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Raumfahrt:Von Ottobrunn in den Orbit

Das von drei TU-Studenten gegründete Start-up Isar Aerospace hat hochfliegende Pläne: Die von ihnen entwickelte Trägerrakete soll Satelliten von Privatunternehmen ins All befördern. Mittlerweile interessieren sich sogar Mitarbeiter von Elon Musk für die jungen Leute.

Von Julian Seiferth, Ottobrunn

Von der Uni in die Umlaufbahn, auf den Mond oder den Mars: "Unsere Rakete fliegt dahin, wo unsere Kunden sie haben wollen", sagt Daniel Metzler. Im Februar 2018 gründete der damalige Student an der Technischen Universität München (TUM) zusammen mit zwei Kommilitonen das Start-up Isar Aerospace, keiner von ihnen ist heute älter als 30. Anfang September eröffnete Ministerpräsident Markus Söder die Produktionshalle in Ottobrunn, wo Isar Aerospace seitdem an einer 27 Meter langen Lastenrakete namens Spectrum baut. "Wir haben noch viel vor", sagt Mitbegründer und Geschäftsführer Metzler.

Auge in Auge mit Elon Musk - zumindest optisch verbietet sich die Assoziation mit dem extrovertierten, latent größenwahnsinnigen Multimilliardär aus den USA. Der Eingang zu den Büros von Isar Aerospace liegt in einem Hinterhof in Ottobrunn, die Räume selbst sind modern, aber zweckmäßig eingerichtet. Schnickschnack gibt es nicht, Daniel Metzler passt ins Bild. Der gerade 28 Jahre junge Geschäftsführer kommt im leichten weißen Hemd und Jeans zum Interview. Der Student, der vor zweieinhalb Jahren das Unternehmen gründete, das die bayerische Raumfahrt kickstarten soll, schimmert noch immer durch, wenn er spricht.

Jede Menge Schubkraft: ein Triebwerk, wie es an der TU in Garching konstruiert wird, in der Nahaufnahme.

(Foto: WARR Raketentechnik (TUM))

Wenn Metzler beginnt zu reden, dann sprintet er mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit von Thema zu Thema. Ein paar Zahlen hier, ein paar Namen da - will der Laie mitkommen, muss er den 28-Jährigen regelmäßig bremsen. "Raumfahrt ist eine Plattform wie das Internet vor 20 Jahren", sagt Metzler, die Augen strahlend, ein Mundwinkel ist zum angedeuteten Lächeln hoch gezogen. "Es gibt so viele Möglichkeiten. Wenn dir damals jemand gesagt hätte, dass wir online telefonieren und uns dabei sogar sehen können, hättest du den für eine Hexe gehalten." So vieles sei machbar in der Raumfahrt, an der Technik fehle es nicht. "Es hängt alles an der Vorstellungskraft der Ingenieure."

Ein lohnenswertes Geschäft

Dass der Bau von Raketen ein lohnenswertes Geschäftsfeld ist, sei ihm und seinen beiden Kompagnons Markus Brandl (heute 27 Jahre alt) und Josef Fleischmann (30) lange nicht klar gewesen: "Wir haben als Teil der Studentengruppe WARR (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt) Raketentriebwerke gebaut, die irgendwann Unternehmen von uns kaufen wollten." Die erste Reaktion sei Verwunderung gewesen: "Warum von uns?" Die Studenten sondierten den Markt und stellten schnell fest, dass viele Firmen zwar die Ambition hatten, ins All zu fliegen, aber nicht das Wissen. Zu dem Zeitpunkt hatten sie bereits vier Raketentriebwerke entwickelt.

Für Metzler war klar: "Wenn Europa einen günstigen Zugang zum All haben will, müssen wir die Trägerrakete entwickeln." Für diese Unternehmung fanden die drei Gründer schnell Investoren, unter anderem die von Susanne Klatten, der BMW-Hauptaktionärin und reichsten Frau Deutschlands, gegründete Start-up-Plattform UnternehmerTUM. Darüber hinaus nennt Metzler Vito Ventures (Investmentarm der Viessmann-Gruppe) sowie Airbus Ventures, Earlybird und den Unternehmer Christian Angermayer.

Die nächsten sind schon am Start

Die wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt (WARR), die an der Technischen Universität München angesiedelt ist und an der auch die drei Gründer des Ottobrunner Isar Aerospace studiert und geforscht haben, testet im Oktober beim deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine fünf Meter große Hybridrakete, die WARR EX-3. Diese wird mit flüssigem Sauerstoff und Hydroxyl-Terminiertem Polybutadin (HTPB) betrieben. Die an dem Projekt "Cryosphere" Beteiligten erwarten eine Flughöhe von 35 Kilometer, womit der aktuelle europäische Höhenrekord für Amateurraketen eingestellt würde.

Die Rakete wird dabei mit 13-facher Erdanziehungskraft auf dreifache Schallgeschwindigkeit beschleunigt. Das Triebwerk wird über eine Tonne Schub erzeugen und mit einer bis zu sieben Meter langen Flamme im Abgasstrahl abbrennen. Es handelt sich damit laut Cryosphere um eines der leistungsstärksten studentischen Raketentriebwerke in Europa.

Aufgrund des großen Schubs können die Tests nicht an der TU selbst erfolgen. "Würden wir das Triebwerk auf unserer Rampe in Garching testen, würde alleine der Schalldruck große Teile der umliegenden Glasfassaden zerstören", erklärt Projektleiter Gregor Döhner. "Daher testen wir unser Triebwerk beim DLR in Trauen in Niedersachsen." Am 12. Oktober soll das Triebwerk samt Prüfstand nach Trauen transportiert und dort aufgebaut werden. Der erste Hotfire-Test ist für 15. Oktober angesetzt, einen Tag später soll das Triebwerk das erste Mal für die volle Brenndauer von 15 Sekunden betrieben werden.

Einige Tage später wird der gesamte Prüfstand wieder abgebaut und zurück nach Garching transportiert. Die Auswertung der Testdaten werde daraufhin einige Wochen dauern, so Projektleiter Dröhner. Die Arbeitsgemeinschaft WARR ist seit ihrer Gründung im Jahr 1962 Heimat für Raumfahrtenthusiasten an der TU und umfasst Studenten verschiedenster Studiengänge.

Die innerhalb der Szene wohl bedeutsamste Unterstützung kam allerdings von Bülent Altan, einem der ersten Mitarbeiter bei SpaceX. In Elon Musks Raumfahrtunternehmen brachte es Altan bis zum Chefingenieur der Satellitensparte. In einer Finanzierungsrunde im vergangenen Dezember sammelte Isar Aerospace 15 Millionen Euro ein. Das aus einer Studentengruppe der TUM entstandene Unternehmen erwies sich als veritable Goldgrube.

Mit den finanziellen Möglichkeiten wuchs auch das Team in Ottobrunn. 25 Mitarbeiter hatte Metzler noch im Januar, inzwischen sind es hundert und es sollen noch mehr werden. Zur Produktion selbst hält er sich bedeckt. "Wir wollen hier die ganze Rakete bauen. Das Rohmaterial geht rein, integre Raketen kommen raus. Und dann", sagt er, "bringen wir für unsere Kunden Satelliten ins All."

Schneller als die Konkurrenz

Eigentlich sei Isar Aerospace ein einfacher Transportdienstleister. Spectrum, die Transportrakete der Ottobrunner, beschleunigt nur besser als die Fahrzeuge der Konkurrenz: laut Daniel Metzler auf 27 000 Stundenkilometer in zehn Minuten. "Egal, welche Raumfahrt man macht, der Transport ist prinzipiell derselbe." Für Satelliten bedeutet das: Die Trägerrakete bringt das Gerät in die Umlaufbahn, Fahrzeug und Satellit lösen sich voneinander. Letzterer bleibt aufgrund der eigenen Geschwindigkeit im Orbit und umrundet die Erde einmal alle 90 Minuten. Ein Teil der Rakete verglüht beim Fall in Richtung Erde in der Atmosphäre, die Unterstufe landet im Optimalfall und wird zur Weiterentwicklung studiert. Laut Metzler endet der Horizont von Isar Aerospace allerdings nicht in der Umlaufbahn. "Wenn Kunden Nutzlasten auf den Mond bringen wollen, dann können wir das machen."

Es ist nicht der Größenwahn eines Elon Musk, der Daniel Metzler auszeichnet, auch geht ihm die Exzentrizität des Amerikaners ab. Der 28-Jährige sieht den dennoch oft gezogenen Vergleich nur bedingt: "Elon Musks Ziel ist es, zum Mars zu fliegen. Raumfahrt sollte aber zuerst das Leben auf der Erde besser machen." Nur, wie? Metzlers Augen leuchten wieder, er zieht einen Mundwinkel nach oben und setzt an: "Mit Satelliten können wir GPS und Internet in die entlegensten Ecken der Welt bringen, mit der richtigen Satellitenkonstellation ist Afrika morgen komplett online. Woher wissen wir vom Klimawandel? Mehr als die Hälfte der Daten für Klimaanalysen kommt von Satelliten. Diese Technologieplattform müssen wir nutzbar machen. Der Markt ist global - in 45 Minuten ist ein Satellit, der jetzt über uns fliegt, über Australien." Alle 20 Minuten könnte eine entsprechend positionierte Satellitenkonstellation jeden Flecken Erde fotografieren. "Die Wall Street hat großes Interesse an diesen Satellitendaten", monologisiert Metzler weiter. Beispiel gefällig? "Walmart kauft Daten über Parkplatzbelegungen. Die wissen genau, wie viele Kunden wann bei ihnen waren. Mit diesem Wissen lässt sich der Umsatz schon vor Ende des Quartals vorhersagen."

Ottobrunn, Isar Aerospace, Daniel Metzler, einer der Gründer,

Deutscher Elon Musk? Raketentüftler Daniel Metzler.

(Foto: Angelika Bardehle)

Der Geschäftsführer wirkt ehrlich begeistert, wenn er darüber spricht, was aus Isar Aerospace im Speziellen und der Raumfahrt im Generellen werden kann. Zeigen kann er beim Interviewtermin nichts davon, die Produktionshalle ist seit der Eröffnung für die Augen der Öffentlichkeit verschlossen, Geschäftsgeheimnis. Zum Ende des Gesprächs, Metzler ist eigentlich schon halb aus dem Raum, dreht er sich nochmals um, grinst und sagt: "Wir haben noch viel vor, Pläne, die über das hinausgehen, was wir heute machen." Was er damit meint, lässt er offen.

© SZ vom 02.10.2020/belo

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