Literatur:Töchter ohne Trost

Literatur: Für Sarah Biasini ist Romy Schneider allgegenwärtig - nun hat sie sich in einem Buch mit der Erinnerung an ihre Mutter auseinandergesetzt.

Für Sarah Biasini ist Romy Schneider allgegenwärtig - nun hat sie sich in einem Buch mit der Erinnerung an ihre Mutter auseinandergesetzt.

(Foto: Patrice Normand)

So unterschiedlich ihre Bücher auch sein mögen - Sarah Biasini und Tsitsi Dangarembga, die beide Ende Oktober im Literaturhaus lesen, denken intensiv über das Thema Mütter nach.

Von Antje Weber, München

Auf den ersten Blick mögen diese Frauen nichts miteinander gemein haben, und ihre Bücher auch nicht. Hier die französische Schauspielerin Sarah Biasini, Tochter der berühmten Schauspielerin Romy Schneider. Dort Tsitsi Dangarembga, simbabwische Schriftstellerin und Filmemacherin, in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Gibt es wirklich etwas, das diese beiden Autorinnen, die demnächst jeweils im Literaturhaus München lesen, verbinden könnte? Bei allem Trennenden der Lebenswirklichkeiten, die sie schildern, ist da tatsächlich etwas, was beide auf eigene Weise beschäftigt und verunsichert: die Beziehung zur Familie, zur eigenen Herkunft. Ganz besonders ringen sie um das Verhältnis zu den Müttern.

Unübersehbar, alles beherrschend ist das bei Sarah Biasini, die sich in ihrem autobiografischen Buch "Die Schönheit des Himmels" (Zsolnay) intensiv mit ihrer Mutter auseinandersetzt - einer Mutter, die fast jeder kennt; einer Mutter, die nicht nur wegen ihres schauspielerischen Ruhms durch Filmrollen wie "Sissi" unvergessen ist, sondern auch aufgrund ihres tragisch frühen Todes. Sarah Biasini war damals, im Jahr 1982, vier Jahre alt. Anlässlich der Geburt ihrer eigenen Tochter ergründet die Autorin jetzt in einem langen Brief in berührender Offenheit und Verletzlichkeit die Beziehung zu ihrer Mutter.

In Rückblenden zu verschiedenen Lebensstationen wird deutlich, wie belastend es für sie war und ist, immer wieder von fremden Menschen schwärmerisch auf Romy Schneider angesprochen zu werden. "Ich kann ihre Liebe für sie, ihren Verlust nicht teilen. Meine Liebe und meine Leere erscheinen mir tausendmal größer", schreibt sie. Und es fallen Sätze, die auf den ersten Blick hart erscheinen: "Niemand will meine Mutter vergessen, nur ich. Alle möchten daran denken, nur ich nicht."

Literatur: Die simbabwische Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2021, schreibt über Frauen in einer gewalttätigen, patriarchalen, rassistischen Gesellschaft.

Die simbabwische Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2021, schreibt über Frauen in einer gewalttätigen, patriarchalen, rassistischen Gesellschaft.

(Foto: Hannah Mentz)

Die eigene Mutter vergessen wollen - diesen Satz kann man auch als ständigen Subtext in Tsitsi Dangarembgas Roman "Überleben" (Orlanda) lesen. Dies ist allerdings ein Roman, jede Ähnlichkeit mit Familienmitgliedern nicht überprüfbar. Doch man tritt der simbabwischen Autorin sicher nicht zu nahe, wenn man behauptet, dass dieser Roman nah an eigenen Lebenserfahrungen und Beobachtungen entlanggeschrieben ist; als eine Auseinandersetzung mit der Rolle von Frauen in einer gewalttätigen, patriarchalen, rassistischen Gesellschaft, die zudem von bitterster Armut geprägt ist. Die Lektüre dieses unfassbar harten Buches ist schockierend; es tut weh, den Kampf einer Frau mittleren Alters mitzuerleben, die ihre vielversprechend gute Bildung nicht nur mit der Entfremdung von ihrer Familie bezahlt. Bei ihrem Versuch, das karge Landleben hinter sich zu lassen und sich in der Hauptstadt Harare als Werbetexterin durchzuschlagen, wird Tambudzai so gedemütigt, dass sie wütend kündigt - nur um in Höllenkreisen der Perspektivlosigkeit zu versinken. Die Spannungen eines traumatisierten Landes korrespondieren dabei mit der erschreckenden Verhärtung und Fühllosigkeit der Protagonistin, von der stets in der Du-Form die Rede ist. Irgendwann allerdings bröckelt in diesem bei aller Härte fesselnd anschaulich erzählten Roman deren Distanz zu sich selbst und zu ihrer Familie dann doch.

Denn da ist dieser Sack mit Maismehl, den eine Bekannte vom Land mitbringt, von der Mutter geschickt. Tambudzai rührt ihn trotz Hungers nicht an, zu groß ist die Scham über das eigene Scheitern. Erst als sie in einem neuen Job als Tourismusmanagerin endlich Erfolg wittert, wagt sie sich wieder ins Heimatdorf. Und trifft dort auf eine vom Vater und vom Elend geschlagene Mutter, die ihr Schicksal trotz allem mit Würde annimmt - und sich wehrt, als die Tochter sie um ihrer Karriere willen zu verraten droht.

Nein, das Verhältnis von Töchtern und Müttern ist nicht immer einfach. Und doch handeln beide Bücher, von Biasini wie Dangarembga, nicht nur von der komplexen Liebe der Töchter zu ihren Müttern. Sie erzählen insgesamt immer wieder von Solidarität unter Frauen; vom Versuch, einander hinwegzuhelfen über die Verletzungen eines jeden Lebens.

Lesungen: Sarah Biasini: Montag, 25. Oktober; Tsitsi Dangarembga: Samstag, 30. Oktober, jeweils 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1, Saal- und Streamtickets unter literaturhaus-muenchen.de

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