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Mittelalterverein:Zeitreise im Kettenhemd

Kampfszenen in Aubing: Natürlich greift man auch zu den Waffen beim Mittelalterverein "Ubo's Söldner".

(Foto: Robert Haas)

Hauen und stechen, schreinern und kochen: Denis Schiller ist werktags Chef einer Autovermietung, an den Wochenenden gehört er zu "Ubo's Söldnern". Die Gruppe versucht zu leben wie im Mittelalter.

Die beiden Ritter haben sich kaum ihre Helme aufgesetzt und ein letztes Mal die Stahlkappen an ihren Schultern zurechtgerückt, da beginnt schon der Kampf. Klirrend prallt Schwert auf Schwert, dumpf donnert Schild gegen Schild. Die Männer ächzen, schwitzen, schlagen, parieren. Kettenhemden rasseln, Helme klappern. Dann senken die Ritter plötzlich die Klingen. Vorbei. Die Auseinandersetzung endet ohne einen Spritzer Blut, der ganze Kampf: bloß ein Training.

Ein Samstagnachmittag auf dem Aubinger Stadtteilfest; der Mittelalterverein "Ubo's Söldner" hat auf der großen Wiese neben dem Jugendzentrum sein Lager aufgebaut: Mehrere Zelte, eine Anlage zum Bogenschießen, eine kleine Freiluftwerkstatt. Denis Schiller, 43 Jahre alt, lange Haare, langer Bart, tätowierter Oberkörper, führt über das Gelände. Schiller ist der Vorsitzende des Vereins. Im Jahr 2000 hat er ihn mit einer Handvoll Mitstreiter gegründet; heute haben die Söldner knapp 60 Mitglieder, darunter viele Familien, das jüngste Mitglied ist sechs Monate alt.

Die Gruppe fährt gemeinsam auf Mittelaltermärkte oder versucht auf Straßenfesten wie dem in Aubing, Menschen das Mittelalter näherzubringen. Dabei achten sie darauf, der historischen Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen. Sie besuchen auch Schulklassen und fahren einmal im Monat auf Lagerfahrt. Dort versuchen die Vereinsmitglieder, möglichst so zu leben wie die Menschen im Mittelalter: Gekocht wird deshalb ohne Kartoffeln und Tomaten; und wenn es kalt ist, wärmen sie sich am Lagerfeuer. "Wir versuchen, mit dem auszukommen, was es damals gab", erklärt Schiller.

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Gleich zu Beginn des Rundgangs präsentiert er sein eigenes Zelt. Fellteppiche liegen übereinander auf dem Boden, in der rechten Ecke steht Schillers "Mittelalterbett", wie er es nennt. Er hat es selbst gebaut, dabei hat er sich an einem Fund aus Gokstad in Schweden orientiert, nur die Längenmaße sind auf seine Bedürfnisse zugeschnitten: 2,20 Meter lang, 1,40 Meter breit, Rahmen und Latten aus Vollholz gezimmert. Auch bei den anderen Möbeln, die im Lager herumstehen, richten sich die Mitglieder bei der Herstellung nach mittelalterlichen Vorlagen. Nach Funden aus dieser Zeit bauen sie Truhen, Tische oder Stühle. Bei der Herstellung verzichten sie auf Stichsägen, Bohrmaschinen und sonstiges modernes Werkzeug. Denis Schiller baut gerade einen Stuhl, das Holz dafür hat ihn mehrere Hundert Euro gekostet. Bei den Kleidern kann es schnell noch teurer werden: Schillers Mittelaltergewand ist handgenäht, die Holzschuhe sind eine Sonderanfertigung - ebenfalls nach einer Originalvorlage.

Denis Schiller und den Mitgliedern geht es darum, die Epoche so authentisch wie möglich zu erleben - vom Essen bis zu den Möbeln.

(Foto: Robert Haas)

Bei der mittelalterlichen Kleidung gebe es heute viele falsche Überlieferungen und Verklärungen, meint Schiller. Es sei zum Beispiel Quatsch, dass alle Ritter in Rüstung und Kettenhemd in die Schlacht gezogen seien. "Das konnten sich die wenigsten leisten", sagt er, "die meisten haben mit einer Axt oder einem Messer und in einer Leinentunika gekämpft."

Bei den Aubinger Söldnern tragen dennoch viele bei den Kämpfen einen Helm und zumindest ein Kettenhemd oder Panzerungen an Händen und Schultern. Zudem gelten zwischen den Vereinsmitgliedern strenge Regeln: keine Stiche, keine Kopftreffer. "Wir müssen schließlich am Montag alle wieder in die Arbeit", sagt Schiller. Das Kämpfen soll Sport sein, keine Gewaltorgie.

Er selbst arbeitet als Geschäftsführer einer Autovermietung, andere Mitglieder sind Ärzte oder IT-ler. Die Wochenenden mit dem Mittelalterverein nutzen sie als Ausgleich zum Alltag. Tage und Nächte an der frischen Luft, kein Handy, kein Fernseher. Nur die Natur, die Runden mit Bier und Musik am Lagerfeuer, ein bisschen Bogenschießen.

Auch seinen Kindern würden die Fahrten gefallen, sagt Schiller. Er versucht, den beiden Söhnen, der eine drei, der andere fünf, die Zeit näherzubringen, für die er sich so begeistert. Doch er möchte sie und die anderen Kinder des Vereins nicht zwanghaft zu Mittelalterfreunden heranziehen. Deshalb sind sie bei den Kindern auch ganz nicht so streng, was die Mittelalterregeln angeht. In einem der Zelte, die Schiller beim Rundgang durchs Lager zeigt, wird gerade das zweitjüngste Vereinsmitglied gewickelt - mit einer Papierwindel.

Die achtjährige Lea übt sich im Bogenschießen.

(Foto: Robert Haas)

Der Verein ist Schiller wichtig, er steckt viel Zeit hinein, trotzdem soll es ein Hobby bleiben. Er selbst hat mit zwölf Jahren begonnen, erste Rollenspiele zu spielen, mit Mitte 20 hat er dann den Verein gegründet. "Das Interesse war eigentlich schon immer da", sagt er, während im Hintergrund die Schwerter klirren.

Er liest viel, recherchiert in Bibliotheken und Archiven, besucht Vorträge, studiert Ausgrabungsberichte. Es geht ihm darum, die Zeit so authentisch wie nur irgendwie möglich abzubilden. Einfach ist das nicht. "Die Geschichte schreiben immer die Sieger", sagt Schiller. Im Mittelalter seien das die Christen gewesen, viele Schriftstücke und Kulturen anderer Völker, etwa der Wikinger, seien vernichtet oder schlicht nicht überliefert worden. Veranstaltungen wie das Kaltenberger Ritterturnier, das auch an diesem Wochenende Tausende Besucher anlocken wird, sieht Schillereher kritisch: Dort würden historische Gegebenheiten gerne verfremdet oder in einem Kontext dargestellt, der so nicht realistisch sei.

Bei den Recherchen stoßen Denis Schiller und die anderen aus dem Verein manchmal auf Dokumente, von denen man als Laie gar nicht ahnen würde, dass es sie gibt. So verfügt der Verein etwa über eine Sammlung mittelalterlicher Rezepte, nach denen die Mitglieder auf ihren Fahrten kochen. Vor allem bei den Gewürzen sind sie dann oft eingeschränkt, geschmeckt habe es aber eigentlich fast immer, meint Schiller. Einmal haben sie auch Bier nach einer mittelalterlichen Anleitung gebraut. Es hatte zwar nur 1,4 Prozent Alkohol, "gut war's trotzdem".

Auch einige der Tattoos auf Schillers Haut haben mit dem Mittelalter und dem Verein zu tun. Das Schwert und der Schild auf dem linken Oberarm etwa, oder die Axt am rechten. Es sind Schillers Waffengattungen, damit trainiert er mit seinen Vereinskollegen. Ein anderes steht für Sippe oder Gemeinschaft. Darunter versteht Schiller seine Familie. Und den Verein.

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