Gendermedizin:Warum Frauen häufiger nach einem Herzinfarkt sterben

Gendermedizin: Viele Frauen kommen zu spät in die Notaufnahme, häufig werden Diagnosen zu spät gestellt, weil sie andere Symptome haben als Männer.

Viele Frauen kommen zu spät in die Notaufnahme, häufig werden Diagnosen zu spät gestellt, weil sie andere Symptome haben als Männer.

(Foto: Florian Peljak)

Das Geschlecht eines Patienten kann im Notfall über Leben und Tod entscheiden. Warum das noch immer so ist und was man dagegen tun kann, darüber will nun ein Projekt der München Klinik aufklären.

Von Nicole Graner

Ob man eine Frau oder ein Mann ist, das spielt bei der medizinischen Versorgung eine große Rolle. Die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt ist bei Frauen höher als bei Männern. Frauen kommen häufiger zu spät in die Notaufnahme, erhalten seltener Operationen, werden bei Notfällen oft später wiederbelebt. Häufig werden Diagnosen zu spät gestellt, weil Frauen unter anderen Symptomen leiden als Männer. Die medizinischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen rechtzeitig zu erkennen, kann im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden.

Die München Klinik (Mük) startet nun ein Schulungsprogramm, um Rettungskräfte und Sanitäter für diese Herausforderung zu sensibilisieren. Das Projekt "Culture, Sex & Gender in der Notfallmedizin" beginnt im November, ist auf drei Jahre angelegt und wird von der Stadt mit 210 000 Euro finanziert.

Noch immer würden Frauen und Männer nicht gleich behandelt, noch immer werde nicht ausreichend auf das unterschiedliche Schmerzempfinden oder die Beschreibung der Symptomatik eingegangen, erklärt Hildegard Seidl, Fachreferentin für Gendermedizin und Pflege der München Klinik. "Das ist total erschreckend." Die Sterblichkeit der Frauen liege bei einem Herzinfarkt um 17 Prozent höher als bei Männern. Besonders junge Frauen seien da eine Hochrisikogruppe, die man "lange nicht beachtet" habe.

Studien zeigten, dass Frauen eine andere, vielfältigere Symptomatik bei einem Herzinfarkt haben, berichtet Seidl. Sie klagten zum Beispiel über Müdigkeit, Erbrechen, Schwindel, Schwitzen oder auch Rückenschmerzen. Der klassische Schmerz in der Brust werde davon oft überlagert, eine Diagnose deswegen zu spät gestellt. "Männer haben meist diesen Vernichtungsschmerz in der Brust - und der lässt sie dann auch sofort in ein Krankenhaus gehen." Die Schilderung von Symptomen sei unterschiedlich, sagt auch Christoph Dodt, Notfallchef der Klinik Bogenhausen und Leiter des Schulungsprojekts. "Offensichtlich haben Männer und Frauen eine unterschiedliche Wahrnehmung von Beschwerden."

Frauen würden außerdem viel später in die Notaufnahme gehen. Das betrifft laut Seidl vor allem ältere Patientinnen, die oft allein leben und statistisch vier bis fünf Stunden später ins Krankenhaus kommen. Frauen reagieren häufig auch anders auf Medikamente als Männer. Auch hinterfragten sie die Medikation häufiger, wollten genau wissen, was sie da einnähmen und seien grundsätzlich die "kritischeren Patienten".

Mediziner müssten auch die Transgeschlechtlichkeit verstärkt im Blick haben, sagt Seidl. Transfrauen, die bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen bekommen haben, hätten zum Beispiel ihre Prostata noch - oder Transmänner die Eierstöcke. Im Schulungsprojekt sollen diese Unterschiede deutlich gemacht, der Umgang damit bewusster und sensibler werden. "Dieses Schulungsprogramm ist ein wichtiger Schritt, Gender-Aspekte in die Pflege und Medizin zu integrieren", betont Seidl. Bis jetzt hätten sich schon mehr als 40 Teilnehmer angemeldet.

Eine weitere Herausforderung bei der medizinischen Behandlung spielen interkulturelle Unterschiede und sprachliche Barrieren. Deswegen müssten Dolmetscher gut im Team integriert sein und ein Verständnis für Medizin haben, erklärt Solmaz Golsabahi-Broclawski, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Bielefeld. Sie könnten im Dialog mit Ärzten und Patienten entscheidend dazu beitragen, Ängste zu nehmen. Oder erklären, warum Erkrankte aus religiösen oder kulturellen Gründen etwas nicht tun möchten. "Jedem Patienten muss die gleiche Sensibilität entgegengebracht werden", betont Golsabahi-Broclawski, "egal woher er kommt."

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