Kardinal Marx im queeren Gottesdienst:Die Liebe zählt

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Kardinal Marx im queeren Gottesdienst: Kardinal Reinhard Marx feiert in St. Paul erstmals den Queer-Gottesdienst anlässlich des 20-jährigen Bestehens.

Kardinal Reinhard Marx feiert in St. Paul erstmals den Queer-Gottesdienst anlässlich des 20-jährigen Bestehens.

(Foto: Florian Peljak)

Kardinal Reinhard Marx entschuldigt sich für die Diskriminierung und Verletzung Homosexueller. Nicht nur die Erzdiözese stehe vor einer riesigen Veränderung, sondern die ganze katholische Kirche.

Von Andrea Schlaier

Als sich Kardinal Reinhard Marx am Sonntagabend am gedeckten Tisch mit der kleinen Regenbogenfahne zurücklehnt, ein frisches Glas Bier vor sich, ist das große "Sorry" schon gesprochen. Eine gute halbe Stunde ist es her, da stand er noch wie ein Wanderprediger mit dem Mikro in der Hand vor den Stufen zum Altar von St. Paul und entschuldigte sich für die Diskriminierung Homosexueller durch seine, die katholische Kirche: "Wie viel Verletzungen wir angerichtet haben in den Lebensgeschichten vieler Menschen, das berührt mich." Als Bischof wolle er dafür einstehen, "dass wir Schritt für Schritt zu einer inklusiven Kirche werden". Applaus von den vollbesetzten Holzbänken im hochaufragenden neugotischen Gotteshaus an der Theresienwiese. Erstmals sprach der Erzbischof von München und Freising im Queer-Gottesdienst München. Anlass war dessen 20-jähriges Bestehen.

"Als ich nach München gekommen bin", erzählt Marx nach dem Gottesdienst bei der Jubiläumsfeier im kleinen Pfarrsaal gegenüber, "hab' ich mitbekommen, da gibt es was und das ist auch gut, aber so richtig laut wollen wir das nicht sagen." Unter der Auflage, dass die Szene möglichst unsichtbar bleibt, duldete die Erzdiözese die monatlichen Queer-Gottesdienste. "Das", verspricht Marx, der inzwischen die lilafarbene Soutane abgelegt hat und im schwarzen Anzug auftritt, "ist vorüber, es geht in eine neue Etappe, die wir im Erzbistum jetzt beginnen, wir werden einen neuen Schub hineinbekommen, auch um die inklusive Pastoral voranzubringen." Im proppenvollen Saal sitzen fast ausschließlich Männer, einige leiden seit Jahrzehnten schwer darunter, dass ihre Kirche sie nicht in ihrer Sexualität und damit in ihrer Persönlichkeit akzeptiert. Und doch wirkt die Szenerie wie ein Heimspiel für den Kardinal. Immer wieder werden seine Ausführungen, die zunehmend ins Launige wechseln, mit reichlich Beifall quittiert. "Es ist Dankbarkeit", sagt ein Ordensmann an einem der Tische.

"Bei uns wird deshalb niemand entlassen."

Zu Beginn des Gottesdienstes hatten Reinhard Marx bereits Mitglieder der queeren Gemeinschaft für sein Kommen gedankt: eine Diplom-Ingenieurin für Elektrotechnik mit langem dunklen Haar über ihrem Cape; "14 Jahre war ich als Mönch im Kloster, jetzt lebe ich als Frau." Ein 88-Jähriger sprach davon, nicht mehr daran geglaubt zu haben, das noch erleben zu dürfen: "Gott möge es Ihnen vergelten!" Alle Beziehungen, die dem "Primat der Liebe" folgten, so Marx in seiner anschließenden Predigt, könnten von Gott angenommen werden. Er selbst hätte sich noch vor 15 Jahren nicht vorstellen können, "mit Ihnen hier zu sein". Er habe es nicht besser gewusst. Um so wichtiger sei es jetzt, neue Wege zu gehen - "mit der Offenheit, auch die einzubeziehen, denen es schwerfällt".

Präziser wurde der Erzbischof anschließend vor den Jubiläumsgästen im Pfarrsaal, wo Getränke und Fingerfood am Büffet gereicht wurden. Was einen gleichberechtigteren Umgang beim Thema Sexualität angehe, sei seiner Einschätzung nach die "überwältigende Mehrheit" der Bischofskonferenz der Meinung, "dass wir Veränderungen vornehmen müssen". Das werde auch weltweit ein "Riesen-Thema" werden. "Denn da geht's um einen Paradigmenwechsel, wirklich eine Beziehungsethik auf den Weg zu bringen und das auch anders zu gewichten." Er gehe davon aus, dass das heftig diskutiert werde, auch was das kirchliche Arbeitsrecht angehe. "Ich kann Ihnen versprechen, bei uns wird deshalb niemand entlassen." Er wolle eine Kirche ohne Angst.

Manche bleiben skeptisch

Das sei auch ihre Maxime 2002 gewesen, Queer-Gottesdienste in München anzubieten, hatte Michael Brinkschröder Marx bei einer kurzen Festansprache im Pfarrsaal versichert. Die Reihe sei nur entstanden, "weil uns die Sanktionen nicht gelähmt haben". Der katholische Religionslehrer hat sich im Januar innerhalb der ARD-Dokumentation "Wie Gott uns schuf" als einer von hundert queeren Menschen, die im Dienst der katholischen Kirche stehen, geoutet. Viele queere Menschen hätten sich enttäuscht und verletzt von der Kirche abgewandt. "Die Arbeit an einer Versöhnung der katholischen Kirche und der LGBTIQ-Community wird dadurch eine langfristige Aufgabe sein."

Das heutige Kommen des Kardinals sei eine Ermutigung, aber nur mit schierer Dankbarkeit wollte Brinkschröder es nicht bewenden lassen: "Erfolgreich kann das Projekt Versöhnung nur werden, wenn die Kirche das Recht auf sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung anerkennt, sich selbstkritisch mit ihrer bisherigen Haltung auseinandersetzt und bereit ist, für ihre Fehler Verantwortung zu übernehmen." "Marx allein", raunt ein Gast im Saal, "kann nicht so viel ausrichten." Der Kardinal lauscht am Tisch mit der Regenbogenfahne und nimmt einen Schluck Bier.

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