SZ-Serie: Nachhaltig leben:Wie man sogar einen Balkon nachhaltig bewirtschaften kann

SZ-Serie: Nachhaltig leben: Nachmachen erwünscht: Sophia Engel, stellvertretende Geschäftsführerin beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern, arbeitet im Mustergarten des Vereins und demonstriert, was man auch auf kleinem Raum für den Umweltschutz tun kann.

Nachmachen erwünscht: Sophia Engel, stellvertretende Geschäftsführerin beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern, arbeitet im Mustergarten des Vereins und demonstriert, was man auch auf kleinem Raum für den Umweltschutz tun kann.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sich selbst mit Obst und Gemüse versorgen und zugleich etwas für Insekten und Vögel tun? Das ist auch auf kleinem Raum möglich, wie der Landesbund für Vogelschutz in einem Mustergarten zeigt.

Von Thomas Anlauf

Wildbienen trudeln in der Morgensonne durch den Schrebergarten, der Kirschbaum strahlt blütenweiß. Hinten am frisch angelegten Teich schwirren Libellen übers Wasser, und im Hochbeet spitzt bereits der junge Spinat aus der Erde. Sophia Engel kniet mit einer Kelle unter der kleinen Weide, darunter wachsen gelber Hahnenfuß und Traubenhyazinthen. "Es bleiben immer wieder Leute am Gartenzaun stehen und schauen, was wir hier machen", sagt die Biologin und stellvertretende Leiterin des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) in München. Das ist auch die Absicht der Naturschützer. "Wir wollen eine Inspiration zum Nachmachen geben", sagt Sophia Engel.

Deshalb hat LBV-Geschäftsführer Heinz Sedlmeier für die Kreisgruppe kürzlich eine Parzelle samt Hütte in der Kleingartenanlage Nord-West I südlich des Westfriedhofs gepachtet, um daraus einen Mustergarten anzulegen. Innerhalb weniger Wochen zeigt sich: Es lohnt sich. Im frisch angelegten Teich haben schon Frösche gelaicht, sogar eine Ente lässt sich manchmal auf dem kleinen Gewässer nieder. Hier können nach der offiziellen Eröffnung Ende Mai Besucherinnen erfahren, wie sie ihren Garten oder auch Balkon nachhaltig bewirtschaften, es wird aber auch Workshops geben, etwa zu Überwinterungsmöglichkeiten für Igel oder Nistkästen.

Schon jetzt zeigt sich, was auf kleinem Raum alles möglich ist, um sich zumindest zum Teil selbst mit Obst und Gemüse zu versorgen und andererseits etwas für Insekten, Vögel, kleine Säugetiere und Reptilien in der Stadt zu tun. Im frisch angelegten Steingarten wachsen nicht nur heimische Kräuter, sie bieten auch Wildbienen und Reptilien Schutz. Ein Komposthaufen gehört natürlich auch zum Inventar des Mustergartens, aus ihm wird bald frisches nährstoffreiches Substrat gewonnen. "Man kann wirklich viel selbst für den Umweltschutz tun, auch auf dem Balkon", sagt Sophia Engel. Dort könnten Kleinstgärtner in einem Wurmkomposter aus Küchenabfällen Wurmhumus gewinnen. Torf einzukaufen gelte es unbedingt zu vermeiden.

Denn Torf wird bekanntlich in Mooren abgebaut, die in Deutschland schon fast völlig zerstört worden sind. Doch Moore sind riesige Speicher an Kohlendioxid, beugen Überschwemmungen vor und bieten bedrohten Pflanzen- und Tierarten einen Lebensraum. In München gibt es noch Relikte von Mooren, die von den Naturschützern gepflegt werden. Im Schwarzhölzl und im Aubinger Moos wächst noch die Sibirische Schwertlilie, dort finden sich auch Torfmoose und Fettkraut. Der Große Brachvogel, der gerne im weichen Torfboden nach Futter sucht, ist hingegen in München seit Ende der Sechzigerjahre verschwunden.

Wasserschalen locken Vögel an und haben einen kleinen Kühleffekt

Da die meisten Münchnerinnen und Münchner keinen Garten, sondern höchstens Balkone haben, hat der LBV München eine 35-seitige Broschüre herausgegeben mit Tipps, wie selbst auf kleinstem Raum Umwelt- und Klimaschutz möglich ist. Das Wichtigste: eine möglichst bunte Mischung an Pflanzen für Insekten und Vögel schaffen, die Pflanzen sollten so zusammengestellt werden, dass der Balkon möglichst lange blüht, heimische Pflanzen sind besser als exotische, Wildformen statt Zierformen wählen und auf Pestizide und Kunstdünger verzichten. Die schaden nicht nur den tierischen Balkonbesuchern, sondern die Herstellung ist meist sehr aufwendig. Sophia Engel rät auch dazu, verblühte Pflanzen nicht einfach wegzuwerfen. "Wir sollten die Pflanzen als wertvoll erachten, es ist viel zu schade, sie wegzuschmeißen." Zudem seien die meisten gekauften Pflanzen mit Insektiziden behandelt, die sich nur langsam abbauen.

Im eigenen Garten empfiehlt Engel, auch schattige Plätze zu schaffen, das reduziere gerade in heißen Sommern die Verdunstung und bringe Kühlung für Pflanzen, Tiere und Menschen. Ideal seien etwa Holunder oder Weißdorn, den man im Garten als Sonnenschutz anpflanzen kann. Wer genügend Platz hat, kann auch eine Wildblumenwiese anlegen, auf kleinerem Raum eigne sich das weniger. Und wer nicht gleich einen Gartenteich bauen will oder kann, der solle es mal mit einer Wasserschale probieren. Die lockt im Sommer nicht nur Wildbienen und Vögel an, sondern hat auch einen kleinen Kühleffekt.

Auf dem Balkon oder in der Gartenlaube kann man natürlich auch sein eigenes kleines umweltfreundliches Kraftwerk installieren. Balkonsolargeräte für die Steckdose können ganz legal aufgestellt werden. Wenn sie an einer Wand oder außen am Balkon aufgehängt werden sollen, muss allerdings der Vermieter zustimmen. Das Umweltinstitut München hat eine kurze Anleitung erstellt, wie Solarstrom einfach erzeugt werden kann. Der LBV München verschickt kostenlos Broschüren, wie man einfach Natur auf den Balkon holen kann.

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