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Corona-Krise:Bauen mit Hindernissen

Wenn die Arbeit gut vorankommt, dann ist das zur Erleichterung einen Schluck wert, wie hier beim Richtfest eines Kommunalbaus in Haar.

(Foto: Claus Schunk)

Die Corona-Krise erschwert es Planern, große Projekte wie den Schulcampus in Unterföhring reibungslos umzusetzen. Mal fehlen Arbeiter, weil sie nicht über die Grenze dürfen, mal Material, weil es aus Italien kommt.

Von Bernhard Lohr, Landkreis

Eine Baustelle ist wie ein Motor, in dem sich große Räder drehen und kleine Rädchen. Und wenn nur eines stillsteht, wenn nur ein kleines Problem auftritt - dann steht der gesamte Motor still. Frank Haake bemüht diesen Vergleich, um zu beschreiben, was für eine Herausforderung es ist, in Zeiten einer Pandemie mit zahlreichen Beschränkungen, Grenzschließungen und Ängsten in der Bevölkerung eine Baustelle mit vielen, vielen Beteiligten am Laufen zu halten. Haake hat als Vertreter des Münchner Büros M3 die Bauaufsicht auf dem Unterföhringer Schulcampus. Er ist erleichtert, dass ihm bislang große Ausfälle erspart geblieben sind. Anderswo gibt es sie allerdings.

In Haar etwa verzögert sich laut Rathaus die für Herbst geplante Fertigstellung des Grundschul-Neubaus, weil Fachkräfte aus Polen nicht da sind, die die Klinkerfassade anbringen sollen. Benötigter Stahl aus Tschechien kommt nicht wie eingeplant über die Grenze. Auch Frank Haake hat zu Beginn der Corona-Krise Mitte März erlebt, wie auf der größten Baustelle im Landkreis München, auf der 350 Beschäftigte aus unterschiedlichen Firmen tätig sind, plötzlich 30, 40 Arbeiter fehlten. Er schätzt, dass bis zu 80 Prozent der Handwerker auf Baustellen im Raum München aus Osteuropa kommen. Manche seien in Sorge um ihre Familien nach Hause gefahren, sagt Haake. Andere hätten selbst um ihre Gesundheit gefürchtet und seien abgereist. Wer Deutschland verlassen hatte, kam nicht mehr so leicht zurück oder musste in Quarantäne. Und wer noch nicht angereist war, wie die Haarer Klinker-Spezialisten aus Polen, der kam erst gar nicht ins Land.

Manche sorgen sich wegen des Corona-Hotspots Bayern

Auch auf der Campus-Baustelle in Unterföhring stockte das eine oder andere Rädchen, wo an einem Gymnasium, einer Grundschule, einem Hort, einer großen Mensa und einer Vierfachturnhalle gewerkelt wird. Haake sagt, auch manch ein Arbeiter aus Ostdeutschland zögere, im Raum München auf eine Baustelle zu gehen. Von Gegenden aus, wo es kaum Corona-Fälle gebe, blicke man mit Sorge auf den Hotspot Bayern. Die Lage ist und bleibt unsicher, auch wenn sich auf der Campus-Baustelle die Personalsituation stabilisiert hat und Haake mit einer pünktlichen Fertigstellung im Herbst rechnet.

So wie Haake bangt Markus Köcher, Geschäftsführer der Hachingerbau GmbH in Unterhaching. In der Branche kursieren viele Geschichten über Nöte wie in Haar. Köcher sagt zwar, "wir sind von diesen Problemen weitgehend verschont geblieben". Aber da sei auch Glück dabei. So seien Arbeiter eines Subunternehmens aus Bulgarien gerade in Deutschland gewesen, als die Grenzen dicht gemacht worden seien. Und weil sie nicht weg hätten können, sagt Köcher, "wollten sie auch arbeiten". Die kroatischen Beschäftigten aus der eigenen Firma hätten beschlossen, hier zu bleiben.

Lieferprobleme beim Naturstein aus Italien

Wenn ein Rädchen auf einer Baustelle stillsteht, dann hat es oft auch damit zu tun, dass Fachkräfte aus Italien nicht kommen können - oder Naturstein aus Italien nicht geliefert wird. Er wisse von Fliesenlegern, die Schwierigkeiten hätten, sagt Köcher. Haake berichtet von einer anderen Baustelle, wo es wegen Lieferproblemen aus Italien schleppend vorangehe. Auch Ulrich Bittner, Geschäftsführer der Baugesellschaft München-Land, die im Auftrag der Mitglieds-Kommunen in vielen Kommunen günstigen Wohnraum schafft, kennt diese Erfahrungen. Er sagt, aktuell habe man keine Probleme wegen des Materials oder Personals. "Die Baumaßnahmen sind bereits in der Ausbauphase." Dieser Tage würden Wohnungen in Planegg, Brunnthal und Ismaning übergeben. "Da waren anscheinend keine italienischen Fliesen dabei", sagt Bittner halb im Scherz. Ernst ist freilich, dass er momentan wegen eines mit dem Coronavirus infizierten Poliers mit Verzögerung von bis zu zwei Monaten bei einem neuen Bauprojekt rechnet. Zwar stünden die ausländischen Arbeiter bereit, aber ohne den mehrsprachigen Vorarbeiter könne nicht begonnen werden.

Der Siegertsbrunner Architekt Hans Loidl, der den gemeindlichen Wohnungsbau an der Münchner Straße in Höhenkirchen geplant und beaufsichtigt hat, schätzt sich glücklich, dass das Kommunalunternehmen dank beschränkter Ausschreibung vor allem Firmen aus dem Umkreis herangezogen hat. Auch habe man "überwiegend deutsche Arbeiter auf dem Bau". Das zahle sich aus. Loidl rechnet mit einer um einen Monat vorzeitigen Baufertigstellung im August.

Corona-Gefahr verändert Arbeitsabläufe

Das größte Projekt der Kreisbaubehörde ist der Bau des Sonderpädagogischen Förderzentrums, der Rupert-Egenberger-Schule, in Unterschleißheim. Wegen der Corona-Gefahr seien die Arbeitsabläufe komplizierter geworden, sagt Behördensprecherin Christina Walzner. "Es dürfen nicht zu viele Arbeiter gleichzeitig auf der Baustelle sein." Die Ausnahmesituation zeige sich in vielen kleinen Dingen. Besprechungen auf der Baustelle würden durch Telefonkonferenzen abgelöst. Einfacher sei das nicht.

Solch veränderte Arbeitsbedingungen beeinträchtigen besonders die, die am Beginn einer Baumaßnahme stehen. Architekt Manfred Felix hat den Campus in Unterföhring geplant. Das größte Handicap für ihn ist, dass er seine Leute derzeit nicht komplett um sich hat. Immerhin 17 Kollegen arbeiteten aktuell im Home-Office, sagt er. "Architekten sind schon darauf angewiesen, dass sie im Team zusammenarbeiten." Die Arbeit werde durch die Corona-Krise sehr erschwert. Feste Abläufe, Routinen gebe es wenig. "Es ist ja alles ein Unikat." Der Austausch sei da essenziell.

© SZ vom 11.05.2020/sab

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