Kulisse für das, was der Autor loswerden will: sein Hadern mit dem ewigen Klein-Klein der Hierarchie und einer als ziemlich unfaszinierend beschriebenen Behörde.

Dieser doppelte Ansatz spiegelt sich im Titel: Das Tor der Tränen ist die Meerenge zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden, doch auch eine Anspielung auf das persönliche Debakel des Erzählers. Das macht den Einstieg ins Geschehen erst einmal etwas mühsam. Zunächst geht es darum, wer das hässliche braune Auto des Dienstes fahren muss oder darum, welch unsinnige Anweisungen Vorgesetzte erteilen. Das hat man schon gelesen oder erlebt. Der Ich-Erzähler sinniert über die Sache mit der letzten Freundin und darüber, wie er überhaupt bei diesem Arbeitgeber gelandet ist.

Erst nach und nach finden die üblichen Zutaten von Spionage-Geschichten in den Roman. Der Protagonist soll Informationen über mögliche Aufrüstungsprojekte im Nahen Osten beschaffen, und das auch nur, weil irgendjemand im Dienst irgendjemanden anderen falsch verstanden hat. Tatsächlich findet der Protagonist einen Informanten in London, einen Journalisten, der aus seinem Land im Osten geflohen ist. Der Helfer wird überwacht und gejagt von seinen Landsleuten - und ist sich auch durchaus der Gefahr bewusst, in die er sich als Zuträger exklusiver Nachrichten von der arabischen Halbinsel begibt.

Letztlich ist der Zuträger eine der stärksten Figuren des Romans. Er wirkt authentisch, man leidet mit - ist dieser Mann doch gefangen zwischen seinem Widerstand gegen ein autoritäres Regime und den privaten Verpflichtungen gegenüber der eigenen Familie. Um seine Familie zu unterstützen, bringt er sie in Gefahr.

Dem BND-Mitarbeiter unterläuft wie so vielen seiner literarischen und vielleicht auch echten Kollegen ein Fehler nach dem anderen

Hingegen scheint der BND-Mitarbeiter, der die Fehlleistungen seiner Vorgesetzten ausführlich bemängelt, reichlich unprofessionell. Was lapidar beschrieben wird: "Ich nahm mir vor, mich schlau zu machen. Über die Weihnachtsferien vergaß ich es wieder." Das tut weh. Wie so vielen seiner literarischen und vielleicht auch echten Kollegen unterläuft ihm ein Fehler nach dem anderen. Er operiert mit zahlreichen Halbwahrheiten, was womöglich dem Job geschuldet ist, doch es werden rasch der Halbwahrheiten zu viele. So bringt er letztlich seine junge Freundin in Gefahr, und alles steuert auf die unausweichliche Katastrophe zu - was beim Lesen sehr schnell klar wird, vielleicht auch zu schnell zu klar.

Was am Ende bleibt, ist das Bild eines von persönlichen Befindlichkeiten geprägten Dienstes, in dem Hierarchie vor Inhalt rangiert, in dem Führungskräfte selten ihre Aufgaben erfüllen, und wahre Loyalität in erster Linie mit dem Hausmeister möglich ist. In diesem Milieu gedeiht der Dienst-Blues und nur eine gute Portion Siebzigerjahre-München scheint dagegen zu helfen. Das Saufen auf dem Oktoberfest, das Techtelmechtel mit einer Münchnerin, die Sommerabende am Flaucher. Man klappt das Buch mit dem Gefühl zu, dass sich der Autor hier sehr viel von der Seele geschrieben hat. Und dass das Agentenleben nur etwas für James Bond ist.

Carl Maria Ehrlicher: "Das Tor der Tränen", Salon Literatur Verlag, München 2022

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