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Café Roma:Die können nicht nur Italienisch

Das ginge auch als Nachtbar durch: Blick vom Obergeschoss des Cafe Roma hinunter auf den Bartresen im Erdgeschoss.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das "Café Roma" an der Maximilianstraße lebt in seiner neuen Version nicht nur von einer legendären Vergangenheit, sondern auch von einer guten Küche.

Von Felix Mostrich

Wenn man vor dem neuen Café Roma auf dem verschwenderisch breiten Gehsteig in der Sonne sitzt und die drei mächtigen Kastanien bewundert, die einen zur Kreuzung der Maximilianstraße mit dem Altstadtring hin abschirmen, kann man sich kaum einen angenehmeren Ort in der Innenstadt vorstellen. Wenn man dann aber das Lokal betritt, wird man jäh aus seinen angenehmen Frischluft- und Biergartengefühlen gerissen; man fühlt sich plötzlich in eine veritable Nachtbar verbannt. Die beiden Geschosse des Cafés, die durch eine große ovale Öffnung direkt über der Bar miteinander verbunden sind, sind so vollgestopft mit anspielungsgeilen Rotlicht-Details, dass man sich schon sündig vorkommt, wenn man nur zum Klo hinaufsteigt. Auch fragt man sich, warum allein im Erdgeschoss 250 Kugellampen an der Decke hängen, wenn fast gar kein Licht erwünscht ist.

Die aufdringliche Innenarchitektur mit den roten Wänden, der verspiegelten Treppennische, dem hingepinselten Frauenakt und den kleinen Bartischen sieht also für jemand, der dort essen oder einfach nur Kaffee trinken will, irgendwie befremdlich aus. Doch die Küche leistet gute Arbeit, was angesichts des Überangebots auf der Karte besonders erstaunlich ist. Wir haben uns auf die Wochenkarte konzentriert, und waren eigentlich nur vom "hausgemachten Marillenstrudel" enttäuscht, dessen Bestandteile sich unter dem papierdünnen Deckel in eine klebrigsüße Pampe aufgelöst hatten (8,90 Euro).

Auf die Jahreszeit Herbst reagiert die Küche mit einer ganzen Reihe lohnender Kürbisgerichte. So dürfte die Kürbiscremesuppe mit steirischem Kernöl und reichlich gerösteten Kürbiskernen (6,50 Euro) eine der gehaltvollsten in der ganzen Stadt sein. Unter dem modischen Etikett "Zucca Bowl" aber haben die Köche warme und kalte Bestandteile in einer großen Schale zu etwas vereint, was anregend schmeckt. An unserem Testtag bestand die Mischung aus Hokkaidokürbisstücken, Fregola-Sarda-Nudeln, weißen Bohnen und Feta-Käse, also Dingen, die für sich genommen recht langweilig sein können, im Ensemble mit würzig frischem Rucola-Pesto aber überraschende geschmackliche Reize entwickeln (15,90).

Erfreulich sicher ist sich die Küchenmannschaft bei italienischen Pasta-Gerichten, die jeweils in stattlichen Portionen und zu vergleichsweise moderaten Preisen - man befindet sich schließlich an einem der teuersten Orte der Stadt - serviert werden. Unter dem Namen "Gnocchetti Cantarelli" etwa sind hausgemachte Kartoffelnocken von erfreulich fester Konsistenz mit frisch gebratenen Pfifferlingen und Kräuterrahmsoße zu einer gelungenen Hauptspeise vereint (16,90).

Ähnlich überzeugend die "Spaghetti con Cozze": Die Menge der unter die Nudeln gemischten, ja die Nudeln fast verdrängenden Miesmuscheln würde in anderen Lokalen für zwei oder drei Portionen reichen. Der zum Sugo verdichtete cremige Muschelsud aber war, wie auf der Karte warnend angekündigt, von Knoblauch geprägt, entsprach also genau dem Geschmack des Schreibers dieser Zeilen (16,90).

Auch von den Fleischspeisen ist vorwiegend Positives zu berichten. Die fast kugelig prallen Kalbfleischpflanzerl könnte man sich vielleicht stärker gewürzt vorstellen, aber der dazu servierte lauwarme Kartoffelsalat kommt dem Idealzustand, den man nur mit dem unschönen Wort "glitschig" richtig beschreiben kann, ziemlich nahe (13,90). Beim Gericht Lammkoteletts waren drei riesige Doppelkoteletts mit Fetträndern - eines war fast vier Zentimeter dick - auf dem Teller zu einem mächtigen Scheiterhaufen aufgetürmt, der beim Servieren am Tisch lebhafte Überraschungslaute provozierte. Überraschender war aber wohl, dass diese gewaltige Fleischmasse beim Grillen tatsächlich rosig zart geblieben war und ungewöhnlich frisch schmeckte. Zu loben war auch, dass dazu nicht routinemäßig Pommes Frites, sondern ein locker-cremiger Karotten-Risotto serviert wurde, der ideal zum fetten Fleisch passte (23,90).

Dass in einem Lokal, das "Roma" heißt und sich sowohl bei den Getränken als auch bei den Vor-, Haupt- und Nachspeisen durch und durch italienisch gibt, der italienische Klassiker "Fegato Veneziano", die Leber nach venezianischer Art also, mustergültig gelingen würde, war zu erwarten gewesen. Aber auch die quasi zentraleuropäische Variante "Kalbsleberscheiben, gebraten in Salbeibutter, mit Apfelspalten, Vogerlsalat und Calvados-Dressing" (17,90) kann sich bestens neben der italienischen Version behaupten.

So testet die SZ bei der Kostprobe

Die Kostprobe gibt es als Format für Restaurantkritiken seit 1975 in der Süddeutschen Zeitung. Die Autorinnen und Autoren haben sich ehernen Regeln verpflichtet: Sie testen ein Restaurant frühestens 100 Tage nach Eröffnung (damit sich das Küchenteam bis dahin einspielen kann), essen dort mehrmals (denn jeder Koch und jede Köchin kann mal einen schlechten Tag haben), geben sich nicht als Tester zu erkennen und schreiben unter Pseudonym (um unerkannt und unabhängig bleiben zu können). Und die Rechnung? Die bezahlt natürlich die SZ selbst.

Die Küche kann also auch ganz anders. Ja wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass das neue "Roma", wie schon sein legendärer Vorgänger, nicht von einem Italiener, sondern von einem Deutschen geführt wird, wäre das Gericht "Matjes Hausfrauen Art", das hier fast altmeisterlich korrekt mit Zwiebeln, Gurken, Äpfeln und Petersilienkartoffeln zelebriert wird, ein schlagendes Beispiel. Beim Wein freilich wird man vergeblich nach etwas Deutschem suchen.

Adresse: Maximilianstraße 33, 80539 München, Telefon: 089/18912888, Öffnungszeiten: täglich 8 bis 1 Uhr

© SZ vom 22.10.2020/vewo

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