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Kommunalwahl:Grüne Weihnachten

Für die Grünen stehen die Zeichen auf Vorfahrt.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Für die Umweltpartei geht ein erfolgreiches Jahr zu Ende: Ihr fliegen die Herzen der Wähler zu und die Zahl ihrer Mitglieder hat sich seit der Kommunalwahl 2014 verdoppelt. Da kann sie es verschmerzen, wenn einige Stadt- und Gemeinderäte ihr den Rücken kehren.

Christa Helming und Gertraud Schubert hatten im großen Sitzungssaal des Unterhachinger Rathauses ihre festen Plätze lange hinten links. Jetzt sind sie ein ganzes Stück in die Mitte gerückt. Sie haben die Grünen verlassen und gehören inzwischen zu den Freien Wählern. Ein Paukenschlag. Immerhin ist Helming Dritte Bürgermeisterin, und beide Gemeinderätinnen waren jahrzehntelang bei den Grünen. Sie sind nicht die Einzigen, die in jüngster Zeit im Landkreis der Partei den Rücken gekehrt haben und nicht im Guten gingen. In Ottobrunn trat der ehemalige grüne Bürgermeisterkandidat Sebastian Lumpe aus der Partei aus und schloss sich der Bürgervereinigung an. In Garching rückte Patricia Kempel erst in den Stadtrat nach und verließ die Grünen schon einen Tag später. Was ist da los, bei einer Partei, die seit den jüngsten Wahlergebnissen insbesondere auch im Landkreis München auf einer beispiellosen Erfolgswelle reitet, die sich stark wie nie fühlt und jede Umfrage feiert?

Grünen-Kreisvorsitzender Volker Leib bleibt ob der Parteiaustritte gelassen. "Das sind prominente Fälle, aber insgesamt sehr wenige", sagt er. Der Mitgliederzuwachs hingegen sei ungebrochen und höher als je zuvor. Ein paar Zahlen: Vor genau einem Jahr haben die Grünen im Landkreis ihr 500. Mitglied begrüßt. In diesem Dezember sind es bereits 660. Grüne Weihnachten! In diesem Zeitraum hat es 14 Austritte gegeben, überwiegend aus privaten Gründen. Nur vier seien politisch motiviert gewesen, sagt Leib. Vor der vergangenen Kommunalwahl vor sechs Jahren gab es 371 Grüne im Landkreis. "Wir haben uns seither also fast verdoppelt", so Leib.

Dass sich besonders vor Kommunalwahlen immer mal wieder einzelne Mitglieder verabschieden, hält man in der Partei für normal. "Das ist bedauerlich, hat aber nicht mit unserem grundlegenden politischen Kurs zu tun", sagt Markus Büchler, Landtagsabgeordneter aus Oberschleißheim. Hier spielten eher persönliche Enttäuschungen eine Rolle. Ähnlich sieht das Susanna Tausendfreund, einzige grüne Bürgermeisterin im Landkreis. Die Pullacherin ist der Ansicht, dass man das nicht "überbewerten" darf. Auch Landratskandidat Christoph Nadler findet, es komme schon einmal vor, dass die Chemie nicht mehr stimme. Kreisvorsitzender Leib begründet solche Entscheidungen so: "Es ist wie im privaten Bereich, wenn man sich auseinandergelebt hat und sich die Frage stellt: Passen wir auch in sechs Jahren noch zusammen?"

Listenaufstellungen sind mit Enttäuschungen verbunden

Derartige Gedanken mussten sich die Grünen vor einigen Jahren noch nicht machen. Da freute man sich noch über jeden, der dabei war und sich bereit erklärte, für ein Gremium zu kandidieren. "Wir waren über jeden froh, der auf die Liste gegangen ist", sagt Nadler. Das Problem, genügend Kandidaten zu finden, haben sie nun nicht mehr. Die Listen sind voll, Mehrfachnennungen nicht mehr notwendig. Die Grünen können mittlerweile aus dem Vollen schöpfen, denn mit dem Zuwachs hat auch die Zahl derer, die sich aktiv beteiligen wollen, enorm zugenommen. Die Kehrseite der Medaille: Die Zeiten der Listenaufstellungen ist damit auch bei den Grünen zur Phase der Enttäuschungen und verletzten Eitelkeiten geworden.

Nicht jeder bekommt von den Parteifreunden den Platz, auf dem er sich selbst gerne sähe. Manche fühlen sich ausgemustert, weil Neue nach vorne drängen. "Die meisten Listenaufstellungen verliefen allerdings ohne Blutvergießen", sagt Nadler. Einige Kampfkandidaturen habe es schon gegeben, erinnert sich Leib; meist seien die Leute aber dann zwei Plätze dahinter zum Zug gekommen. Nur in manchen Fällen kam man nicht mehr zusammen. "Das ist schade bei Personen, die so lange die Grünen vertreten haben, wenn die Zusammenarbeit auf diese Art und Weise beendet wird", sagt Bürgermeisterin Tausendfreund.

Die Grünen (v.r.) Christoph Nadler, Sabine Pilsinger, Anna Schmidhuber und Volker Leib.

(Foto: Catherina Hess)

Jede Woche neue Mitglieder

Vielmehr aber überwiegt in diesen Wochen der Weichenstellung für die Kommunalwahl die Begeisterung über den stetigen Zuwachs. "Wir begrüßen jede Woche neue Mitglieder mit faszinierenden Biografien und großer fachlicher Expertise", sagt die Unterhachinger Ortsvorsitzende und Landtagsabgeordnete Claudia Köhler. Bei der Wahl 2014, als sie selbst als Bürgermeisterkandidatin angetreten war, hatten die Grünen hier 26 Mitglieder. Jetzt sind es in dem größten Ortsverband des Landkreises 54, die 30 Plätze auf der Gemeinderatsliste waren schnell vergeben. Es sind Fachkräfte aus den Bereichen Ökologie, Soziales, Wirtschaft und Rechtsprechung dabei, Baubiologen und Projektmanager. Auch Leib, der viele Versammlungen geleitet hat, findet: "Bei den Leuten, die sich vorstellen, kann man sagen: Wow!" Er sei auch erstaunt, wie viele Ingenieure, Betriebswirtschaftler und IT-Spezialisten sich inzwischen bei den Grünen engagierten, und stellt fest: "Auch wenn ich diese Bezeichnung nicht mag: Wir sind dabei, eine Volkspartei zu werden."

Tausendfreund hat diesen Aufbruch schon vor sechs Jahren ausgemacht. Vor allem mit der Klimadiskussion, dem Artenschutz und der Demokratiebewegung gegen Rechtsextreme hätten die Grünen dazugewonnen. Zunächst seien viele eingetreten, um ein Statement zu setzen, sagt Leib. Insbesondere vor der Kommunalwahl aber vor allem Leute, die "anpacken und echt was machen wollen", stellt Büchler fest. "Unsere Themen sind in der Gesellschaft angekommen", sagt Claudia Köhler. Ein Teil der Neuzugänge stammt aus der "Fridays for Future"-Bewegung. Aber nicht nur. Ein Viertel sei unter 30 Jahre alt, hat Leib gezählt, die Hälfte der Neuen seien 40- bis 60-Jährige und eine Handvoll sogar über 70. Auch Büchler hat kürzlich bei einer Veranstaltung für Neumitglieder einige Senioren begrüßt, manche haben früher gegen Wackersdorf demonstriert. "Sie haben jetzt Zeit und wollen etwas für die Zukunft ihrer Enkel tun."

Hoher Frauenanteil

Die beiden Landtagsabgeordneten Claudia Köhler und Markus Büchler.

(Foto: Claus Schunk)

Auch beim Frauenanteil haben die Grünen im Landkreis weiter zugelegt. Mit 44 Prozent liegen sie noch höher als der Bundesdurchschnitt (40,5 Prozent). Köhler freut sich vor allem, dass mehr junge Mütter bereit seien, ein Amt zu übernehmen. Man habe sich um diese Frauen bemüht, etwa einen Abend für Interessierte an einer Kandidatur organisiert, an dem ihnen genau erläutert wurde, was auf sie als Gemeinderatsmitglied zukommen würde und wie das zu bewerkstelligen sei, berichtet Köhler. Die Veranstaltung sei überaus gut besucht gewesen. Natürlich will man den engagierten Neuen eine gute Chance geben. "Es geht hier aber nicht um einen Richtungsstreit zwischen modern und altmodisch", betont Nadler. "Input von außen, frischer Wind war noch nie verkehrt." Und Büchler hat festgestellt: "Einige, die das schon lange machen, sind auch froh, dass sich jetzt mal andere finden."

© SZ vom 14.12.2019/hilb

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