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Martin Luther:Wie Münchner die Reformation unterstützten

Kampf dem Unglauben: Einer der vier Putti auf der Mariensäule führt das Schwert gegen die Schlange, die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges die Ketzerei, mithin das Luthertum symbolisierte.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In allen Schichten gab es Anhänger von Martin Luther - doch sie wurden als Staatsfeinde verfolgt.

Leonhard Reiff stammte aus München, er war Augustinermönch und immatrikulierte sich im Jahr 1514 an der Leucorea, der Universität in Wittenberg. Dort lehrte Martin Luther, ebenfalls Augustiner und seit wenigen Jahren Theologieprofessor. Reiff, der in historischen Quellen oft als "Bavarus", der Bayer, auftaucht, wurde so etwas wie ein Assistent Luthers.

Im April 1518 begleitete er den Reformator, der einige Monate zuvor seine 95 Thesen gegen das Ablass-Unwesen in Umlauf gebracht hatte, zum Streitgespräch der Augustiner Kongregation in Heidelberg ("Heidelberger Disputation"), im Herbst desselben Jahres begaben sich die beiden Ordensbrüder zu Fuß nach Augsburg, wo sich Luther dem Verhör durch den päpstlichen Gesandten Thomas Cajetan zu stellen hatte.

Reformation

Luthers Lebensstationen in Bildern

Einige Jahre später, im Frühjahr 1522, schickten die Wittenberger Augustiner den "Bavarus" in seine Heimatstadt München, wo er dem dortigen Konvent wichtige Beschlüsse überbringen sollte. In Bayern, wo die Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. gerade einen strikt antireformatorischen Kurs eingeleitet hatten, erging es Reiff schlecht. Man warf ihm vor, reformatorisches Gedankengut zu verbreiten, und sperrte ihn in den Falkenturm, einen alten Wehrturm an der heutigen Maximilianstraße, der seinerzeit als Staatsgefängnis diente.

Reiff war so verzweifelt, dass er, wie er später schrieb, an Selbstmord dachte. "Also quälte mich in meiner Gefangenschaft der Teufel, dass, wenn ich ein Messer in die Hand nahm, lachte sein Herz und er sagte: ,Ey, erstich dich!'" Reiff hat dem Teufel getrotzt. Zweieinhalb Jahre dauerte seine Kerkerhaft im Falkenturm.

für Geschichte von Wolfgang Görl

Luthers Freund Johannes von Staupitz.

(Foto: Luthers Acta Augustana/Pustet Verlag)

Die Geschichte aus der Frühzeit der Reformation steht in Andreas Gößners Buch "Evangelisch in München", das soeben im Pustet-Verlag erschienen ist. Der evangelische Kirchenhistoriker Gößner, Theologieprofessor an der Universität Göttingen, geht darin den Spuren des Protestantismus in München nach, und zwar von den Anfängen der Reformation bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Wer nun meint, das Thema wäre schnell erledigt, weil die Lutherischen während dieser Zeit in München ja kaum einen Fuß auf den Boden bekommen haben, muss sich sagen lassen, dass er irrt. Es gibt Spuren, wenngleich nicht übermäßig viele. Und letztlich hat auch die Politik der bayerischen Herrscher, ihren Staat und die Residenzstadt zu einer Hochburg des Katholizismus zu machen, ja insofern einen reformatorischen Hintergrund, als sie eine Reaktion auf Luthers neue Lehre ist.

Letztlich aber gilt, was Gößner bereits in der Einleitung schreibt: "Evangelische in München hatten vom 16. bis ins 19. Jahrhundert wegen der frühen Entscheidung der Herrscherdynastie gegen die Reformation unter massiver Ausgrenzung und anderen einschneidenden Konsequenzen zu leiden."

Mit einer Legende räumt der Kirchenhistoriker in seinem Buch auf. Die Rede ist von der immer wieder publizierten Behauptung, Luther hätte während seiner Reisen auch mal Station in München gemacht. Dafür aber gibt es nicht einen stichhaltigen Beweis. Zwar lässt sich die Route, die Luther bei seiner Romreise 1510/11 genommen hat, nur bruchstückhaft rekonstruieren - aber daraus den Schluss zu ziehen, der Augustinermönch aus Wittenberg müsse in München, vorzugsweise im dortigen Augustinerkloster, Quartier genommen haben, ist alles andere als seriös. Für diese These findet sich kein überzeugender Anhaltspunkt in den Quellen.

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Luther und sein Judenhass

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Das Lutherhaus in Eisenach dokumentiert den Antijudaismus des Reformators - und die Mühen von Nazi-Protestanten, Juden aus der Bibel zu tilgen.   Von Rudolf Neumaier

Immerhin kurios ist die Legende, die man sich von Luthers heimlicher Flucht aus Augsburg erzählt. Luther hatte sich aus dem Staub gemacht, weil ihm nach dem Verhör durch Cajetan Übles schwante. Der Sage nach ist der renitente Mönch, verfolgt von päpstlichen Legaten, auf feuerspeienden Pferden durch die Luft entflogen und schließlich in München gelandet. Dort habe er sich im Wirtshaus "Koch in der Hölle" eine Bratwurst und ein Bier genehmigt, und als seine Begleiter Gefahr witterten, sei er blitzartig aufgebrochen, ohne die Rechnung zu bezahlen. Dass diese Schauergeschichte einen historischen Kern hat, ist selbstredend äußerst zweifelhaft. Sie dürfte eher den Zweck gehabt haben, den Reformator als einen Lumpen zu schildern, der mit dem Teufel im Bund ist, und überdies als ein Zechpreller.