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Stromerzeugung im Hofoldinger Forst:Der Wind dreht sich

Windenergie

Auch an der A8 bei Hofolding könnten demnächst Windräder über den Baumwipfeln ragen, so wie hier bei Beratzhausen.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Die Diskussion um Rotoren an der A8 bei Brunnthal kommt dank der Kliimaschutz-Initiative von Ministerpräsident Söder wieder in Schwung. Dank neuer Technik könnte sich der Bau doch lohnen.

Für Sauerlachs Bürgermeisterin Barbara Bogner ist die Sache ganz einfach. "Wenn wir Wind haben, werde ich mich der Sache nicht verschließen", sagt die Rathauschefin von der Unabhängigen Bürgervereinigung. "Es geht ja auch nicht mehr um uns, um meine Generation. Es geht um diejenigen, die nachkommen und noch eine Zukunft vor sich haben." Und zu dieser Zukunft gehöre dann eben auch die Windenergie und dass sich auch die Landschaft verändere, sagt Bogner - und sich möglicherweise in ein paar Jahren über den Baumwipfeln des Hofoldinger Forstes Rotoren drehen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der momentan daran bastelt, einen "Jahrhundertvertrag" für die "Jahrhundertaufgabe" Klimaschutz zu schnüren, hat am Dienstag angekündigt, in den bayerischen Staatsforsten in den kommenden zwei, drei Jahren etwa 100 Windkraftanlagen errichten zu wollen.

Zu den Staatsforsten gehört neben dem Forstenrieder Park, dem Grünwalder und Perlacher Forst auch der Hofoldinger Forst. Letzterer grenzt an die Gemeinden Sauerlach, Aying und Brunnthal sowie im Süden an den Landkreis Miesbach, etwa 88 Prozent seiner Fläche liegt im Landkreis München.

Und seit Jahren gibt es Diskussionen, ob der Hofoldinger Forst als Standort für Windräder infrage kommt. Zuletzt ist ein Gutachten des Münchner Energieinstituts Green City Energy aus dem Jahr 2015 zu dem Ergebnis gekommen, dass die Windmenge über dem Hofoldinger Forst wahrscheinlich nicht ausreicht, um Windkraftanlagen rentabel und nachhaltig betreiben zu können.

Kritik an der 10-H-Regel

"Seitdem aber hat sich vor allem die Rotortechnik stark weiterentwickelt, es werden auch höhere Windräder gebaut", sagt der Oberschleißheimer Grünen-Abgeordnete Markus Büchler. "Mittlerweile kann man auch bei Schwachwinden eine entsprechende Ausbeute erzielen." Die Ankündigung, in den bayerischen Staatsforsten Windenergie fördern zu wollen, sei "ein ganz kleiner Schritt nach vorne", sagt Büchler, der auch Kreisrat der Grünen ist - und geht zugleich mit der sogenannten 10-H-Regelung der bayerischen Staatsregierung aus dem Jahr 2014 hart ins Gericht. "Das ist nicht mehr als ein Energieverhinderungsgesetz. Am besten wäre es, der Ministerpräsident würde es sofort kippen", sagt Büchler.

Landrat Christoph Göbel (CSU), der seit Jahren gemeinsam mit den Gemeinden Aying, Sauerlach, Brunnthal sowie dem Landkreis Miesbach in der sogenannten Arbeitsgemeinschaft Windenergie (Arge) über den Aufbau von Windrädern im Hofoldinger Forst diskutiert, nennt den Schritt der Staatsregierung "schon richtig". Wichtig sei allerdings, "dass die Kommunen das Heft des Handelns in der Hand behalten".

Wenn der Freistaat seine Flächen zur Verfügung stellt, sagt Göbel, müssten Standortsicherungsverträge garantieren, dass die Planungshoheit auf der kommunalen Ebene verbleibe. "Dann haben wir auch genügend Zeit, mit dem Freistaat zu verhandeln, um entsprechende Pachtverträge zu schließen oder auch Investoren mit ins Boot zu holen", sagt der Landrat. Und natürlich müssten vor allem auch die Bürger mitgenommen und einbezogen werden.

10-H-Regelung

Seit dem 17. November 2014 gilt in Bayern eine einfache Faustregel: Windkraftanlagen müssen einen Mindestabstand vom zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden in Gebieten mit Bebauungsplänen haben. Die sogenannte 10-H-Regelung ist eine Bestimmung der Bayerischen Landesbauordnung und wird beim Neubau von Windrädern ausschließlich im Freistaat angewandt. Wirksam wird die Regelung grundsätzlich bei allen Windenergieanlagen. Die Höhe eines Windrades bemisst sich nach der Nabenhöhe, also der Höhe der Achse, um die sich die Rotoren drehen, zuzüglich der Höhe des Rotors. Auch in gemeindefreien Gebieten, wie etwa dem Hofoldinger oder Grünwalder Forst, gilt die 10-H-Regelung. Ausnahmen von der Regelung können von den Kommunen im Zuge einer Bauleitplanung bestimmt werden. müh

Für ein "total offenes Verfahren" spricht sich auch Brunnthals Bürgermeister Stefan Kern (CSU) aus. "Ich glaube auch, dass wir am Thema Windkraft nicht vorbeikommen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der Hofoldinger Forst eine sehr hohe Wertigkeit hat." Es dürfe also keine schwerwiegenden Eingriffe geben, betont Kern, und es brauche eine ehrliche Windkraftmessung. "Ich möchte nichts geschönt haben und der Ausbau müsste wirklich maßvoll gestaltet werden", sagt Kern. Vier Windräder etwa an der Autobahn seien vorstellbar. "Eine sehr überschaubare Zahl halte ich für vertretbar."

Wer aber könnte überhaupt Windräder im Hofoldinger Forst errichten? "Ich glaube nicht, dass der Freistaat selbst Windkraftanlagen bauen wird, und auch wir als Landkreis werden das nicht tun, uns aber in jedem Fall beteiligen", erläutert Göbel. "Aber es braucht das notwendige Kapital, und das geht zum Beispiel über Genossenschaften und auch Beteiligungen einzelner Bürger." Auch Göbel verweist darauf, dass die Technik heute deutlich weiter sei als noch vor wenigen Jahren - und die Potenziale über dem Hofoldinger Forst seien möglicherweise vorhanden. "Und Konsens in der Gesellschaft ist: Wir brauchen erneuerbare Energien."

Auch Markus Büchler glaubt an das Modell der Genossenschaften und Bürgerbeteiligungen. "Ich glaube, dass die Bereitschaft der öffentlichen Hand, Genossenschaften und Bürger wieder größer ist, in solche Projekte reinzugehen. Auch wegen der momentanen Nullverzinsung", sagt der Grüne. "Auch wenn am Anfang die große Rendite nicht zu erwarten ist."

Neben dem Aspekt der Gewinnung umweltfreundlicher Energie sei aber auch die wirtschaftliche Entwicklung durch Windenergieanlagen zu berücksichtigen, sagt Büchler. "Denn irgendwann rentieren sie sich, stärken auch strukturschwächere Regionen und das Geld fließt in den Geldbeutel der Bürger zurück."

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