Kritik:Zeitreisen

Man kennt die berühmten Texte - wie aber hat der Gesang von Walter von der Vogelweide geklungen? Joel Frederiksen und Marc Lewon haben die Musik erforscht und die mittelalterlichen Lieder erstmals live präsentiert.

Von Klaus Kalchschmid, München

Eine zauberhafte Premiere ist das in der Allerheiligen-Hofkirche mit Minnesang des Walter von der Vogelweide vom Beginn des 13. Jahrhunderts! Joel Frederiksen vom Ensemble Phoenix sowie Marc Lewon und Baptiste Romain von der Schola Cantorum Basiliensis hatten sich mit viel musikwissenschaftlicher Unterstützung von Ulrike Keil tief in diese Welt versenkt. Nachzuverfolgen war das zunächst nur auf einem eigenen Blog, nun erklang diese Musik erstmals vor Publikum; im Frühjahr soll das auch für CD aufgenommen werden.

Walter von der Vogelweides mittelhochdeutsche Texte sind zwar gut dokumentiert, aber nur wenige Melodien dazu überliefert. Ihr Singen ist nach 800 Jahren auf kreative Deutung der spärlichen Quellen angewiesen. Zumal seinerzeit eine Notenschrift im heutigen Sinne gerade erfunden wurde. Sogenannte "Neumen", in denen der Gregorianische Choral seit dem 9. Jahrhundert aufgezeichnet wurde, gab es zwar. Sie zeigten eine teilweise nur ungefähre Tonhöhe an, aber erst mit der sogenannten "Modalnotation" präzisierte sich das, konnte auch die Tondauer fixiert werden.

Zunehmend fasziniert, vernimmt man immer mehr Feinheiten, wenn man dem herrlich erzählenden sonoren Bass von Joel Frederiksen zuhört, wie er die großartigen Liebes- und Frühlings-Lieder singt, aber auch eines über die Lust des Essens ("Alte clamat Epicurus") und das berühmte "Ich saz ûf einem steine". Dieser Text gerinnt im "Codex Manesse" zum nicht minder berühmten, vielfach gedruckten ikonographischen Bild Walter von der Vogelweides.

Einerseits ist man begeistert von der Natürlichkeit des singsprechenden Vortrags durch Frederiksen oder manchmal auch von Marc Lewon. Andererseits aber staunt man über die subtile Begleitung mit uralten Instrumenten wie Dudelsack, Fidel und Rubeba, beides Vorläufer der Geige, sowie von Streichleier und Quinterne, also einer frühen Gitarre, oder der Citole. Das ist eine Variante der damals in Deutschland noch nicht gebräuchlichen Leier.

© SZ/arga/aw
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