Münchner Momente:Trugschluss der Klimakleber

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Münchner Momente: Beinahe festgekettet: Klimaaktivisten in der Allianz-Arena.

Beinahe festgekettet: Klimaaktivisten in der Allianz-Arena.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Wenn sich Protestaktionen nicht selbst erklären, entwerten sie sich. Mit diesem Problem haben gerade Aktivisten zu kämpfen.

Von Stephan Handel

Eine traditionelle Methode zur Überprüfung der Qualität von Bier ist die so genannte Bankprobe: Dabei wird eine Sitzbank mit Bier übergossen, die Brauburschen setzen sich in Lederhosen hin und warten, bis das Bier getrocknet ist - wenn sie dann aufstehen und die Bank an ihren Hosen kleben bleibt, ist der Sud gelungen.

Die Bankprobe als uralter Warentest hat indes offensichtlich nichts zu tun mit der derzeitigen Mode, sich irgendwo anzukleben. Praktiziert wird das meist von Menschen, die sich Aktivisten nennen und gegen den Klimawandel protestieren wollen - und dagegen, dass die Politik nichts tut - ein gewiss ehrenvolles und nachvollziehbares Anliegen. Angefangen haben die Klimakleber, indem sie sich an Fahrbahnen anleimten, was einer gewissen Logik nicht entbehrt: Der Individualverkehr trägt einen nicht geringen Anteil zum Kohlendioxid-Ausstoß bei. Andererseits haben wahrscheinlich viele der blockierten Autofahrer grad mit Fleiß ihre Motoren laufen lassen, und dann hilft's ja wieder nichts.

Am Wochenende hat der klebrige Protest zwei neue Orte gefunden: In der Alten Pinakothek leimten sich zwei Menschen an den "Bethlehemitischen Kindermord" von Rubens, glücklicherweise nur an den Rahmen, nicht ins Öl. Und in der Allianz-Arena versuchten am Samstag drei Menschen, sich an die Torpfosten zwar nicht zu kleben, aber zu binden, obwohl der FC Bayern gerade dabei war, ein hochverdientes 1:1 gegen Mönchengladbach zu erkämpfen. Zur Begründung führten die Protestierer an, durch den Klimawandel würden auch Kinder sterben (Rubens) und das Lieblingsspiel der Deutschen bald nicht mehr möglich sein (Bayern).

Wahrscheinlich läuft das Ganze unter "Erweiterung der Begriffe" beziehungsweise des Protests, wozu Max Goldt schon gesagt hat, er halte nichts von der Erweiterung der Begriffe, denn wenn man sie zu sehr erweitere, verlören sie ihre Bedeutung. Wenn man immer erst erklären muss, warum man sich gerade an eine Straßenlaterne, eine Leberkässemmel oder eine Mariensäule leimt, dann tut das dem Protest sicher nicht gut, weil ihn dann niemand mehr versteht. Die Protestierer täten also gut daran, zu ihren Anfängen zurückzukehren: Kleber, bleibt bei Euren Straßen!

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