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SZ-Adventskalender:Zu viel Frust im Lockdown

Der Suchthilfeverein Blaues Kreuz bekommt in der Corona-Pandemie viele Anrufe von Betroffenen.

Von Daniela Bode, Landkreis

Er trank gelegentlich Alkohol. Sie wusste das. Aber als ihr Mann dann wegen Corona zuhause arbeitete, konnte er nicht mehr verbergen, wie sehr die Droge ihn schon im Griff hatte. Immer wieder ging er unter einem Vorwand in den Keller und "tankte auf", wie Norbert Gerstlacher, Sprecher des Suchthilfevereins Blaues Kreuz in München, von dem Fall erzählt. Irgendwann wandte sich die Frau aus dem Landkreis München an die Hilfseinrichtung: Sie könne nicht mehr, sie habe keine Kraft mehr. Mittlerweile will sie sich sogar von ihrem Mann trennen. Das Blaue Kreuz versucht, sie psychisch zu stärken.

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Wer unter Alkoholsucht leidet, schafft die Rückkehr ins normale Leben ohne Hilfe nicht.

(Foto: Imago)

"Die Corona-Krise hat wie ein Brennglas gewirkt", sagt Gerstlacher. Da nun viele im Homeoffice arbeiteten, wurden Alkoholprobleme, die schon vorher bestanden, offengelegt. Doch das waren nicht die einzigen Schwierigkeiten. Gerstlacher erzählt auch von Rückfällen, von frustrierenden Videokonferenzen, die im Lockdown die Gruppentreffen ersetzen sollten, und von vielen Anrufen. Wesentlich mehr Betroffene und Angehörige als vor der Pandemie haben sich im Koordinationsbüro gemeldet.

59 Selbsthilfegruppen in und um München

Der Suchthilfeverein bietet in und um München derzeit 59 ehrenamtlich geleitete Selbsthilfegruppen an, davon etwa zehn im Landkreis München. In Unterhaching, Haar und Oberschleißheim können sich Betroffene und Angehörige treffen. "Einige sind rückfällig geworden, aber Gott sei Dank weniger als befürchtet", sagt Gerstlacher. Er führt das auch auf die gute Arbeit der Ehrenamtlichen zurück, vor allem in der Zeit des Lockdowns, als keine Selbsthilfegruppen stattfinden durften. Ein Hausbesuch half mitunter. "Gerade wenn es um Sucht geht, sind persönlicher Kontakt und Beständigkeit wichtig", sagt er. Zudem wurde viel telefoniert. Videokonferenzen hingegen erwiesen sich mit all der unterschiedlichen Technik als Katastrophe. "Das frustriert die Leute zusätzlich", sagt Gerstlacher. Die Kontaktverbote, die ausgefallenen Gruppentreffen - all das belastete die Menschen. Wenn sie Druck empfanden, verfielen sie in ihr altes Muster und verschafften sich Entspannung mit Alkohol. "Das vergisst man ja nicht, das ist fest abgespeichert", weiß Gerstlacher.

Sandra Wendl von der psychoszozialen Beratungsstelle in Ottobrunn.

(Foto: Claus Schunk)

Großen Druck bereiteten manchen Suchtkranken auch plötzliche finanzielle Probleme in der Corona-Krise. Kurzarbeit kann ein Grund dafür sein. Wie bei einem Familienvater aus dem Landkreis. Der Mann begann, wieder mehr Alkohol zu trinken, was seinem Arbeitgeber auffiel. Der Chef forderte ihn daher auf, sich an die Selbsthilfe zu wenden. Sandra Wendl, regionale Leiterin der psychosozialen Beratungsstelle des Blaukreuz-Zentrums München in der Außenstelle Ottobrunn, bestätigt, dass Menschen, die allein oder arbeitslos sind und nur noch zuhause sitzen, wieder mehr zum Alkohol greifen, um unangenehme Gefühle zu bewältigen. Einen solche Fall kennt auch sie: Ein Mann, der in der Gastronomie arbeitete, während des Lockdowns viel zuhause war, dann in Kurzarbeit. Seinen Führerschein hatte er bereits verloren. "Im Lockdown hat sich der Alkoholkonsum erhöht, er trank bis zu einer Flasche Wodka am Tag", erzählt Wendl. Im Sommer habe er sich schließlich an die Beratungsstelle gewandt. Jetzt sei er abstinent und mache eine Therapie.

"Die Coronakrise hat wie ein Brennglas gewirkt", sagt Norbert Gerstlacher vom Blauen Kreuz, das einen Zulauf verzeichnet.

(Foto: Claus Schunk)

Die Stelle in Ottobrunn bietet Suchtkranken und Angehörigen vor allem aus dem südöstlichen Landkreis Hilfe an. Die Beratungsstelle steht unter dem Dach des Blauen Kreuz Diakoniewerk mGmbH. Es gibt Einzelgespräche und ambulante Therapien. Insgesamt hat der Bedarf an Hilfe durch die Corona-Pandemie zugenommen. "Wir vermitteln jeden Tag in die Gruppen", sagt Gerstlacher. Früher seien es zwei oder drei Telefonate mit Angehörigen am Tag gewesen, inzwischen fünf oder sechs. Wendl bestätigt eine Zunahme seit dem Lockdown im Frühjahr. Auch mehr Eltern riefen an, die sich wegen des Medienkonsums ihrer Kinder sorgten. Eine Mutter war nach dem Lockdown von der Erziehungsberatungsstelle an sie verwiesen worden, weil ihr Sohn extrem viel am Handy gespielt hatte und für einen vierstelligen Betrag Ergänzungen zu einem Spiel gekauft hatte, erzählt Wendl.

Systemrelevant oder nicht?

Von den Hilfsstellen ist während der Pandemie viel Einsatz und Improvisationstalent gefragt. Allein wieder eine Genehmigung für die so notwendigen Selbsthilfegruppen zu bekommen, war aufwendig. Immer wieder sei bei den gesetzlichen Vorgaben nicht klar gewesen, welche Regeln gälten, so Gerstlacher. Jetzt gibt es eine Petition, Selbsthilfegruppen als systemrelevant einzustufen. Die Diskrepanz zwischen Möglichem und Nötigem ist mitunter groß. Denn auch das normalerweise Niederschwellige, dass man ohne Anmeldung kommen kann, ist derzeit aufgehoben. Während des Lockdowns im Frühjahr konnte Wendl die meisten Klienten über Telefonate halten. Die ambulante Therapie, bei der die Teilnehmer normalerweise einmal in der Woche zum Einzelgespräch und einmal zum Gruppentreffen kommen, organisierten sie anders. Es wurden Mails mit Arbeitsaufträgen verschickt, Gespräche fanden am Telefon statt.

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Es gibt viel Arbeit bei den Selbsthilfegruppen sowie den psychosoziale Beratungsstelle vom Blaukreuz-Zentrum. Gerstlacher und Wendl würden die Hilfsangebote gerne erweitern und verbessern. Finanzielle Unterstützung bräuchte Gerstlacher etwa, um die Präventionsarbeit für Jugendliche auszubauen. Auch eine bessere technische Ausstattung im Büro wäre für Wendl hilfreich, um Videoberatung anzubieten. Denn nicht jeder Arbeitsplatz ist mit einer Webcam ausgestattet.

© SZ vom 12.12.2020/belo
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