Kostprobe Wozu ein Hauptgericht, wenn es doch Vorspeisen gibt

Die Vorspeisen sind die eigentliche Hauptsache der libanesischen Küche. Mmmh!

(Foto: Stephan Rumpf)

Das libanesische Restaurant Baalbek in der Maxvorstadt ist ein wahrer Tempel des Teilens. Und lässt ahnen, warum der Libanon einst als Schweiz des Orients galt.

Von Moritz Mayer-Rahn

Politisch wird darüber gerade wieder heftig gestritten, doch in der Gastronomie ist multikulturelles Miteinander längst allgemein akzeptiert, was zu einer Fülle ausländischer Spezialitätenlokale geführt hat. München ist da keine Ausnahme, wenngleich die einzelnen Länder oder Weltregionen höchst unterschiedlich vertreten sind. Während man praktisch an jeder Ecke einen Italiener, Griechen oder Asiaten findet, ist die Küche des Orients weit weniger präsent.

Und weil Orient ein dehnbarer Begriff ist, der einen weiten geografischen Raum umfasst, geht ein wenig unter, dass eine Küche äußerst sparsam vertreten ist: die feine libanesische Küche, die ahnen lässt, warum der kleine Libanon einst als die Schweiz des Orients bezeichnet wurde und seine Hauptstadt Beirut vielen als das Paris des Nahen Ostens galt. In München lässt sich die Zahl libanesischer Restaurants an den Fingern abzählen.

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Seit knapp einem Jahr ist eines dazugekommen: das Baalbek an der Karlstraße, benannt nach der Stadt in der Bekaa-Ebene, aus der der Geschäftsführer stammt. Ein Foto des antiken Jupitertempels schmückt die Stirnwand des Lokals, ansonsten ist vom historischen Ambiente der Stadt, die seit dem achten Jahrtausend vor Christus besiedelt ist, in dem Lokal nichts zu spüren.

Das liegt möglicherweise auch an der Adresse. Das Baalbek befindet sich in den sogenannten Lenbachgärten und der protzige Gebäudekomplex, eine der teuersten Wohnlagen Münchens, verströmt eher den Charme einer Zweitwohnungsenklave für reiche Russen. Das Baalbek jedenfalls ist in jenem Edel-Einheitslook gestylt, den man aus vielen ganz unterschiedlichen Lokalen kennt. Das hat auch Vorteile, denn so bleibt man vom anderen Extrem verschont: in einer orientalischen Kitschkulisse zu sitzen.

Aber ganz egal, was sich Designer ausdenken: Das Wichtigste an einem Restaurant wird immer die Küche sein. Und die entfaltet im Baalbek den ganzen Geschmacksreichtum, die ganze Abwechslung und die ganze Raffinesse, die die libanesische Küche zu bieten hat.

Ausnahmsweise soll hier zunächst von den Hauptgerichten die Rede sein: Lahmeh Mischwie, der Lammfleischspieß mit libanesischen Gewürzen (19,50 Euro), ist ein komplexes Geschmackserlebnis, pikant, aber nicht scharf, ohne dass man sagen könnte, welches Gewürz hier nun dominieren würde. Das Fleisch ist überdies herrlich zart. Das in Knoblauch-Zitronensaft gegrillte Stubenküken (Farouj Mischwie, 22,50) geht in eine andere Geschmacksrichtung: würzig, ohne vom Knoblauch erschlagen zu werden. Völlig anders wiederum das Dajai Mehsche (16,00), ein im Ofen gebratenes Hähnchen, gefüllt mit Hackfleisch und Reis, von Nüssen umgeben: mild, ohne fad zu schmecken und so üppig, dass man besser auf den Kellner gehört hätte, der bei der Bestellung bedenklich den Kopf geschüttelt und darauf hingewiesen hatte, das sei aber ein Gericht mit Reis, was im Libanon offenbar bedeutet: macht ordentlich satt. Am Nachbartisch teilten sich jedenfalls zwei Personen eine Portion.

Das Baalbek hat zwar den Edel-Einheitslook, aber immerhin keinen Orient-Kitsch.

(Foto: Stephan Rumpf)

Und wir hatten zu diesem Zeitpunkt ja schon mit den Vorspeisen zu tun gehabt. Sie sind die eigentliche Hauptsache der libanesischen Küche. Kleine Gerichte, im arabischen Sprachraum Mezze genannt, die eine unglaubliche Vielfalt bieten. Die Speisekarte des Baalbek bietet insgesamt 24 unterschiedliche kalte und warme Vorspeisen an, dazu kommen noch sechs verschiedene Salate. Den Sinn dieser riesigen Auswahl erklärt der sehr freundliche und aufmerksame Service, als er die Diskussion am Tisch mitbekommt, wer denn nun jetzt welche Vorspeise bestellen möchte. "Bei uns teilt man alles, das ist doch viel schöner."

In der Kombination verschiedener Kleinigkeiten liegt nicht nur der besondere Reiz dieser Küche, weil alles anders schmeckt, es macht das Essen auch zu einem echten Gemeinschaftserlebnis. Wer sich in der Fülle des Angebots verliert, dem empfiehlt der Kellner gerne eine Kombination, die die kulinarische Bandbreite des Landes abdeckt. Zum Beispiel Hommos Bil Lahmeh mit gebratenem Rinderhackfleisch und Pinienkernen auf Kichererbsen, püriert mit Sesampaste, Zitrone und Olivenöl (8,90) zusammen mit Fattousch (6,90), einem Salat, der aus so vielen Komponenten besteht, dass ihre Aufzählung zu lang geraten würde.

Er wird mit geröstetem Fladenbrot serviert. Dazu dann noch Baba Ghanouge (6,90), gegrillte Aubergine, püriert mit Sesampaste, Joghurt, Zitrone und Olivenöl, und Kibbeh Krass (7,90), frittierte Weinschrotteig mit Rinderhack, Zwiebeln und Pinienkernen. Weil die Preise der Vorspeisen zwischen 6,90 und 9,90 Euro liegen, ist klar, was die beste Idee für ein Essen im Baalbek ist: Jeder bestellt sich zwei oder drei Vorspeisen - und dann wird alles geteilt. Danach braucht niemand mehr ein Hauptgericht.

Und noch ein Glanzlicht hat das Baalbek zu bieten: eine Weinkarte mit fast 40 libanesischen Weinen, die hierzulande kaum jemand kennen dürfte. Wo man sie in München beziehen könnte? "Über uns", sagt der Kellner mit einem feinen Lächeln. Schon die Phönizier, deren Wurzeln im heutigen Syrien und dem Libanon lagen, waren gewiefte Kaufleute.

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