SZ-Serie Landmarken:Der englische Park

SZ-Serie Landmarken: Eine der alten, erst wieder entdeckten Mauern im Park Höllriegelskreuth.

Eine der alten, erst wieder entdeckten Mauern im Park Höllriegelskreuth.

(Foto: Claus Schunk)

Erst nach einem Orkan wurde die Anlage in Pullach im Jahr 2003 wiederentdeckt. Angelegt hat sie Franz Höllriegel, der sich hier auch mit Ludwig I. getroffen haben soll. Die Agenda 21 wünscht sich mehr Pflege

Von Melanie Artinger, Pullach

Verborgen vor den Blicken der Radler, die im Biergarten des Brückenwirts ihren Durst stillen, liegt im angrenzenden Buchenwald ein Kleinod versteckt. Den wenigsten der Mountainbiker, die gerade den Isarhang hinunter gefahren sind, dürfte das mit Efeu bewachsene Monument am Wegesrand aufgefallen sein. Unbemerkt führte sie der schmale Pfad durch die Relikte eines fast vergessenen englischen Landschaftsgartens aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Eine historische Postkarte zeigt ein anderes Bild des erst 2003 nach einem Orkan wiederentdeckten Höllriegel-Parks. Die weitläufige, zur frei fließenden Isar hin abfallende Wiesenfläche lenkt den Blick zu einer kleinen Kapelle unweit des Gutsgebäudes. Nur mit viel Fantasie kann man sich die Anlage in dieser Form vorstellen. Doch das zentrale Bauwerk der Parkanlage fällt dem Biergartenbesucher als einziges der Monumente schnell ins Auge.

Das 1852 im neogotischen Stil errichtete Sakralgebäude befindet sich südlich des Brückenwirts am Waldrand. Noch heute wird die Kapelle mit ihren österlichen Motiven von Emmauspilgern am Morgen des Ostermontags besucht. Vor der Kapelle liegen unter Gestrüpp die Überreste einer Aussichtsterrasse, nur die Fragmente der alten Sitzbänke sind noch sichtbar. Verborgen im Inneren der Kapelle befindet sich eine posthum angebrachte Gedenktafel, die an den Erbauer Franz Höllriegel erinnert.

Damals gab es noch den ungehinderten Blick von Burg Grünwald bis Schwaneck

Auf den 1794 geborenen Höllriegel, der am Bau der Glyptothek in München beteiligt und für Steinmetzarbeiten an Bauwerken am Königsplatz und am Siegestor verantwortlich war, geht auch die Gründung des Pullacher Ortsteils Höllriegelskreuth im Jahr 1851 zurück. In den hiesigen Steinbrüchen ließ er Nagelfluh abbauen. Das 1848 errichtete Gutshaus, in dem heute der Brückenwirt untergebracht ist, diente Höllriegel als Landsitz. Gemeinsam mit seiner Familie verbrachte er hier die Sommermonate bis zu seinem Tod 1858. Auch ein Großteil der 260 italienischen Arbeiter in den Steinbrüchen war hier untergebracht.

Vom Gutshaus fiel der Blick auf den sechssäuligen Monopteros, einem für einen Landschaftsgarten typischen Bauwerk. Hier hatten die Besucher eine prachtvolle Aussicht auf das Isartal. Der Blick konnte ungehindert von der Burg Grünwald über die Isar zur damals kurz zuvor errichteten Burg Schwaneck schweifen. Heute steht von dem Musentempel nur noch der Sockel aus Nagelfluh, den sich die Natur größtenteils wieder zurück erobert hat.

Schon seit Jahren bemüht sich die das örtliche Agenda-Team darum, diese Blickbeziehungen durch Fenster im Blattwerk wiederherzustellen. Auch die Monumente sollen wieder freigelegt und zugänglich gemacht werden. Einen entsprechenden Vorschlag ließ die Agenda bereits ausarbeiten. Radikale Maßnahmen seien hierfür nicht erforderlich, sagt Justus Thyroff, stellvertretender Sprecher der Agenda 21. Entscheidend sei jedoch, dass anschließend eine kontinuierliche Pflege erfolge. Schließlich sei der Park vor gut zehn Jahren bereits aufwendig restauriert worden, wovon heute jedoch nichts mehr zu sehen sei.

Es ist ein Kuriosum: ein englischer Park mit kleinem Gotteshaus

Ginge es nach den Mitgliedern der Agenda, würden zudem Hinweisschilder über die Geschichte des Parks informieren. Das Grundstück befindet sich jedoch nicht in Gemeindebesitz. Einen Antrag auf Erwerb des Geländes hat die Agenda bereits bei der Kommune gestellt. Jedoch seien die Eigentumsverhältnisse "verzwickt", sagt Thyroff. Die einstige Parkfläche ist in mehrere Parzellen aufgeteilt und wird von der Staatsstraße durchschnitten. Für Architekt Thyroff ist der Höllriegelpark eine Rarität und ein Kuriosum, handelt es sich doch um den einzigen Landschaftsgarten im englischen Stil im Isartal. Gerade auch aufgrund ihrer Größe sei die Anlage kulturell bedeutsam.

Für einen Landschaftspark ungewöhnlich sind seine religiösen Bestandteile, wie etwa das Andachtskreuz unterhalb des Monopteros, das gemeinsam mit der Gebetsbank ein architektonisches Ensemble bildet. Ein geschwungener Ringweg, der auch an der Isar vorbei führte, verband die einzelnen Merkmale miteinander. Auch König Ludwig I. soll hier gelustwandelt haben. Ein Gebäude, von dem nur noch die in das Gestein getriebene Rückwand besteht, gibt bis heute Rätsel auf. Die sogenannte Bierhütte auf halbem Weg zwischen Brückenwirt und Steinbruch mag als Atelier des Steinmetzmeisters gedient haben oder aber auch zur Lagerung von Lebensmitteln. Manche nehmen an, dass sich Höllriegel hier mit seinem Gönner König Ludwig I. traf.

Vom Ringweg ist heute nichts mehr übrig. Will man die Überreste der Parkanlage besuchen, muss man erst einmal den Zugang zu dem kleinen Pfad oberhalb der Zufahrt zum Brückenwirt finden. Im Unterholz verbirgt sich dort der steinerne Sockel einer Mariensäule. Die Statue selbst wurde bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört. Hat man den Pfad erst einmal betreten, ist man schnell von dem geheimnisvollen Ort mit dem wildromantischen Charakter in seinen Bann gezogen.

© SZ vom 25.08.2016
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