bedeckt München 22°

Dokumentarfilm:"Wir waren es ihnen schuldig"

Ende Oktober flogen sie los, erst nach Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Von dort aus ging es weiter nach Süden in den Disktrikt Cox's Bazar. Hunderttausende Rohingya sind hierher geflüchtet; allein im Camp Kutupalong - ehemals ein Waldgebiet - haben mittlerweile mehr als 620 000 Menschen ihre Zelte in die Lehmhügel gegraben. Zeltplanen so weit das Auge reicht - es ist das derzeit größte Flüchtlingslager der Welt. Wenn es trocken war, klebte dort der rote Staub auf der Haut und brannte in der Nase. Wenn es regnete, verwandelten sich die Lehmhügel in eine glitschige Schlammlandschaft. In der Luft hing der Geruch nach Fäkalien, erzählt Jonas, ordentliche sanitäre Anlagen gab es nicht. Aber Kinderlachen hörte man überall, sonst war es sehr still im Lager.

Die Hilfsorganisation habe vorher gefragt, wen die Studenten interviewen möchten. Widerwillig mussten sie die Menschen klassifizieren. Er zählt auf: eine Vergewaltigte, jemand, der seine Eltern verloren hat, jemand, der schwer verletzt wurde. "Es war eine Objektifizierung von Leid. Ich habe mich schrecklich dabei gefühlt." Aber anders hätten sie es in dieser Zeit nicht geschafft, sagt der 23-Jährige.

(Foto: Jonas Niesmann)

Sechs Tage erzählten ihnen die Menschen von Vergewaltigungen, Exekutionen, Kindern, die ins Feuer geworfen wurden. Vieles, was der Dolmetscher übersetzte, kam bei Jonas erst gar nicht richtig an. "Ich dachte oft, er hat da was falsch verstanden, das kann die Frau nicht wirklich erlebt haben." Er und Theresa verarbeiteten das Gehörte erst im Monat danach, als sie tage- und nächtelang wieder und wieder das Filmmaterial sichteten. Erst da haben sie sich mit den Interviewten identifizieren können, sagt Jonas, und zum ersten Mal stockt er beim Erzählen. Er blickt kurz ins Leere. "Es hat uns heftig erwischt. Wir haben in dieser Zeit viel gestritten, geredet und viel Wein getrunken."

Oft wollten sie aufgeben, das Material nicht noch einmal durchsehen. Aber "wir waren es ihnen schuldig", den Flüchtlingen, den Unterstützern. Am Ende steht ein Dokumentarfilm, der gar nicht erst versucht, besonders professionell zu sein - "das hätten wir sowieso nicht geschafft", sagt Jonas. Die Szenen sind mit wenig Equipment gedreht und lassen viel Raum für die Bilder und Erzählungen der Rohingya. Ihre Wucht steht für sich allein, kommentiert wird wenig. "Der Rauch hinter den Hügeln" haben die Studenten ihren Film genannt.

Seitdem Jonas in Bangladesch war, ist fast ein Jahr vergangen. Verändert hat sich seitdem kaum etwas, immer noch leben die Rohingya in den Camps. Im August haben die Vereinten Nationen dem Militär in Myanmar nun offiziell Völkermord vorgeworfen. Bis heute ist die Minderheit als Volksgruppe nicht anerkannt. Jonas zuckt hilflos mit den Schultern. Er habe in Bangladesch mit einem Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR gesprochen. Auch der war ratlos. "Niemand auf der Welt weiß, was mit den Leuten passieren soll." Bisher haben den Film nur Freunde und Bekannte gesehen, nach der Vorführung herrschte erst einmal lange Zeit betroffenes Schweigen. Die Studenten möchten ihr Projekt nun noch mehr in der Öffentlichkeit zeigen, am liebsten in kulturellen Zentren, verbunden mit einem Vortrag.

Der Film ist nicht perfekt, weder technisch noch inhaltlich, aber Jonas will sich "das jetzt alles in der Theorie aneignen". Das Genre gefällt ihm. Erst die Praxis, dann die Theorie - rücklings zu lernen scheint zu dem 23-Jährigen zu passen.

© SZ vom 08.10.2018/smb
FILE PHOTO: Rohingya refugees cross the Naf River with an improvised raft to reach to Bangladesh in Teknaf

SZ Plus
Rohingya in Myanmar
:"Genozidale Absicht"

UN-Ermittler werfen der myanmarischen Führung schwerste Verbrechen an den Rohingya vor.

Von Arne Perras

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite