Einmal rund um München Eine Frage der Hausnummern

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. In Folge 6 geht es nach Neubiberg. Die Gemeinde ist mit München so eng verwoben, dass die Grenze schon mal mitten durch eine Straße läuft.

Von Daniela Bode

Die Vögel zwitschern an diesem Morgen, rundherum nichts als Bäume, die Waldwege ein bisschen matschig vom jüngsten Regen. Hier in etwa ist der Punkt, an dem die Gemeinde Neubiberg auf die Stadt München und die Gemeinde Putzbrunn trifft. Man kann nur mutmaßen, denn Ortsschilder gibt es keine. Die Stelle findet man im Salmdorfer Holz, wenn man vom Ende der Nibelungenstraße 50 Meter in Richtung Nord-Nordost läuft. So grün bleibt der Grenzbereich zwischen Neubiberg und München allerdings nicht. Schon bald zeigt sich, wie eng verwoben Stadt- und Gemeindegebiet sind.

Den Schopenhauerwald schätzen Neubiberger wie Münchner

Hat man von dem Punkt wieder aus dem Grün hinausgefunden, steht man mitten in einem Wohngebiet mit Doppel- und Reihenhäusern. Moderne Gebäude, ältere. Die Stadtgrenze verläuft hier entlang der Gartenzäune. Über Nibelungen-, Karl-Huber- und Stollstraße gelangt man auf die Münchner Dornröschenstraße. In den Querstraßen, wo von einer zur nächsten Hausnummer der Ort wechselt, verraten nur das Ortsschild und für Kenner der Gehwegbelag, auf welcher Seite man sich befindet. Weiter geht es über den Nixenweg, vorbei am Wirtshaus "Leiberheim".

Den Schopenhauerwald in Neubiberg schätzen Neubiberger wie Münchner als kleines Naherholungsgebiet. Auch an diesem Morgen führen hier manche ihre Hunde aus oder joggen eine Runde. Etwas weiter an der Rotkäppchenstraße gibt es wieder keinen grünen Puffer zwischen Stadt und Landkreis. "Man parkt in München, steigt aber in Neubiberg aus", bringt es Christian Einzmann, Leiter des Neubiberger Bauamts, auf den Punkt. Denn etwa auf Höhe der Grundschule Neubiberg liegt der Gehweg auf Neubiberger Grund, die Parkstreifen aber gehören schon zu München.

Wer sich weiter nah an der Grenze Richtung Unterbiberg bewegen will, muss auf Münchner Stadtgebiet in der Rotkäppchenstraße bleiben, vorbei an Maisfeldern gehen und über die S-Bahngleise, bis man auf die vielbefahrende Carl-Wery-Straße trifft. Hier heißt es erst einmal Warten, bis sich all die Autos vorbeigeschoben haben, ehe man die Straße überqueren kann. Während Neubiberg an der Grenze vor allem dicht bebautes Wohngebiet ist, findet sich in Unterbiberg eine Mischung aus vielem - Felder, Häuser, Bundeswehruniversität, Firmen. In der Zwergerstraße geht es vorbei am Sportzentrum mit seinen Tennis- und Fußballplätzen. "Der frei betretbare Raum in der Gemeinde ist hier nur etwa 20 Meter breit", sagt Einzmann. Denn südlich grenzt Bundesgebiet an - das Gelände der Bundeswehruniversität ist von einem Zaun umgeben. Auf der anderen Seite der Straße beginnt hinter der Baumreihe schon die Stadt München mit Feldern und Wohnbebauung.

Freie Felder sieht man hier einige entlang der Grenze zur Stadt München zwischen Carl-Wery- und Unterhachinger Straße. An dieser Stelle hätte einmal eine Entlastungsstraße, die sogenannte Südanbindung Perlach, gebaut werden sollen, ein Kooperationsprojekt zwischen Stadt und Gemeinde. Doch sie wurde nicht verwirklicht. Den Platz dafür gäbe es noch immer. Laut Bauamtsleiter Einzmann wurden die Häuser der Vivamus-Siedlung, die in den Neunzigerjahren hier entstanden ist, auch auf den Bau der Straße ausgerichtet. Man sieht beispielsweise, dass die Reihenhäuser am Sonnenweg auf der Nordseite geschlossen gebaut sind, der Lärm von der Straße würde so vermutlich abgeschirmt.

Gleise verbanden einst den Fliegerhorst mit dem Bahnhof Perlach

Auch wenn die Südanbindung nicht gebaut wurde und entlang der Zwerger- und Lilienthalstraße einige Querwege Richtung München einfach an der Grenze enden, gibt es in dem Areal auch Zeichen dafür, wie verwoben Stadt und Gemeinde sind. Auf Höhe der Universitätsstraße hat die Stadt München einen Querweg als Radweg ausgebaut und mit Leuchten versehen. Münchner und Neubiberger nutzen ihn gern. Ein Paar aus der Lilienthalstraße in Unterbiberg ist dort gerade mit Einkaufstüte unterwegs: "Wir gehen immer rüber zum Lidl, das ist angenehm", sagt die Frau. Das ist verständlich, ist doch der Discounter an der Nailastraße recht gut zu erreichen.

Im Gebüsch auf der Westseite des Wegs entdeckt man ein weiteres Zeichen für die Vernetzung von Stadt und Gemeinde. Hier liegen noch Gleise auf Münchner Flur - der Neubiberger Teil wurde im Zuge der Vivamus-Bebauung entfernt. Die Gleise stammen laut der Neubiberger Gemeindearchivarin Barbara Reinicke "höchstwahrscheinlich aus den Dreißigerjahren". Sie verbanden den damaligen Fliegerhorst auf dem Bundeswehrgelände mit dem Perlacher Bahnhof.

Grenznah betrachtet

Die Straße, die nie gebaut wurde

Die große Lösung für den Verkehr in Unterbiberg ist weiter nicht in Sicht. Mehrere kleinere Maßnahmen sollen eine Entlastung bringen.   Von Daniela Bode

Etwa sieben Kilometer lang ist die Grenze zwischen München und Neubiberg. Wer mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs ist, kommt schnell auf etwa 14 Kilometer, wenn er möglichst nah an der Grenze bleiben will, weil er Umwege nehmen muss. Auf dem Weg am Hachinger Bach hinter der Vivamus-Siedlung hört man sein Hindernis schon - die Autobahn A 8. Unterhachinger Straße und Autobahnzubringer lassen einen mangels eines Fuß- oder Radwegs nicht auf die andere Seite. Man muss also über den alten Ortskern von Unterbiberg ausweichen. Idyllisch ist es hier auf der Kanzlerstraße am leise plätschernden Hachinger Bach, mit Blick auf die weiß-gelbe Barockkirche Sankt Georg.

Rechts abgebogen auf die Zwergerstraße, unter der Unterhachinger Straße und der Autobahn hindurch, finden sich links Gewerbe - der Campus von Infineon - und rechts Felder, wo Neubiberg in Zukunft voraussichtlich weiteres Gewerbe ansiedeln möchte. Über die Zukunft des Areals an der Stadtgrenze südlich der Nabburger Straße, auf dem sich einmal Löwenbräu ansiedeln wollte, verhandeln Gemeinde und Stadt. Neubiberg will hier Gewerbe ansiedeln, die Stadt Wohnungen bauen lassen, auch über eine Verkehrslösung soll gesprochen werden.

Postleitzahl: München, Ortsname: Neubiberg

Über einen etwas holprigen, schmalen Kiesweg geht es herum ums Kappellenfeld, endlich ist die Grenze zu Unterhaching im Westen erreicht. Es lohnt, sich auf der Münchner Grenzstraße wieder ein Stück in den Osten zu begeben. Hier stößt man auf Kurioses: Die Häuser an der Balanstraße 395, 395a und 397 stehen zwar auf Neubiberger Flur, sind aber nur von München aus zu erreichen, da im Süden und Osten das Feld angrenzt. Was das für die Bewohner bedeutet, kann eine Frau von Nummer 395 erzählen, die an diesem Morgen vor dem Haus anzutreffen ist. Ihre Anschrift enthält beispielsweise die Münchner Postleitzahl 81549, aber den Ort Neubiberg. Sie stört diese Zwitterstellung nicht. Ihr gefällt es, dass sie Behördengänge im Neubiberger Rathaus erledigen kann. "Die Mitarbeiter dort sind sehr freundlich", sagt sie. Zumal die Wartezeiten geringer als in der Stadt sind. Zum Einkaufen geht sie verständlicherweise in München. Zudem habe ihr Sohn eine Schule in Fasangarten besucht, erzählt sie: "Wir mussten aber einen Gastantrag stellen." Fühlt man sich dort also eher als Münchner oder, obwohl man so abgeschnitten ist von der Infrastruktur in der Gemeinde, als Neubiberger? Lange überlegen muss sie nicht: "Ich fühle mich eher als Neubibergerin", sagt die Frau aus der Balanstraße.

Die Sonne scheint, der Blick reicht weit über das Feld, hinüber zur Autobahn. Ganz klein sieht man in der Ferne die Häuser von Unterbiberg.

Alle weiteren Folgen der Serie "Hart an der Grenze" finden Sie hier.