Weihachtsbräuche:Milchdieb, Türzuschläger und Kerzenschnorrer

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Weihachtsbräuche: Eine Trollfrau und ein Trollmann in der Fußgängerzone von Akureyri, der viertgrößten Stadt Islands.

Eine Trollfrau und ein Trollmann in der Fußgängerzone von Akureyri, der viertgrößten Stadt Islands.

(Foto: Roland Marske/imago images)

Der Deisenhofener Bayernliga-Fußballtrainer Hannes Sigurdsson pflegt mit seiner Familie die Traditionen seiner isländischen Heimat. Dazu gehören 13 Trolle.

Von Stefan Galler, Oberhaching

Hannes Thorstein Sigurdsson ist ein Wandervogel. Der ehemalige Profifußballer stammt aus Island, wo er jedoch seit 20 Jahren nicht mehr lebt. Er hat in Norwegen, Dänemark und Schweden gespielt, aber auch in England, Russland und Kasachstan. Und in Österreich und der Oberpfalz - mit eigentümlichen Kulturen kennt er sich also aus. Mittlerweile ist der 38-Jährige seit dreieinhalb Jahren Trainer beim Bayernligisten FC Deisenhofen - weil seine Ambitionen zu groß sind für den familiären Klub, wird er den Verein am Saisonende verlassen. Was ihm laut eigener Aussage schwer fällt, er ist im Ort mittlerweile tief verwurzelt, man sieht ihn auch mal in der Krachledernen, etwa beim Sonnwendfest oder zum Wiesn-Anstich.

Und doch hat er die Riten seines Heimatlandes noch immer verinnerlicht und pflegt sie auch mit seiner Familie. Die Adventszeit wird in Island geradezu zelebriert, und zwar mit allerhand Bräuchen, die man hierzulande nicht kennt. "Bei uns gibt es nicht nur einen Weihnachtsmann, sondern gleich 13", sagt Sigurdsson. Dabei handele es sich um Trolle, die in den letzten 13 Tagen vor Weihnachten bis Heiligabend nach und nach zu den Menschen kommen, jeden Tag einer. Vom 25. Dezember an verschwinden die Fabelwesen dann wieder, abermals täglich einer, bis das Weihnachtsfest am 6. Januar endgültig beendet ist.

Am 12. Dezember kommt der erste Troll

Weihachtsbräuche: Weihnachtliche Maskerade: Hannes Sigurdsson im Kostüm eines der 13 Weihnachtstrolle auf dem Cover eines isländischen Magazins.

Weihnachtliche Maskerade: Hannes Sigurdsson im Kostüm eines der 13 Weihnachtstrolle auf dem Cover eines isländischen Magazins.

(Foto: privat)

Diese "Jólasveinar", wie die Figuren genannt werden, stehen im Mittelpunkt der Weihnachtstradition des nordeuropäischen Inselstaates. Anders als der Nikolaus oder Weihnachtsmann sind sie jedoch nicht freundlich und kinderlieb, sondern rau und verschroben, sie haben die unterschiedlichsten Charaktereigenschaften. So ist Stekkjastaur (gesprochen: Stehtjastöür), der Sage nach der erste Troll, der am 12. Dezember aus den dunklen Bergen des Lavafelsen Dimmuborgir zu den Menschen kommt, ein dürres Männlein, das den Mutterschafen im Stall die Milch stiehlt. Es folgen unter anderem der "Essnapflecker" Askasleikir am 17. Dezember; Hurðaskellir (gesprochen: Hürsasketlir), der die Menschen mit nächtlichem Türzuschlagen um den Schlaf bringt, am 18. Dezember und Gáttaþefur (gesprochen: Ka-uhtasehvür), der auf der Suche nach Essbarem an den Türschlitzen schnüffelt, am 22. Dezember. "Alle Kinder lieben diese Trolle, obwohl sie keine rotweiße Uniform tragen, sondern eher wild daherkommen", erzählt Sigurdsson.

Im Gegensatz zum gutmütigen Trollvater Leppaluði ist die Mutter dieser 13 Gestalten, sie heißt Grýla, eine echte Hexe: Sie soll unartige Kinder fressen und hat die Weihnachtskatze Jólakötturinn an ihrer Seite, die bevorzugt jene Menschen verspeist, die vor Weihnachten nicht sämtliche Wolle zu Kleidungsstücken verarbeitet haben. "Ich habe Grýla, aber auch fast alle anderen Figuren schon gespielt, wenn wir in meiner Heimatgemeinde das Ende der Weihnachtszeit gefeiert haben", erzählt Sigurdsson. Denn wenn sich der letzte Troll Kertasníkir, der Kerzenschnorrer, am Dreikönigstag wieder in die Berge zurückzieht, dann lassen es die Isländer richtig krachen, mit großen Feuern, viel Atmosphäre und Maskerade. "Bei mir zu Hause in Hafnarfjördur, ein Vorort der Hauptstadt Reykjavik mit knapp 30 000 Einwohnern, ist das immer ein riesiges Fest", sagt der Deisenhofener Fußballtrainer.

Diesmal kann er nicht bis zum 6. Januar bleiben, er muss aus beruflichen Gründen am 28. Dezember nach Deutschland zurück. Die wichtigsten Weihnachtstraditionen seines Heimatlandes bekommt der 38-Jährige aber auch so mit, etwa die enorme Bedeutung der Beleuchtung in diesen vor allem in Island so dunklen Tagen: "Bei uns zu Hause ist es im Advent nur drei, vier Stunden am Tag wirklich hell, deshalb werden überall Kerzen entzündet und Lichter angeschaltet", erzählt Sigurdsson. Auf den Friedhöfen seien dann sämtliche Gräber beleuchtet. "Ich habe das Gefühl, dass die Leute immer früher dran sind, ihre Fenster zu schmücken, aber das ist in Island nicht anders als in Deutschland."

Weihachtsbräuche: Hannes Sigurdsson ist seit dreieinhalb Jahren Trainer des Bayernligisten FC Deisenhofen.

Hannes Sigurdsson ist seit dreieinhalb Jahren Trainer des Bayernligisten FC Deisenhofen.

(Foto: Claus Schunk)

Gut 60 Jahre lang spendete Norwegen den Isländern einen Weihnachtsbaum

Auch der Weihnachtsbaum hat in Sigurdssons Heimat eine große Bedeutung: Zwischen 1951 und 2013 erhielt Island mangels eigener hochgewachsener Nadelhölzer jedes Jahr eine imposante Tanne von der norwegischen Regierung, als Zeichen der Freundschaft zwischen den beiden skandinavischen Staaten. Dieses als "Oslo-Baum" bezeichnete Gewächs schmückte jedes Jahr den Platz Austurvöllur in Reykjavik - und auch in kleineren Städten stellen die Menschen eingedenk der Tradition bis heute "Oslo-Bäume" auf, obwohl wegen des CO₂-Ausstoßes beim Transport längst keine Tanne mehr aus Norwegen kommt. Mittlerweile hat man es auch geschafft, in Island, im Waldgebiet Heiðmörk, hohe Nadelbäume zu züchten. "Bei uns in der Familie ist es Tradition, unseren am 23. Dezember zu schmücken, aber manche machen das auch schon ein paar Tage früher", sagt Sigurdsson.

Wichtig sei in Island an Weihnachten vor allem, den Kindern glückliche Stunden zu bereiten. Obwohl die Isländer als trinkfest gelten, spielt Alkohol eine weniger große Rolle als in anderen europäischen Ländern. Ein schöner Brauch ist, dass es an den Weihnachtsfeiertagen Milchreis für die Kleinen gibt - und in einer Portion eine Mandel versteckt ist. Wer sie findet, bekommt ein Geschenk. Auch Hannes Sigurdsson erinnert sich an diese Tradition: "Aber als ich klein war, haben dann immer alle Kinder etwas bekommen."

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