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Ferienjobs:Die erste Sprosse auf der Karriereleiter

Die großen Ferien sind nicht nur Urlaubszeit, viele Schüler packen auch an, um ihr Taschengeld aufzubessern. Das kann sich auszahlen: Vier Firmenchefs aus dem Landkreis erzählen vom ersten Job ihres Lebens.

Die Ferien gehen zu Ende, die einen kommen mit bronze-schimmerndem Teint und frischem Lächeln aus Lloret de Mar zurück, die anderen sehen zum Schulbeginn erschöpfter als am Schuljahresende aus. Der Grund: Sie haben gejobbt und nur im Traum Palmen, Sand und Meer gesehen. Wunde Finger vom Blumenbinden, aufgeschürfte Knie vom Bodenverlegen, vollgesabberte Blusen vom Babysitten - all das könnte sich nicht nur für den Moment bar ausgezahlt haben. Oft sind Aushilfsjobs Meilensteine auf dem Weg in die Zukunft - sei es, weil endlich klar ist, was man werden will, was man auf keinen Fall werden will oder einfach nur feststellt: Schule ist nicht die härteste Sache der Welt. Fest steht: Viele fangen klein an, auch die, von denen man es nicht unbedingt erwartet hätte.

Einer Studie zufolge jobbten neun von zehn Vorstandsvorsitzenden in den Ferien

Eine aktuelle Studie der "WHU - Otto Beisheim School of Management" hat die Karrieren von mehr als 600 Vorständen in Dax- und großen Familienunternehmen angesichts ihrer Herkunft, Ausbildung und ihrem Aufstiegsweg untersucht. Sie sagt: Neun von zehn Vorsitzenden haben in den Ferien gejobbt. Die Welt der Wirtschaftselite sei längst nicht so hermetisch, großbürgerlich abgeriegelt, wie man gemeinhin denkt. Danach stammen 14 Prozent aus der Arbeiterklasse, 29 Prozent aus der Mittelschicht und nur 57 Prozent aus dem Bürger- und Großbürgertum. Das Fazit: Worauf es ankommt, seien Fleiß, der Wille sein eigenes Ding zu machen, und die Energie, es durchzusetzen. Der erste Ferienjob ist der Auftakt für das Spiel um Geld, Erfolg und Respekt.

Vier Eier die Woche verdient

Markus Leibundgut, 47, CEO Swiss-Life Deutschland in Garching: "Ich fand die Mähmaschine einfach spannend. Mit fünf lief ich bloß neben ihr her, mit sechs fragte ich den Bauer Michel, ob ich mitfahren darf. Seitdem war ich bis zur Matura, bis ich 18 war, in jeden Ferien auf dem Michelhof in Gasel, einem Dorf in der Schweiz, etwa sieben Wochen im Jahr. Der Tag lief immer gleich ab: 5 Uhr aufstehen, raus in den Stall, Kühe melken, Eier sammeln. Frühstück um 7 mit Milchkaffee, Brot und Butter. Das Brot holte die Bäuerin aus dem Holzofen, enorme Leiber.

Dann ging's raus aufs Feld, um 11.45 Uhr machten wir Mittagspause und ein Schläfchen am Kachelofen. Am Nachmittag fuhren wir auf dem Trecker in den Wald, hackten Holz, sägten die Bäume um. Punkt 16 Uhr rief Bäuerin Michel zum "Vieri", zum Kräutertee und einer Scheibe Brot. Danach sind wir wieder in Stall gestapft, melken, brachten die Milch in die Käserei, wuschen das Milchgeschirr sauber. Zum Abendessen saßen 15 Menschen, vier Generationen an einem Tisch.

Markus Leibundgut, 47, CEO Swisslife Deutschland in Garching.

(Foto: oh)

Mein Lohn waren vier Eier pro Woche, später waren es dann 40 Franken. Das fand ich völlig okay, ich durfte ja beim Bauern frei essen, schlafen und ordentlich gefuttert hab' ich auch. Um mir etwas Bestimmtes leisten zu können, stand ich nicht in der Früh auf. Die Arbeit an sich motivierte mich, ich hatte Spaß. Dieses einfache, ehrliche Leben mit der Familie und dem 80-jährigen Melker, der sein ganzes Leben in dem Dorf verbracht hat, auf einem Hof, wo alles geteilt wird, es gutes Essen gibt, nahrhaft, nix Ausgefallenes, dafür reichlich - das hat mich fasziniert.

"Bin ich gestresst, denke ich zurück an die Gelassenheit auf dem Michelhof"

Mir hat es Respekt eingeflößt zu sehen, mit wie viel Hingabe Menschen so einen Hof durchbringen, ohne zu jammern, egal ob bei Hitze, Wind oder Sturm. Mit Bauernhof-Romantik hat das wenig zu tun, vielmehr mit Verantwortung und Pflichtgefühl gegenüber Natur, Menschen und Tieren. Besonders gefreut hat mich, als ich raus hatte, wie man richtig mit der Sense mäht. Das Gras muss sauber gestutzt aussehen, ohne dass du dich dabei kräftemäßig total zerlegst. Die runde, fließende Bewegung ist der Schlüssel.

Glück empfand ich, als wir es geschafft hatten, das gedroschene Getreide trocken in die Tenne zu bringen und dem Hagel vom Fenster aus zuzuschauen. Es hätte ewig so weitergehen können. Zum Studieren ging ich fort, aber der Kontakt zum Bauernhof Michel riss nie ab. Erst wurde ich zu Familienfesten eingeladen, später zu Beerdigungen. Was es heißt, hart zu arbeiten, sich durchzubeißen, nicht aufzugeben, sich über kleine Pflänzchen zu freuen, habe ich auf dem Bauernhof gelernt. Bin ich gestresst, denke ich zurück an die Gelassenheit auf dem Michelhof."

Die Rente im Portemonnaie

Wolfgang Brezina, 54, Personalvorstand Allianz, Unterföhring: "Um 5.30 Uhr aufzustehen, war das Schrecklichste. Ab 6 Uhr sortierte ich die Briefe auf dem Postamt. Erst grob, nach Bezirken, dann fein, in der Reihenfolge, wie ich sie auf meinem Weg einzuwerfen hatte. Ich war zu Fuß unterwegs, zehn Kilometer lief ich täglich durch mein Verteilungsgebiet, ein Rentner- und Arbeiterviertel im österreichischen Steyr, wo ich aufgewachsen bin. Damals war der Postbote nicht nur Briefträger, er war auch Rentenauszahler. 20 Senioren warteten am Fünfzehnten meines Ferienjobmonats auf mein Kommen.

Wolfgang Brezina, 54, Personalvorstand Allianz, Unterföhring.

(Foto: Christian Kaufmann)

Das Geld hatte ich in bar mit, den jeweiligen Betrag hatte ich vorab korrekt in das breit gefächerte Portemonnaie gestückelt gezählt, wie eine Bedienung im Bistro. Das war gar nicht wenig knifflig, alles musste auf den Schilling genau passen, die Damen und Herren bekamen ihre Summe schließlich bar auf die Hand. Zirka 40 000 Schilling, rund 3000 Euro, schleppte ich in meiner schwarzen Ledertasche mit. Ich war in zivil unterwegs, ausgewiesen hat mich der gelbe Anstecker mit der Aufschrift "Postdienst". Die meisten Senioren warteten bereits am Zaun auf mich. Für viele war ich der erste soziale Kontakt am Tag, für einige blieb ich der letzte. Besonders die alten Damen waren bemüht, mich auf ein Schnäpschen in die Stube zu locken. Ich sagte dann, ich hätte schon gefrühstückt, so blieb es bei einem kurzen Plausch und einem kleinen Trinkgeld.

Gegen 15.30 Uhr war ich fertig mit meiner Tour, da war ich acht Stunden auf den Beinen, das fünfmal die Woche. Ende August 1978 hatte ich umgerechnet rund 500 Mark verdient. Mein Ziel waren 1000 Mark, das kostete der Führerschein, den wollte ich haben. Dafür musste ich in den nächsten Ferien noch mal ran. Zu verdanken hatte ich den Ferienjob Onkel Helmut. Er wusste, dass bei der Post Aushilfen gesucht wurden, also schob er mich in die Personalabteilung zum Vorstellen.

Am härtesten war, dass ich immer der Letzte war, der um 7.30 Uhr auf Tour ging, die Kollegen sortierten viel schneller als ich. Ich lernte: Als guter Schüler vom Gymnasium kannst du in der echten Welt erst mal gar nichts, gute Schuldbildung allein reicht nicht. In meinem jugendlichen Übermut dachte ich, das ist doch ganz einfach, das machst du mit links. Weit gefehlt! Das haben mir die Kollegen auch zu verstehen gegeben. Motto: Komm erst mal runter vom Ross. Ein heilsamer Tritt gegen das Schienbein. Dieser Monat mit 16 hat mich auf den Boden gebracht, gleichwohl meinen Ehrgeiz geweckt, ich bekam Lust auf den Wettkampf und aufs Gewinnen."

Ein gutes Gespür fürs Verkaufen

Robert Brech, 60, Geschäftsführer Kaut-Bullinger, Taufkirchen: "Diesen Musikkasten aus Radio und Plattenspieler von Grundig musste ich einfach haben, keine Frage. Alle meine Freunde hatten ihn, 1972 der absolute Hit, für 650 Mark. Mein Vater sagte: ,Wenn du das willst, verdien's dir. Wir haben für so etwas kein Geld.' Das war die erste Vater-Sohn-Krise, die wir hatten.

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Robert Brech, 60, Geschäftsführer Kaut-Bullinger, Taufkirchen.

(Foto: Uwe Noelke)

Ich bin los zu Hertie, 6,50 Mark bot man mir die Stunde als Aushilfe im Verkauf. Ich dachte: Prima, nach 100 Stunden bist du durch. Ich war 16, den Unterschied zwischen Brutto und Netto kannte ich damals noch nicht. Von Montag bis Samstag verkaufte ich Teppiche, Auslegware für Bodenbeläge. Ich war ein exzellenter Verkäufer, die Verkaufsprämie spornte mich an und das Warenhaus begeisterte mich. Die ganze Stadt kaufte bei uns ein, von der Putzfrau bis zum Manager, 55 Warengruppen unter einem Dach - das war großartig und ich mitten drin.

Ich suchte dem Kunden den passenden Teppich raus, berechnete die exakte Quadratmeterzahl und organisierte die Verlegung vor Ort, unter anderem mit mir selbst, das spülte extra Geld in die Kasse. Am Ende überzeugte ich den Kunden, dass genau dieses Teil das richtige ist, das, was er unbedingt braucht. Ich spürte, der Handel ist meine Welt. Nach sechs Wochen waren die Ferien rum, ich holte mir die Musikbox und machte weiter, ich war völlig angefixt. Jeden Tag nach der Schule schlug ich um 14 Uhr auf und arbeitete bis 18 Uhr, das war damals die Ladenschlusszeit am Abend. Keine Ahnung wann ich die Hausaufgaben machte. Irgendwann wechselte ich von der Teppich- in die Lebensmittelabteilung, füllte Regale auf, presste die Kartons platt und etikettierte Hunderte Erbsendosen per Preisauszeichnungsgerät. Eine widerliche Arbeit, diese Knickbewegung mit der Hand. Man musste ordentlich Kraft reinstecken, da knacksten nach Dienstende schon mal die Knochen.

Einmal schwebte der Ober-Chef an mir vorbei, Herr Harrenburg. Alle hatten Angst vor ihm, er wirkte kühl und unnahbar, mir war das egal, ich sprach ihn an und stellte fest: Er war ein freundlicher und feinsinniger Mensch. Klar, mir imponierten auch sein dauerverantwortliches und geschäftiges Gehabe und spätestens als ich seinen Chauffeur, Referenten und Gärtner sah, war klar: Ich will auch Vorstand werden. Später habe ich Groß- und Außenhandelskaufmann gelernt, studiert habe ich nicht, meine Arbeit war so interessant, ich sah es nicht als nötig an. Ebenso wenig habe ich gespart. Sobald ich Geld hatte, gab ich es aus: Erst fürs Moped, ein 50er Chrysler, dann für den stahlblauen Käfer, mein erstes Auto, 900 Mark. Es fühlte sich klasse an, ein eigenes Auto zu besitzen, den Vater nicht um Erlaubnis anbetteln zu müssen. Und sicher, den Mädchen hat's auch gefallen. Mit der liebsten, der Martina, hab' ich die erste Spritztour im Käfer nach Rüdesheim gemacht. Mit den letzten 20 Mark füllte ich den Tank. Schnittchen hatte sie zum Glück dabei."

Nicht nur der Sohn des Chefs sein

Michael Durach, 48, Geschäftsführer Develey, Unterhaching: "Schon als kleines Kind war ich mit meinem Vater in der Großmarkthalle, habe zugeschaut, wie Gurken beurteilt und gekauft wurden, wie jeder Waggon einzeln verhandelt wurde. Mit 16 fing ich in den großen Ferien an mitzuarbeiten. Das hieß, um 4 Uhr aufstehen und zum Bauern auf den Gurkenflieger klettern - ein Traktor mit Flügel links und Flügel rechts -, auf den Bauch legen, Gurken pflücken. Am Tag darauf stand ich am Verleseband, trennte die guten von den schlechten, dann folgte die Produktion. Das hieß am Fließband stehen und im Akkord leere Gurken-Gläser aufs Band stellten. Auf Handschuhe verzichtete ich großschnauzig, solchen Schnickschnack brauchst du nicht, war ich überzeugt. Als ich abends im Bett lag, die Haut offen, ohne dick Creme auf den Händen hätte ich nicht geschlafen.

Michael Durach, 48, Geschäftsführer Develey, Unterhaching.

(Foto: lks)

Am nächsten Morgen zog ich dankbar die Schutzhandschuhe über, lieber schmerzfrei statt Held sein. Gurken werden zwar automatisch von der Maschine ins Glas gefüllt, trotzdem muss jedes Glas einzeln nachgewogen werden. Es muss aufs Gramm genau stimmen, sehr oft muss nachgestopft werden, das macht Spaß, das fordert Geschicklichkeit, sonst spritzt man sich nass. In Jobwoche zwei kümmerte ich mich ums Sauerkraut, bohrte den Strunk aus jedem Kopf heraus. Das war nicht ungefährlich, das Messer, vielmehr der Handbohrer, war superscharf. Danach ging's ans Ausliefern. Am tollsten war es, mit Opa auf dem Pferdefuhrwerk zur Wiesn zu rollen. Für meinen Gurken-Sauerkraut-Dienst bekam ich sechs Mark die Stunde. Nach vier Wochen fuhr ich mit Freunden nach Tarragona in Spanien, mein erster Urlaub ohne Eltern. Ich war stolz, sagte mir: Das hast du dir allein verdient, mit täglich acht Stunden Arbeit, die dich sofort tot ins Bett fallen ließen.

Am meisten beeindruckt hat mich, dass der ganze Prozess nur deshalb funktioniert, weil jeder seine Aufgabe macht, auf keinen verzichtet werden kann, weil der eine vom anderen abhängt. Das Team spielt also eine überragende Rolle und ich wollte dringend Teil davon sein, bloß nicht als Extrawurst, als Sohn des Chefs rüberkommen, der es leichter als die anderen hat. Das war meine größte Sorge. Auf die Schule habe ich mich nicht gefreut, das war reines Pflicht ableisten. Notwendiges Übel, das ich so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte. Zumindest aber hatte ich die Freiheit, woanders hinzugehen, mir diese Abwechslung zu leisten. Für die Kollegen ging es weiter, jeden Tag die gleiche monotone Arbeit. Um das machen zu können, kommt es auf die richtige Einstellung an. Das machte mich heute noch demütig."