Ausstellung:In der Zukunft gelandet

Haus der Kunst

Eine Besucherin vor David Claerbouts als Weltpremiere zu sehender Videoarbeit "Aircraft (F.A.I.)".

(Foto: Catherina Hess)

Bei der 5. Biennale im Münchner Haus der Kunst bringen namhafte Künstler wie Jeff Wall und Laurie Anderson den Westflügel zum Glänzen. Dabei denken sie darüber nach, wie man die Welt besser macht.

Von Jürgen Moises, München

Ein vor allem im jugendlichen Eifer gerne mal dahin gesagter Satz lautet: Ich möchte etwas bewirken! Angesichts der aktuellen Klimakrise und der Tatsache, dass wir als Menschheit täglich gewaltige ökologische Fußabdrücke hinterlassen, nimmt sich diese Aussage ein bisschen anders aus. Da erscheint eher die Folgenlosigkeit als Ideal. Vielleicht nach Vorbild der indischen Bishnoi, deren Gebote ihnen seit 500 Jahren unter anderem den Verzehr von Fleisch und das Fällen von Bäumen verbieten. Eine Spur kleiner setzt der Berliner Künstler Friedrich von Borries mit seiner "Schule der Folgenlosigkeit" an. Da gehört als Einstiegsübung dazu, ein rohes Ei zu balancieren. Aber auch bei von Borries geht es um die Frage, wie man ein Leben ohne negative Folgen "für andere Menschen, Lebewesen, Materie" führen kann und ob das nicht "ein erstrebenswertes Ideal" wäre.

Nachlesen kann man diese Überlegungen in der 5. Biennale des Künstlerverbunds im Haus der Kunst München, auf einer Wand im Westflügel des Gebäudes. Bei der Ausstellungseröffnung konnte man sich zudem aktiv eierlaufend an der Folgenlosigkeit probieren. Zu solchem (Anti-)Aktivismus wird man in der von Alexander Timtschenko und Susanne Prinz kuratierten Schau ansonsten nicht direkt genötigt. "The World:Reglitterized" heißt sie, und im Untertitel: "Paradise is exactly like where you are right now ... only much much better". Dafür haben sich die Kuratoren recht ins Zeug gelegt und eine beachtliche Schar an Künstlern zusammengetragen. Wirkten auch schon die letzten, seit 2013 durchgeführten Biennalen des Vereins ambitioniert, gehen Timtschenko und Prinz noch einen Schritt weiter. So dass man bei den etwa 30 Namen neben denen von vertrauten Münchnern auch die von bekannten internationalen Künstlern liest.

Haus der Kunst

Aus Fake-News wird Kunst: Warren Neidichs Neonschrift-Installation "Pizzagate".

(Foto: Catherina Hess)

Das fängt an mit Laurie Anderson und geht mit Joseph Beuys, David Claerbout, Rodney Graham, Thomas Ruff oder Jeff Wall weiter. Passend dazu wirkt auch der inhaltliche Anspruch hoch gesetzt. Verstehen die Kuratoren ihre Schau doch als "eine unmittelbare Reaktion auf die massive Veränderung unserer Gesellschaft seit dem Frühjahr 2020" sowie "als eine Art Essay über eine Regeneration der Welt in Form künstlerischer Positionen". Wie wir als Menschheit mal so kurz die Welt retten, erfährt man zugegeben nicht. Anregende Denkanstöße, die gibt es trotzdem. Und insgesamt ist Timtschenko und Prinz da ein beeindruckendes Potpourri gelungen. Dabei ist die Ausstellung eigentlich nur als "Notlösung" entstanden. Laut Timtschenko war eine Biennale mit türkischen Künstlern geplant. Aber wegen Corona ließ sich das nicht realisieren.

Stattdessen nun "The World:Reglitterized", was auf die Ausstellung "The Waters Reglitterized" von Laurie Anderson aus dem Jahr 2005 anspielt, die sich damit wiederum auf einen Essay des Schriftstellers Henry Miller bezog. Miller schrieb darin über Aquarellmalerei, Anderson verstand ihre Ausstellung als eine Art "Tagebuch der Träume". Für die Biennale wurde eine technisch modernisierte Videoskulptur aus den Neunzigern von ihr gewählt. Man sieht die Künstlerin selbst, kaum 30 cm groß, und hört sie über Alexander den Großen erzählen. Nur dass Alexander bei ihr nicht in Babylon stirbt, sondern als Gefangener bei einem Stamm riesiger gelber Menschen landet. Keine "Fake News", sondern ein poetisches Spiel mit der Geschichte und dem Thema Identität.

Haus der Kunst

"Calligraphig Wig" von Daniel Knorr.

(Foto: Catherina Hess)

Vor Anderson kommt man aber zunächst an "Calligraphig Wig" von Daniel Knorr vorbei. Vor silbrigen Wänden hängen allerlei bunte Formen von der Decke. Abfallprodukte aus einer Hongkonger Recyclingfirma. Für Knorr eine "Sprache der Erde", die uns damit unsere Verfehlungen vorhält? Stefanie Zoche hat Gipsabdrücke von Stämmen und Rinden hergestellt, darin: Spuren von Borkenkäfern, die sie in Anlehnung an Ursula K. Le Guin als Schrift interpretiert. Die Botschaft? Jedenfalls nicht die, dass Borkenkäfer einfach nur Schädlinge wären. Eher sind sie ökologische Symptome. Jeff Wall hat für das großformatige "Recovery" ein Gemälde fotografiert. Eine neonbunte Parkszenerie, in die ein sitzender Mann als Realbild eingefügt ist. Hatte er einen Radunfall, hat er sich Pillen eingeworfen? Oder was ist es, wovon er sich erholt?

In David Claerbouts als Weltpremiere zu sehender Videoarbeit "Aircraft (F.A.I.)" im XXL-Format sieht man ein ausgedientes, aufpoliertes Flugzeug. Die Kamera kreist in einer großen Halle um es herum, zwei Männer patrouillieren. Eine gänzlich virtuell erstellte Szenerie, die uns in ihre eigene Zeitlichkeit entführt und Fragen aufwirft wie: Wohin sind wir unterwegs? Wo werden wir landen? In seiner Neonschrift-Installation "Pizzagate" setzt sich Warren Neidlich mit den "Fake News" auseinander, dass Hillary Clinton einen Kindersklavenring betrieben hat, und zeigt, wie leicht in unserer vernetzten Welt Verschwörungstheorien entstehen. Den schlafenden "Antiquar" und den "begabten Amateur" auf Rodney Grahams Foto-Triptychen könnte man sich auch als "Corona-Figuren" denken. Dabei sind die Werke bereits 2017 entstanden.

Tatsächlich stammt nur ein Teil der Arbeiten aus der Pandemie-Zeit. Wie etwa Gabriela Volantis schönes großformatiges Gemälde "Die Wanderung und der Schatten", für das sie Baumwolle gefaltet und vernäht hat, wodurch eine neue Fächer-Optik entsteht. Ansonsten kann man bei vielen Werken die Erfahrung machen, wie die Pandemie den Blick neu prägt. Auch die Inszenierung hat diese beeinflusst, und zwar insofern als es für alle Fälle unter reglitterized.kuenstlerverbund-hausderkunst.de eine Digitalfassung der Ausstellung gibt. Vor Ort und im Original "glitzert" es natürlich schöner. Und sonst bleibt die Hoffnung, dass das Paradies sich vor uns und nicht hinter uns befindet.

The World:Reglitterized - 5. Biennale im Haus der Kunst, bis 10. Sept., Prinzregentenstr. 1

© SZ/chj/her
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