Doppelbegabung:Auf ein Bier mit Brahms

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Doppelbegabung: Als Wissenschaftler am Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie in Weihenstephan kennt und schätzt Stefan Hör gutes Bier, als Tenor will er die Menschen für das Kunstlied begeistern. Er glaubt, dass beides gut zusammengeht.

Als Wissenschaftler am Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie in Weihenstephan kennt und schätzt Stefan Hör gutes Bier, als Tenor will er die Menschen für das Kunstlied begeistern. Er glaubt, dass beides gut zusammengeht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Tenor Stefan Hör verbindet Brau- mit Liedkunst. Wenn der Braumeister nicht gerade an der TU Weihenstephan mit Gerstensorten forscht, feilt er an außergewöhnlichen Konzertformaten.

Von Jutta Czeguhn, München

Melancholie muss keine Zumutung sein, irgendwo tief drin steckt da auch Genuss. Stefan Hör sieht das so und legt seinen Zuhörern Hanns Eislers zart-depressives Lied "Über den Selbstmord" ans Herz: "In diesem Lande und in dieser Zeit dürfte es trübe Abende nicht geben, auch hohe Brücken über die Flüsse. Selbst die Stunden zwischen Nacht und Morgen und die ganze Winterzeit dazu; das ist gefährlich! Denn angesichts dieses Elends werfen die Menschen in einem Augenblick ihr unerträgliches Leben fort." Das Schlusswort, dieses "fort" wird Hör schroff und laut singen im Konzert, Überlebenswillen statt Todessehnung. Dann serviert der Tenor einen Doppelbock aus der Brauerei Holzhausen. Schwarz, sehr süß mit den Aromen von Vanille und reifen Rosinen.

Stefan Hör, Jahrgang 1992, kann den Geschmack, den dieser besondere Trunk auf die Zunge legt, wie ein Sommelier beschreiben. Schließlich hat er das Dunkelbier selbst mitentwickelt. Aber nicht nur deswegen will er es bei seinem Auftritt am 1. Oktober im Akademischen Gesangverein München (Ledererstraße 5, Beginn 19 Uhr) dem Publikum kredenzen. Der Doppelbock, nur in kleinen Mengen produziert, habe etwas "paradox Harmonisches, Wohliges", passe wunderbar zu Eislers Lied, aber auch zu Gesängen wie Brahms "Die Trauernde" oder Schumanns "Zwielicht", in dem sich die Bäume schaurig rührten und die Wolken zögen wie schwere Träume. Tiefe Traurigkeit, die sich aber irgendwann wieder auflöse. Stefan Hör kann über Bier-Bouquets, Malze, Hopfensorten, Hefen und Trübstoffe genauso leidenschaftlich sprechen wie über Schuberts "Winterreise". Man trifft den studierten Brauer und ausgebildeten Tenor vor einem Konzert, bei dem auch Antialkoholisches gereicht wird - auf eine Tasse Kaffee.

Doppelbegabung: Ein Gesangsstudium hat Stefan Hör einst erwogen, heute nimmt er privaten Stimmbildungsunterricht.

Ein Gesangsstudium hat Stefan Hör einst erwogen, heute nimmt er privaten Stimmbildungsunterricht.

(Foto: Johanna Zach)

In diesen Oktoberfesttagen, in denen die Menschen das Bier mit der Gier Verdurstender die Kehlen hinabschwemmen, kommt einem Stefan Hörs Mission vor wie ein kühner Windmühlenritt gegen alles Grobe: Mit seinem Konzertprogramm will er, der sich als eher durchschnittlich enthusiastischen Wiesngeher beschreibt, die Liedkunst mit der Braukunst paaren, weil ihm beides im Leben gleichermaßen viel bedeutet; Live-Musik und frisches, handgemachtes Bier wie das aus Holzhausen oder Craft-Sorten von der "Munich Brew Mafia".

"Vielleicht kann ich über das Bier eine neue Zielgruppe für diese Musik begeistern, die Seele hat und Geschichten erzählt", sagt der Braumeister. Und umgekehrt will er Klassik-Freunden, die über den feinen Holzton eines im Barrique-Fass gereiften Roten zu philosophieren wissen, das Bier als "facettenreiches Genussgetränk" ans Herz legen. Wer nun aber glaubt, es erwarte ihn bei Hörs Konzerten Eventgastronomie, also Bierverkostung mit Lieder-Häppchen von Brahms und Co., der sollte besser in ein Wiesnzelt abbiegen. Denn getrunken wird bei den Konzerten, die der Tenor zusammen mit Pianistin Nicole Winter bestreitet, nur vor, zwischen und nach den Programm-Blöcken. "Ich will, dass sich die Leute voll auf diese Musik konzentrieren, die Gefühle, die sie erzeugt, in sich wirken lassen. Mit dem Bier bringe ich dann einen weiteren Sinn dazu." Es gehe ihm um ein sensibleres Hinhören und Hinschmecken.

Dass er sich hier in zwei Welten bewegt, die nicht einfach zusammenzubringen sind, weiß Stefan Hör. Das ist Alltag für ihn, schon immer gewesen. Aufgewachsen ist er, naturverbunden, auf einem Bauernhof in der Nähe von Augsburg. "Ich kann mich zwar nicht erinnern, aber meine Eltern erzählen, ich hätte immer schon gesungen." Er bekommt Klavierunterricht, singt in der Grundschule in Kindermusicals. "Der hat Bühnenpräsenz", prophezeit eine Lehrerin. Mit dem Wechsel aufs Gymnasium geht es ins Internat, erst nach St. Stephan in Augsburg, musischer Zweig, später nach St. Ottilien. Hör singt im Schulchor, nimmt Gesangsunterricht. Mit dem Abitur in der Tasche reist er ein Jahr durch die Welt, arbeitet, schreibt sich schließlich an der TU in Weihenstephan im Fach Brauwesen ein. Er experimentiert in seiner eigenen Garagenbrauerei unter anderem an einem Champagner-Bier. Natürlich, sagt Stefan Hör, habe er auch erwogen, Gesang zu studieren. Freunde von der Hochschule hätten ihm aber davon abgeraten, unsichere Berufsaussichten, der ständige Druck, "man kann sich auch kaputt singen". In Weihenstephan tritt er dem Uni-Chor bei, dann dem Bayerischen Landesjugendchor unter Gerd Guglhör, dem er sich heute noch verbunden fühlt. "Das hat mein Leben verändert."

Es ist eine innere Freiheit, Brauer und Musiker zu sein

"Ich habe meinen Weg gefunden", sagt Stefan Hör. Ein Kompromiss? "Ja, vielleicht", das klingt nicht hadernd, eher aufgeräumt. Er könne nun seinen beiden Leidenschaften, der Musik und der Braukunst, nachgehen, ohne sich in finanzielle Abhängigkeiten zu begeben, empfindet dabei eine Art innere Freiheit, "denn ich freue mich, wenn ich das eine mache, schon wieder auf das andere".

Heute arbeitet Stephan Hör in Teilzeit am Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie in Weihenstephan, forscht an Braugerste und will darüber vielleicht promovieren. Nach dem Job macht er einen strikten Cut. Dann feilt er an seinen Konzertprogrammen, nimmt privaten Gesangsunterricht. Er hat geheiratet, Zeit für die Familie ist ihm wichtig, auch für die Freunde: Brauer, Musiker. Zwei Freundeskreise eigentlich, die sich nur selten überschneiden, die er aber mit seinen Konzerten miteinander bekannt manchen möchte. Bei einem "Hefeweizen Hell" zum Beispiel, nach Robert Schumanns "Die Mondnacht", mit der der Abend im Akademischen Gesangverein am 1. Oktober ausklingen wird.

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