Kommentar:Mehr Zusammenhalt wagen

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Impf- und Teststrategie sind ein Desaster, doch Wut und Aggressionen gegen Ärzte, Sanitäter und Helfer treffen die Falschen.

Von Lars Brunckhorst

Mittlerweile kennt jeder diese Geschichten, entweder aus eigener Erfahrung oder aus Schilderungen von Freunden, Bekannten, Kollegen oder Verwandten: Geschichten von eiskalten Händen und Füßen, von knurrenden Mägen und drückender Blase beim stundenlangen Schlangestehen vor einer Corona-Impfstation. Die Zuschriften von Lesern, welche die SZ jeden Tag erreichen, spiegeln nur einen Bruchteil des Dramas wider, das sich seit ein paar Wochen abspielt. Sie beschreiben ein Chaos, das man sich von einem als hochorganisiert geltenden Land bis vor kurzem nicht hätte vorstellen können. Brasilien und Indien - na klar, vielleicht auch noch die USA, aber doch nicht Deutschland.

Was sich seit vierter Welle und Booster-Empfehlung vor den wenigen verbliebenen Impfstellen und jenen, die jetzt eilig aus dem Boden gestampft werden, täglich zuträgt, wiederholt sich nun auch noch vor den Schnellteststationen. 3 G und 2 G plus, aber auch zigtausend Neuinfektionen jeden Tag allein im Großraum München führen zur nächsten Überlastung. Weil im Oktober kostenlose Corona-Tests gestrichen wurden, haben viele Anbieter dicht gemacht. Und so stehen wir in einem ungemütlichen Spätherbst bibbernd und mit roten Nasen und Ohren hier wie dort an und hoffen, dass uns jemand einen heißen Tee reicht - und wir uns bitte nicht bei der Vorderfrau oder dem Hintermann zu allem Überfluss auch noch anstecken.

Wohlstandsbürgern, denen schon die Geduld in der Schlange an der Supermarktkasse fehlt oder denen der Tag verdorben ist, wenn die S-Bahn Verspätung hat, wird in diesen Tagen schon einiges abverlangt. Kein Wunder also, dass mancher die Nerven verliert, der Ton an Impf- und Teststationen rauer wird. Die Wut, die sich dort Bahn bricht, trifft aber die Falschen. Sanitäter, Ärzte und andere Helfer können nichts dafür, dass die Corona-Infrastruktur sogar dann noch abgebaut wurde, als sich die vierte Welle aufbäumte, und danach zu spät und nur halbherzig gegengesteuert wurde. Statt übereinander zu schimpfen, sollten wir uns unserer Stärken aus der ersten Corona-Welle erinnern: Solidarität und Zusammenhalt.

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