Waldumbau:Mit Tablet und Meterstab bei den Setzlingen

Waldumbau: Die Ministerin hilft mit: Michaela Kaniber und Forstamtmann Karl Einwanger (rechts) beim Messen von Setzlingen im Wald von Benno Maier (Mitte).

Die Ministerin hilft mit: Michaela Kaniber und Forstamtmann Karl Einwanger (rechts) beim Messen von Setzlingen im Wald von Benno Maier (Mitte).

(Foto: Claus Schunk)

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber startet in Hohenbrunn die Erhebung für das neue Vegetationsgutachten. Damit überprüfen die Behörden junge Bäume auf Verbissspuren. Denn zu viel Wild gefährdet den Waldumbau - und der ist wegen des Klimawandels dringend nötig.

Von Stefan Galler, Hohenbrunn

Es ist noch nicht lange her, da hat Benno Maier einen prächtigen Rehbock in seinem Wald in Hohenbrunn erspäht, besorgt um seine Mischwald-Aufzucht legte er sich auf die Lauer, doch das aufmerksame Tier bemerkte den Jäger und sprang mit viel Getöse davon. Damit warnte es das übrige Wild im Revier. Doch Forst- und Landwirt Maier ärgerte sich nur kurzzeitig, er stellte bald fest, dass es sich bei seinem Kontrahenten offensichtlich um ein dominantes Leittier handelt, das den Verbiss an Bäumen in seinem Gebiet durch andere Waldbewohner wegen seiner bloßen Präsenz eher gering hält. "Und diese Zusammenhänge muss man verstehen, um einzuschätzen, ob zu viel Wild im Forst unterwegs ist oder nicht", sagt Maier.

Um diese Einschätzung durch Zahlen zu stützen, erstellen die Forstbehörden in Bayern alle drei Jahre Vegetationsgutachten für jede der rund 750 Hegegemeinschaften. Darin wird möglichst genau erfasst, wie groß der Schaden tatsächlich ist, den Rehe, Hirsche und Gämsen bei jungen Bäumen anrichten. Anhand der Zahlen wird dann eine Empfehlung gegeben, wie viel Wild abgeschossen werden sollte, um den Aufwuchs der Pflanzen zu retten.

"Forstliches Gutachten zur Situation der Waldverjüngung" heißt die Erhebung, die jetzt wieder beginnt. Zum Auftakt ist am Donnerstag die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) in Benno Maiers Wald an der B 471 in Hohenbrunn gekommen. Ebenso wie Funktionäre aus der Forst- und Landwirtschaft sowie der Jagdverbände und einige Landtagsabgeordnete, darunter der frühere Kirchheimer Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU). Kaniber verteidigte die Maßnahmen gegen die Kritik von Tierschützern: "Wir brauchen dieses Gutachten, um an den Wald angepasste Wildbestände zu ermitteln. Der Klimawandel schreitet schneller voran als erwartet, wir wollen die grüne Lunge Bayerns, den Wald, für unsere Kinder und Kindeskinder erhalten", sagte die Ministerin und verwies darauf, wie wichtig es sei, dass Forstbehörden, Waldbesitzer und Jäger "transparent im Miteinander" seien, um Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Kaniber betonte, wie wichtig man in der bayerischen Staatsregierung das Pflegen der Wälder nehme: Pro Jahr würden 11,5 Millionen Bäume gepflanzt, für den Umbau der Forste seien bisher bereits 90 Millionen Euro ausgegeben worden. "Wir haben schon 103 000 Hektar Wald in klimaresiliente Mischwälder umgearbeitet. Wenn wir sagen, dass 50 Prozent unserer Reviere grün ausgewiesen sind, dann ist das ein Pfund", so die Ministerin weiter.

Doch wie funktioniert dieses Vegetationsgutachten nun genau? Forstamtmann Karl Einwanger, der Leiter des Forstreviers Brunnthal, demonstriert das Vorgehen exemplarisch an einem der bayernweit 22 000 Aufnahmepunkte in diesem Wald in Hohenbrunn. Untersucht werden entlang einer Geraden an fünf Stichprobenstellen jeweils 15 Einzelbäumchen, die mindestens 20 Zentimeter hoch sein müssen. Eine mit Meterstab bewaffnete Kollegin gibt Einwanger die Untersuchungsergebnisse durch, die jener in seinem Tablet-PC festhält: "Tanne, ein Meter zwölf, kein Verbiss, kein Fegeschaden."

Waldumbau: Auf dem Weg zum klimafesten Mischwald: Junge Bäume im Forst an der B 471 bei Hohenbrunn. Im Rahmen des bayernweiten Vegetationsgutachtens wird überprüft, inwiefern die Aufzucht durch das Wild beschädigt wird. Diese Analyse gibt Aufschluss darüber, ob mehr Tiere geschossen werden müssen.

Auf dem Weg zum klimafesten Mischwald: Junge Bäume im Forst an der B 471 bei Hohenbrunn. Im Rahmen des bayernweiten Vegetationsgutachtens wird überprüft, inwiefern die Aufzucht durch das Wild beschädigt wird. Diese Analyse gibt Aufschluss darüber, ob mehr Tiere geschossen werden müssen.

(Foto: Claus Schunk)

Letzteres bezeichnet den Abrieb von Geweihhaut, dem sogenannten Bast. Da Rehböcke bei dieser Prozedur nicht gerade zimperlich vorgehen, sterben die ramponierten Bäume in der Folge nicht selten ab. Gleiches gilt, wenn sich Säugetiere, bei kleinen Bäumen etwa auch Mäuse, Hasen oder Kaninchen, mit ihren Zähnen an den jungen Gewächsen zu schaffen machen. Försterin Julia Borasch gibt weitere Daten durch: "Fichte, 20 Zentimeter, kein Verbiss." Und bei einem undefinierbaren Stangerl, das aus der Erde wächst: "Sonstiges Laubholz, 80 Zentimeter, kein Verbiss, kein Fegeschaden."

"In unserem Revier in Brunnthal haben wir in den letzten fünf Jahren insgesamt 1000 Hektar Wald verabschieden müssen", sagt Förster Einwanger

Karl Einwanger notiert alles und erklärt, dass schnellwüchsige Bäume wie Ebereschen, Eichen oder Weiden eine höhere Wahrscheinlichkeit hätten, sich zu etablieren als solche, die zwar mit wenig Licht auskommen, aber eben auch langsam groß werden. Benno Maier will am Ende der Verjüngung seines Waldes 18 verschiedene Baumarten hier stehen haben. Ein langwieriger Prozess, der auch Rückschläge beinhalten kann, wie Einwanger sagt. "In unserem Revier in Brunnthal haben wir in den letzten fünf Jahren insgesamt 1000 Hektar Wald verabschieden müssen, das sind 100 000 bis 150 000 Kubikmeter Holz."

Auch deshalb ist es laut Ministerin Kaniber so wichtig, den Zustand der Bäume möglichst immer unter Kontrolle zu haben. Vegetationsgutachten seien sowohl von wissenschaftlicher als auch von juristischer Seite als Grundlage für die Berechnung der für den Aufwuchs nicht schädlichen Wildbestände anerkannt. "Die jetzt startende Erhebung ist aktiver Klimaschutz", bilanziert Kaniber.

In einer ersten Fassung war von Förster Karl Einwanger und einer Mitarbeiterin die Rede, tatsächlich handelt es sich bei der Kollegin um Försterin Julia Borasch.

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