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Mittelalter-Band "Faun":Musik als Einstiegstor in die Märchenwelt

Die Musiker der Münchner Band "Faun"

Sind Feuer und Flamme für Märchen: Die Gräfelfinger Folk-Musiker Niel Mitra, Oliver Satyr, Laura Fella, Rüdiger Maul, Fiona Rüggeberg und Stephen Groth (von links) lieben vor allem die Naturnähe alter Geschichten.

(Foto: Ben Wolf)

Die Musiker von "Faun" tauchen in ihrem jüngsten Album tief in die Welt der Sagen ein. Damit stillen die Gräfelfinger offenbar ein Bedürfnis nach Mythischem - längst nicht nur in der Mittelalter-Szene.

Von Michael Zirnstein

Für viele sind Haselnüsse die Einstiegsdroge. Drei Stück, um genau zu sein. Zahlen spielen hier immer eine Rolle: sieben Raben, drei Blutstropfen - oder eben "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", und schon ist man gefangen im Märchenrausch. Seit 1973 hat der tschechische Film zur Weihnachtszeit eine Generation nach der anderen in ein verschneites Königreich gelockt, in diesem Jahr läuft er an 15 Sendeterminen im Fernsehen, in der ARD lenkt er an Heiligabend um 17.10 Uhr von der Warterei aufs Christkind ab. Von da ist der Weg kurz zu modernen Märchen wie "Frozen" oder "Game of Thrones". Auch Faun sind verzaubert, was nun Kenner der Mittelalter-Szene nicht verwundert, haben die Münchner Elfen-Popper doch immer wieder in Songs Märchen aufgegriffen. Ihr jüngstes Album taucht nun komplett in die Welt der Sagen ein, lässt uralte Mythen neu erklingen und setzt die Erzählungen der Grimms in ein anderes Licht, so auch die bekannteste Geschichte der Brüder: "Aschenputtel".

Ihr Aschenbrödel kommt dem Hörer gleich sehr bekannt vor: Ober-Faun Olli Pade alias Oliver Satyr hat sich die zauberhafte Filmmelodie von Karel Svoboda geborgt und mit Schäferpfeife, Drehleier, Irischer Bouzouki, Blockflöte und sogar etwas Elektronik neu aufgemischt. Quasi als Lockstoff für Neulinge in der Mittelalterwelt, so dass die Musik jetzt ganz leicht daherpurzelt. Das wiederum passt zum Text, den Pade zusammen mit der Sängerin Laura Fella erdichtet hat. Man muss das nicht gleich in die Schlager-Ecke stecken, aber es hat schon hohes Identifikationspotenzial für alle neuzeitigen Mägde und Knechte des Alltags, was da gesungen wird: "Von edler Gestalt und mit Augen so zart, musst Schürze und Lumpen du tragen, mit Ruß auf der Haut und mit Asche im Haar, erträgst du geduldig die Plagen."

Nun könnte man sagen, so ist das halt in Märchen: Da wartet immer irgendwo eine brave Prinzessin auf ihren Helden. Aber daran sind Faun am allerwenigsten interessiert. Das liegt nicht zuletzt an den beiden Frauen in der Band: Laura Fella und Fiona Rüggeberg. Weibliche Figuren, so sagen sie, sind in Märchen meist stark. Selbst wenn Schneewittchen vom Apfel vergiftet schläft - wie in ihrem Stück "Spieglein, Spieglein" -, ist sie doch die Erlöserin, auf die ein ganzes Land wartet. "Auf die heutige Zeit übertragen, könnte das für den Wunsch stehen, dass die schlafenden weiblichen Kräfte wieder Einfluss gewinnen", sagt Rüggeberg. Es war einmal, in heidnischen Zeiten, da waren Frauen Göttinnen. Dieser Funke schlummert sogar in Dornröschen, das bei Faun in einem düster grollenden Lied in seiner Urform aus einer italienischen Erzählung als "Thalia" auftaucht. "Thalia ist die Natur", erklärt Laura Fella ihre Lieblingsfigur, "sie fällt durch einen Dorn, der den Frost widerspiegelt, in den Schlaf und erwacht durch den Prinzen, den Frühling. Sie bringt zwei Kinder zur Welt: Morgenrot und heller Tag. Das Märchen spiegelt den Jahres- und den Sonnenlauf wider."

Hier ist die Band bei ihrem ureigenen Thema angelangt: der Naturliebe, die im übrigen dank Greta Thunberg und Co. auch politisch wieder hochbrisant ist. Faun finden sie im Animismus alter Naturreligionen, demzufolge jeder Fuchs, jeder Hase, jeder Bauch, jeder Stein beseelt ist. Frau Holle steht nicht nur dafür, alles zur rechten Zeit zu tun, sondern ebenfalls für den Kreislauf des Lebens. Bei Faun heißt sie wie die alte Erdgöttin, die Hüterin der Anderswelt, "Holla": "Drunt am Hollerbusch, dreifach in Gestalt, durch ihr tiefes Tor, bringt sie bald empor, blütenweißes Leben." Solche Macht wurde in späteren Zeiten schnell anrüchig. "In vorchristlichen Religionen waren Nornen, Heilerinnen, Prophetinnen wichtiger Teil der Gesellschaft", schreibt Oliver Pade im 40-seitigen Büchlein der Deluxe-Ausgabe. Faun lassen die "Hagazussa" (althochdeutsch für Hexe) in einem schamanisch stampfenden Beschwörungslied wieder zu der Ehre kommen, die ihr auch die christlich geprägten Grimms abschnitten.

Mit ihrem selbst geschaffenen Genre Pagan-Folk, wobei Pagan eben für das Heidentum oder den Paganismus steht, stillen die Gräfelfinger offenbar ein Bedürfnis nach Mythischem, längst nicht nur in der Mittelalter-Szene: 2012 traten sie bewusst aus der Nische der Ritterfeste, gingen mit einem Major-Label in die Offensive und sogar in die Carmen-Nebel-Show, kostümierten sich für ihre detailverliebten Shows (am 18. April 2020 wieder im Circus Krone) und komponierten poppiger: Seit "Von den Elben", dem meist verkauften Tonträger im Genre Mittelalter-Pop überhaupt, brachten sie alle Alben in die Top-Ten, so auch "Märchen & Mythen" auf Platz 6. Das liegt freilich auch an ihrer Professionalität, Tipptopp-Produktionen und Kollaborationen (diesmal mit Versengold). Das Fantasyfilm-reife Intro ließen sie Otto Mellies einsprechen, die deutsche Stimme des Zauberers Saruman in "Herr der Ringe".

Dieser Perfektionismus zeigt sich auch darin, wie sie die Märchen erforscht und diskutiert haben. Da führt kein Brotkrümelpfad an Eugen Drewermann vorbei - "ein ganz großer Geist unserer Zeit", findet Rüggeberg. Dem Märchen-Psychologen folgt sie etwa in der Deutung von "Schneeweißchen und Rosenrot": Die zwei Figuren seien eine einzige - das Mädchen und die Frau, die sich an der Hand halten. "Es ist ein Übergang, kein kompletter Persönlichkeitswandel", sagt sie, "das zeigt ein ganz anderes Bild, als man es in unserer Gesellschaft kennt, die Pubertät mit einem Bruch und Zerstörungswut verbindet." In drei Minuten lässt sich das ganze Märchen freilich nur fragmentarisch erzählen, und es lässt sich auch in "Falada" nicht klären, was der sprechende Pferdekopf aus der symbolreichen Mär "Die Gänsemagd" bedeuten mag. "Vielleicht löst das Lied bei dem einen oder anderen Neugierde aus, sich auch mit so kryptischen Märchen auseinanderzusetzen", sagt Rüggeberg. "Das war unsere Intention", fügt Fella hinzu, "dass wir die Leute dazu animieren, sich die Geschichten noch mal durchzulesen und selbst zu interpretieren." Die Musik als Einstiegstor in die Märchenwelt.

© SZ vom 19.12.2019/syn
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