70 Jahre Kriegsende Als die Amerikaner München befreiten

Amerikanische Soldaten mit einem Münchener Ortsschild, 1945 Einmarsch der amerikanischen Truppen am 30. April 1945 in München. Amerikanische Soldaten mit dem Ortsschild mit der Aufschrift "München. Hauptstadt der Bewegung."

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Am Nachmittag des 30. April ist es soweit: US-Soldaten der 7. Armee rücken aus allen Richtungen ins Stadtgebiet von München ein.
  • Auf große Gegenwehr stoßen sie nicht mehr - stattdessen auf erleichterte Münchner.
Von Wolfgang Görl

Am 21. April 1945, einen Tag nach dem 56. Geburtstag Adolf Hitlers, schreibt der Münchner Stadtchronist ins offizielle städtische Tagebuch: "Bei einem Bombenangriff zwischen 10.16 und 11.05 Uhr fallen 1400 Spreng- und 15 000 Stabbrandbomben. Es gibt 106 Tote, 100 Verwundete, 1150 Obdachlose, 59 Gebäude werden total zerstört, 116 schwer beschädigt." München, die "Hauptstadt der Bewegung", wo der Aufstieg Hitlers und der NSDAP begonnen hatte, ist zu großen Teilen ein Trümmerfeld. An den von Hitler versprochenen "Endsieg" glaubt kaum noch einer der etwa 500 000 Menschen, die in der Stadt ausharren. Sie haben gesehen, wie Verwandte, Nachbarn, Freunde im Bombenhagel umgekommen sind, begraben im Schutt ihrer Häuser.

Vom Krieg haben sie genug, und doch können sie sich nicht zum Volksaufstand gegen die NS-Führer aufschwingen. Die US-Truppen rücken näher, Flugzeuge werfen Flugblätter ab, auf die man schon mal einen Blick riskiert, wenn niemand in der Nähe ist: "Männer und Frauen von München! Im Zug der Besetzung Süddeutschlands durch alliierte Streitkräfte sind mächtige Verbände der amerikanischen Armee in Anmarsch auf München ( . . . ) Deshalb: Windet den Fanatikern das Heft aus der Hand! Mut gefaßt und gehandelt!"

"Jetzt ist es vorbei"

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Ungeachtet der aussichtslosen militärischen Lage verkünden Gauleiter Paul Giesler und die gleichgeschaltete Münchner Presse weiterhin Durchhalteparolen. Giesler befiehlt, die wichtigsten Münchner Brücken zu sprengen, was aber vom Kommandanten des beauftragten Pionierbataillons hintertrieben wird. Überdies schwadronieren Giesler und seine fanatischen Parteigänger von der "Alpenfestung" in den Bergen, wo sich das NS-Regime sammeln und wiedererstarken werde. Das bleibt als letzter Zufluchtsort: ein Luftschloss.

Widerstand von der "Freiheitsaktion Bayern"

Eine Handvoll Offiziere aber gibt es, die zum Aufstand gegen die NS-Führung bereit sind. An ihrer Spitze steht Hauptmann Rupprecht Gerngroß, seit 1942 Chef der Dolmetscherkompanie im Wehrkreis VII. Die Leute um Gerngroß sind überwiegend konservative, bayerisch-patriotisch gesinnte Männer. Bayern, so ihr Bekenntnis, "ist alles, was uns heilig ist, und was, befreit vom Nazijoch und vom preußischen Militarismus, wieder seine alte Geltung erhalten soll". Entsprechend nennen sie ihre Widerstandsorganisation "Freiheitsaktion Bayern" (FAB).

Ihr erstes Ziel ist, die lokalen Parteibonzen zu stürzen und München kampflos den Amerikanern zu übergeben, um noch größeres Elend zu verhindern. Anfang April war es der FAB gelungen, den Kommandeur des Freisinger Panzerbataillons 7, Alois Braun, für ihre Sache zu gewinnen. Dennoch sind die NS-Gegner militärisch zu schwach, um die verbliebenen Wehrmachts- und SS-Verbände zu besiegen. Sie müssen warten, bis die amerikanischen Truppen zu Hilfe eilen können.

Codewort "Fasanenjagd"

Am frühen Morgen des 28. April schlagen Gerngroß und seine Leute unter dem Codewort "Fasanenjagd" los. Der Hauptmann und sein Vertrauter Ottheinrich Leiling fahren zum bayerischen Reichsstatthalter Franz Ritter von Epp, um ihn zu überreden, den Amerikanern die Kapitulation der in Bayern stationierten Truppen anzubieten. Epp laviert hin und her, die erhoffte Zusage bleibt letztlich aus.

Auf anderem Gebiet ist die Freiheitsaktion zunächst erfolgreich. Brauns 1. Kompanie besetzt den Sender Erding, und einem Trupp der Dolmetscherkompanie gelingt es, den Radiosender Freimann unter Kontrolle zu bringen. Auch das Rathaus und die Gebäude des Völkischen Beobachters und der Münchner Neuesten Nachrichten fallen in die Hände der Aufständischen. Die Festnahme des Gauleiters Giesler sowie anderer NS-Befehlshaber misslingt jedoch.

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Um fünf Uhr morgens tritt Gerngroß vor das Mikrofon des Senders Erding und verkündet: "Achtung, Achtung! Sie hören den Sender der Freiheitsaktion Bayern. Beseitigt die Funktionäre der Nationalsozialistischen Partei ( . . . ) Die FAB hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten . . . " Doch davon kann keine Rede sein. Nur wenige Münchner folgen dem Aufruf zur Rebellion, noch sind die NS-Machthaber stark genug, nach einer ersten Phase der Verwirrung zurückzuschlagen. Gerngroß gelingt es, sich in einer Berghütte zu verstecken, andere haben weniger Glück. Insgesamt werden in München und anderen Orten Bayerns mehr als 40 Menschen nach dem FAB-Aufstand von den Nazis ermordet.

Grausame Entdeckung in Dachau

Auf dem Marsch auf München zweigen einige amerikanische Truppenteile ab, um die Gefangenen im Konzentrationslager Dachau zu befreien. Am 29. April erobern sie das Lager, in dem die GIs Tausende ausgemergelte Häftlinge und zahllose verwesende Leichen vorfinden.

"Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend"

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Am folgenden Tag macht sich der Völkische Beobachter über den "Liliputaner-Rundfunkputsch" lustig, die Ausgabe wird aber nicht mehr ausgeliefert. Schon am Nachmittag des 30. April rücken die US-Soldaten der 7. Armee aus allen Richtungen ins Stadtgebiet ein. Abgesehen von einem heftigen Schusswechsel mit der SS in Freimann stoßen sie kaum auf Widerstand.

Unter den Soldaten, die von Westen her in München eindringen, ist Ernest Langendorf, ein emigrierter Journalist aus Hamburg, der in einer US-Einheit für psychologische Kriegführung dient. Im Jeep gelangt er mit seinen Leuten bis zum Marienplatz. Später notiert er: "Sobald wir angehalten hatten, tauchten aber schon die ersten Menschen auf. Sie blieben zunächst in respektvoller Entfernung. Gespenstischerweise füllte sich dann in wenigen Minuten der Platz mit Hunderten von Menschen. Die Wagen wurden gestürmt. Interessiert betrachteten sie unsere Fahrzeuge, andere betasteten den Stoff unserer Uniformen und lobten seine Qualität, Mädchen fielen uns um den Hals und das Verbrüderungsverbot wurde gründlich übertreten. Es herrschte eine recht fröhliche Stimmung, überall hörte ich: Jetzt ist es vorbei. Jetzt können wir wieder schlafen. Jetzt kommen keine Flieger mehr."

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Ob Langendorf tatsächlich der erste GI auf dem Marienplatz war, ist zweifelhaft. Allem Anschein nach gebührt Wolfgang Robinow von der 42. US-Division, der ebenfalls aus Nazi-Deutschland geflohen war, die Ehre. Wie auch immer: Oberbürgermeister Karl Fiehler, ein Nazi durch und durch, hatte sich aus dem Staub gemacht, ebenso Giesler, der sich wenige Tage später erschießen wird. In nüchternen Worten berichtet der Stadtchronist: "Oberrechtsrat Dr. Meister, der vom Stellvertreter des Oberbürgermeisters mit der Übergabe der Stadt an die Amerikaner beauftragt ist, übergibt einem um 16.05 auf dem Marienplatz eintreffenden Major der 7. Armee das Rathaus." Etwa eine halbe Stunde zuvor hatte sich Hitler im Berliner "Führerbunker" erschossen.