Schlechterer S-Bahn-Takt Haar und Grasbrunn schauen in die Röhre

Zurückbleiben bitte! Wer morgens in Haar seine S-Bahn verpasst, muss nach dem Bau der zweiten Stammstrecke voraussichtlich länger auf den nächsten Zug nach München warten.

(Foto: Angelika Bardehle)

Die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden protestieren dagegen, dass der Zehn-Minuten-Takt auf den Linien S 4 und S 6 nach dem Bau der zweiten Stammstrecke wegfallen soll.

Von Wieland Bögel und Bernhard Lohr, Haar/Grasbrunn

Im Münchner Osten formiert sich breiter Protest gegen Verschlechterungen bei der S-Bahnanbindung.

Haars Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) hat das bayerische Verkehrsministerium angeschrieben und beklagt, dass der jüngste Fahrplanwechsel Einschränkungen für Fahrgäste mit sich gebracht habe. Vor allem aber kritisiert sie das nach dem Ausbau der zweiten Stammstrecke vorgesehene Betriebskonzept auf dem Ostast der S 4 und S 6, das einen Abschied vom Zehn-Minutentakt vorsieht. Sie pocht auf Langzüge und ein besseres Angebot auch nachts. Damit trifft sie offenkundig einen Nerv. Auch in den anderen betroffenen Kommunen ist der Unmut groß.

Der Weckruf aus Haar kommt in einer Zeit, in der jeder über den dringend notwendigen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) spricht. Mehr S-Bahnen sollen verkehren, in dichteren Takten und dazu sollen vor allem viele neu geschaffene Buslinien auf Tangentialrouten die Bevölkerung dazu bringen, auf den ÖPNV umzusteigen. Fahrrad-Leihsysteme werden an den Bahnhöfen aufgebaut. Nun ruft Müller in Erinnerung, dass das größte Infrastrukturprojekt im Großraum München schon immer Kritik auf sich zog, weil es nicht für alle S-Bahnäste Verbesserungen versprach. Was die Kritiker der Milliardeninvestition seit Langem anführen, wird jetzt konkreter: Der mittlerweile vorliegende Betriebsplan für die S 4 und S 6 sieht tatsächlich vor, mit Eröffnung der zweiten Stammstrecke im Jahr 2026 von einem jetzt partiell im Berufsverkehr zumindest verwirklichten Zehn-Minuten-Takt auf einen durchgängigen 15-Minuten-Takt umzustellen.

Müller hält das nicht für akzeptabel. Das passe nicht in die Zeit, sagt sie. Gerade der Münchner Osten erlebe eine dynamische Siedlungsentwicklung. An die 9000 Arbeitsplätze befänden sich alleine im Umkreis des Haarer Bahnhofs. Unternehmen legten großen Wert auf eine gute Anbindung an die Stadt, sagt Müller und fordert Korrekturen an den Plänen.

Die sieht man mancherorts als glatten Affront. Vor allem auch stößt auf Unverständnis, dass auf Langzüge auf dem Ostast der S 4 und S 6 verzichtet werden soll, mit dem Argument, dass dort "vergleichsweise wenig Verkehrsaufkommen" herrsche. Der Bezirksausschuss Trudering hat vor allem wegen dieser Aussage bereits im Dezember eine Protestnote an die Stadtverwaltung geschickt, verbunden mit der Aufforderung zu erläutern, wie man dazu komme, dass dort weniger Fahrgäste unterwegs seien als im Durchschnitt im MVV-Gebiet. Haars Bürgermeisterin hält die S 4/S 6 für eine der "am stärksten frequentierten S-Bahnstrecken". Gerade Haar sei ein Knotenpunkt. Als letzte Haltestelle des Innenraums weise der Bahnhof Haar hohe Ein- und Aussteigezahlen auf. Wichtige tangentiale Buslinien endeten in Haar.

Bisher wurden Kritiker vertröstet

Vaterstettens Bürgermeister Georg Reitsberger (FW) sagt, seit die geplante Taktänderung bekannt ist, habe es bereits Anfragen von Bürgern gegeben, die Gemeinde solle sich für eine Beibehaltung des aktuellen Fahrplanes einsetzen. Die Gemeinde habe sich an den Ebersberger Landrat Robert Niedergesäß (CSU) gewandt, da dieser Sprecher der MVV-Landkreise ist. Leider, so Reitsberger, bisher ohne Erfolg. "Wir wurden immer nur vertröstet." Zornedings Bürgermeister Piet Mayr (CSU) sagt, gerade die schnell wachsenden Gemeinden wie Zorneding seien auf eine gute Bahnverbindung angewiesen. Um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, schlägt Mayr vor, dass sich alle von der Taktänderung betroffenen Gemeinden zusammenschließen. Ähnlich wie beim Lärmschutz könnten die Kommunen eine gemeinsame Petition an die Zuständigen, etwa im Verkehrsministerium, schicken. Grasbrunns Bürgermeister Klaus Korneder (SPD) begrüßt das. Gemeinsam müsse man vorgehen, sagt er.

Auch wenn die Defizite der zweiten Stammstrecke seit Langem bekannt sind, glaubt Müller daran, dass Luft für Verbesserungen drin ist. In Kürze will sie sich mit Vertretern des Bezirksausschusses Trudering darüber beraten. Insbesondere pocht Müller auf Korrekturen am derzeitigen Fahrplan. Viele Klagen hätten das Rathaus erreicht. So seien seit Dezember die Abstände in der Zugfolge größer geworden. Gerade Schüler hätten darunter zu leiden. Fahrgäste müssten länger warten, Anschlüsse an die Busse passten nicht mehr.

Ein großes Ärgernis sei der bereits um 23.30 Uhr einsetzende 40-Minuten-Takt, der viele Fahrgäste betreffe, die abends in München unterwegs seien. Der 20-Minuten-Takt sollte bis 0.30 Uhr ausgeweitet werden. Ein großes Anliegen sei ein durchgängiger Nachtbetrieb der S-Bahn zumindest im Stundentakt.