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Ismaning:Shitstorm live

Computer Netzwerkkabel

Einen Hackerangriff hat es auf eine Online-Veranstaltung der VHS Nord mit SZ-Redakteuren gegeben.

(Foto: dpa)

Unbekannte stören eine Online-Veranstaltung der Volkshochschule Nord mit SZ-Redakteuren zum Thema Hasspost massiv und ordinär.

Es sollte ein kleiner "Werkstattbericht aus dem Auge des Shit-Storms" werden, die beiden SZ-Redakteure Roman Deininger und Max Hägler wollten über Hasspost und Leserbriefe jedweder Art an die Süddeutsche Zeitung referieren. Doch die Veranstaltung der Volkshochschule Nord (VHS) geriet außer Kontrolle. Es gab ein "Zoom-Bombing", wie der Leiter der VHS Nord, Lothar Stetz, berichtet. Die Online-Übertragung sei so massiv gestört worden, dass die geplante Fragerunde am Schluss abrupt abgebrochen wurde.

Die Einordnung fällt dem VHS-Leiter schwer. "Vielleicht war es ein Dummejungenstreich", sagt er, vielleicht aber seien es russische Trolle gewesen, denn einige hatten Namen in kyrillischer Schrift und es gab Russlandbezüge, etwa Hinweise auf den von Russland finanzierten Auslandsfernsehsender Russia Today. Auf jeden Fall sei es nach seinem Eindruck ein sehr professioneller Angriff gewesen, so Stetz.

Der VHS-Leiter sagt, er habe sich ohnmächtig bei dem Angriff gefühlt, und fügt selbstkritisch an: "Ich hätte schneller reagieren können." Aber er hatte nicht mit so einem Angriff gerechnet. "Das war eine vergleichsweise harmlose Veranstaltung, informativ und unterhaltsam", so Stetz, es sei schließlich nicht um Umtriebe in der rechten Szene gegangen. "Es war ja nicht die politische Veranstaltung, die für besondere Trolle interessant war."

Die beiden Redakteure bekamen zunächst wenig von dem Hackerangriff mit. Sie hielten ihren Vortrag im Ismaninger Videostudio, bemerkten jedoch, wie der VHS-Leiter und sein Kollege zunehmend hektisch wurden. Sie konnten sich nur denken, dass etwas nicht stimmte, berichten die beiden. Tatsächlich wurde die Veranstaltung "koordiniert von mehreren Teilnehmern gestört", sagt Stetz. So wurde etwa eine Hitlerrede eingespielt und ein Teilnehmer sei beim Onanieren zu sehen gewesen, berichtet Stetz. "Es ist schon bitter, wenn eine Veranstaltung einem so kaputtgemacht wird." Zusätzlich habe es noch Angriffe auf die Technik gegeben, der Ton war am Schluss fast nicht mehr zu verstehen, die vorgesehene Fragerunde musste deswegen abgebrochen werden.

VHS-Chef Stetz will sich für künftige Angriffe wappnen

Stetz und sein Kollege hatten alle Hände voll zu tun, die störenden Teilnehmer zu identifizieren und sie zu sperren. Aber selbst wenn die VHS ihnen das Mikrofon abgestellt habe, sei der Erfolg nicht von langer Dauer gewesen. "Wir als Volkshochschule sind auf Interaktion angelegt, sie konnten das Mikro selbst wieder anschalten", sagt Stetz. Er habe sich wie in einem richtigen Kampf gefühlt. "Das war eine völlig neue Erfahrung für mich", dabei habe die VHS inzwischen schon viele Online-Formate erfolgreich umgesetzt.

Die VHS wird nun einige Veränderungen vornehmen. In Zukunft soll der Zugang nicht mehr frei zugänglich sein, sondern nur noch mit Passwort. Auch ein Warteraum soll eingerichtet werden. Vor allem sollen Videos und Mikrofone abgeschaltet werden können.

Die Rückmeldungen von den Teilnehmern waren laut Stetz gemischt. Viele dachten, die Verantwortlichen der VHS bekämen nicht mit, was da passiert. Stetz sagt, es sei eben nicht möglich gewesen, gleichzeitig mit den Teilnehmern zu chatten und zu versuchen, die Angriffe abzuwehren. Viele stiegen wohl schon zwischendurch aus, weil sie nichts mehr verstehen konnten und weil sie die Einspielungen nicht sehen wollten. Das soll sich auf keinen Fall wiederholen.

© SZ vom 03.06.2020/sab
Symbolfoto: Haende schreiben auf einer Computertastatur. Berlin, 28.08.2019. Berlin Deutschland *** Symbol photo Writin

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