Landtagswahl: Linke-Kandidat Robert Hamm Umweltschützer und Grundeinkommen-Aktivist

Tierfotografie ist Robert Hamms Hobby.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Der Fachinformatiker und Student Robert Hamm arbeitet im Landesvorstand der Jugendorganisation des Bundes Naturschutz mit. Dem 29 Jahre alten Kandidaten der Linken im nördlichen Landkreis München sind aber auch soziale Themen ein Anliegen.

Von Gudrun Passarge

Streicheln trifft es nicht ganz, was Robert Hamm da macht, es ist eher ein nett gemeintes Klopfen, das prompt mit einer Staubwolke belohnt wird. Das Wildschwein muss sich vorher gesuhlt haben. Hamm lässt sich dadurch nicht irritieren. Er mag die Tiere, hat er zuvor erzählt, besonders vor seiner Linse, denn Hamm ist begeisterter Tierfotograf und Schweine "schauen so nett aus, schon mit dieser lustigen Schnauze". Ortstermin im Poinger Wildpark mit einem politischen Neuling. Hamm, 29 und Informatikstudent in Garching, tritt im Stimmkreis München-Land Nord für die Linke an. Diese Partei müsste seiner Meinung nach eigentlich alle ansprechen, sagt er, denn: "Wir machen Politik für die Menschen und nicht für die Großkonzerne."

Den Poinger Wildpark hat der 29-Jährige als Treffpunkt ausgewählt, weil er hier jüngst ein nettes Erlebnis hatte. Die Wildschweine hatten Nachwuchs und die winzigen Frischlinge kamen durch den Zaun durch, um neugierig um die Besucher herumzuschwanzeln und etwas zu essen zu erbetteln. Das war natürlich ein tolles Motiv für den Hobbyfotografen.

Hamms politische Karriere ist erst kurz. Sehr reflektiert erklärt er seinen Werdegang und skizziert seine Ziele. Ob es in seiner Partei Kurse gibt für Neueinsteiger, um zu lernen, wie man sich auf dem politischen Parkett bewegt? Der Student, der schon eine Ausbildung als Fachinformatiker hat, denkt kurz nach. Die gibt es wohl, aber er hat das Angebot bisher nicht wahrgenommen. "Ich versuche nur, ehrlich zu sein und auch so rüberzukommen." Und außerdem sei er ja nicht der Spitzenkandidat. "Ich möchte nur mit den Leuten darüber reden, warum ich es wichtig finde, eine linkere Politik zu fahren."

Hamm wirkt authentisch. Er hat feste Überzeugungen und vertritt sie eloquent. Sein politisches Engagement im weiteren Sinn begann im Bund Naturschutz. Freunde nahmen ihn mit zu einer Demonstration in Paris 2015 anlässlich der Klimakonferenz dort. Für Hamm aber war es ein Einstieg. "Das war genau das, was ich gesucht habe." Er wurde BN-Mitglied und sitzt seit eineinhalb Jahr im Landesvorstand der Jugendorganisation des Bundes Naturschutz. Dort ist er für die digitalen Themen und Personalfragen zuständig. Besonders ist Hamm von der Gremienarbeit fasziniert. 200 Leute in einem Raum, die über unterschiedliche Themen diskutieren und abstimmen - "das hat mich total begeistert". Von da bis zum Eintritt bei der Linken war es nur noch ein kurzer Weg.

Aber warum die Linke? Er finde, sie vertrete die Dinge, die ihm wichtig sind. Pazifismus etwa und alternatives Wirtschaften. Der Student setzt sich für das bedingungslose Grundeinkommen ein. "Ich finde, das ist ein gutes Mittel, um viele Dinge zu bekämpfen, die gerade falsch laufen." Bekämen alle jeden Monat 1050 Euro, würde niemand gezwungen, aus wirtschaftlicher Not schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Der Arbeitgeber müsste dann die Jobs attraktiver gestalten, damit sie angenommen würden und die Mitarbeiter bekämen mehr Macht in den Betrieben, "weil sie nicht mehr zu 100 Prozent abhängig wären von der Arbeit". Aber bis es so weit ist, das sei ein längerer Prozess mit mehreren Einzelschritten, erklärt Hamm, "die Leute müssen da auch mitmachen". Auch seine eigenen, denn in seiner Partei wird darüber kontrovers diskutiert.

"Das muss von unten kommen"

Hamm hält überhaupt nichts davon, den Menschen etwas überzustülpen. Auch nicht beim Umweltschutzschutz, der ihm besonders wichtig ist. "Ich glaube nicht, dass sich per Gesetz etwas ändert." Vielmehr ist er der Ansicht: "Das muss von unten kommen." Nur zusammen könnten die Menschen etwas erreichen, ein erster Schritt sei, den vorhandenen Reichtum so zu verteilen, dass die Schere nicht weiter auseinandergeht. Und beim Umweltschutz setzt er auf erneuerbare Energien, eine Wende in der Agrarpolitik weg von der Subventionierung der Großbetriebe hin zur Unterstützung bäuerlicher Landwirtschaft, ein Verbot von Pestiziden. Und Lebensmittel sollten besser gekennzeichnet werden.

Wenn er gewählt würde, so Hamm, dann würde er sich in den Bereichen Umwelt, wozu er auch Verkehr zählt, und Digitales engagieren. Die neue Datensammelwut vieler Firmen sieht er als gefährlich an. "Die Bürger sollten die Hoheit über ihre Daten behalten."

Wenn er gewählt würde. Hamm benutzt den Konjunktiv absichtlich. "Ich bin mir meiner geringen Chancen durchaus bewusst." Platz 49 auf der Liste, da müsste er schon stark nach vorne gehäufelt werden. Trotzdem macht er nicht den Eindruck, dass sein Engagement für die Dinge, für die er eintritt, dadurch leidet. Er ist bei der Linken eingetreten, "um Flagge zu zeigen", wie er sagt. Mit Unverständnis reagiert er auf Bekannte oder Freunde, die sagen, die Linke könne man doch nicht wählen. Vielleicht hänge das mit dem Fall der Mauer zusammen, sagt Hamm, der die ersten acht Jahre seines Lebens in Sachsen-Anhalt verbracht hat. Den Leuten sei beigebracht worden, dass der Osten verloren habe und die Linke dafür stehe. "Aber die Linke ist nicht gleichzusetzen mit der DDR, das stimmt einfach nicht."

Die Frischlinge sind heute nicht an den Zaun gekommen, sie zogen es vor, mit ihren Müttern im Hintergrund zu bleiben. Das Septemberfoto ist Hamm wohl diesmal nicht gelungen. Aber er hat ja noch Zeit zu suchen. In einem Wettbewerb mit Freunden geht es darum, wer am Ende des Jahres das schönste Fotobuch präsentieren kann. Vielleicht nimmt er einen Falken, den er bei jüngst Greifvogelschau fotografiert hat. "Es ist halt schön, wenn man so ein seltenes Tier mit voller Flügelspannbreite in der Luft erwischt", sagt Hamm. Vor allem staubt es nicht so.

Die SZ stellt in loser Folge die Direktkandidaten der sieben größten Parteien im Landkreis vor.

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