Restaurant Izakaya Wo Vorurteile aufs Schönste widerlegt werden

Speisen unter dem beleuchteten Drachenfisch: Das Izakaya erfüllt zwar manches Klischee, überrascht aber durch die Qualität seiner Küche.

(Foto: Stephan Rumpf)

Konzeptgastronomie fürs Szene-Publikum? Von wegen! Das Izakaya im Luxushotel Roomers bietet japanisch-südamerikanische Fusionsküche von hohem Anspruch.

Von Tankred Tunke

Selbst in München gibt es wenige Restaurants, die so anfällig für Vorurteile sind, wie das Izakaya im Westend. Konzeptgastronomie fürs Szenepublikum mit Vorläufern in Amsterdam und Hamburg. Mit asiatisch-südamerikanischer Fusionsküche, wie sie gerade als schick gilt (japanische Tapas zum Teilen!). Auch liegt das Izakaya in einem der Luxushotels, wie sie zuletzt inflationär an den unwahrscheinlichsten Orten eröffnet haben. Im Roomers, eingequetscht zwischen ICE-Trassen und der Stickoxidtangente Landsberger Straße, auf halbem Weg zwischen Donnersberger- und Hackerbrücke. Boris Becker feierte hier Geburtstag. Reservierungen werden nur in Zwei-Stunden-Fenstern vergeben und nur auf Englisch entgegengenommen.

Mehr todsichere Voraussetzungen für einen kulinarisch albernen Abend fallen einem kaum ein. Andererseits: Bei Tisch macht es besonderen Spaß, in seinen Vorurteilen widerlegt zu werden. Und darauf, so viel vorweg, versteht sich die Küche des Izakaya eindrucksvoll.

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Es geht um ein Restaurant, auf das man sich einlassen muss. Unter 80 bis 100 Euro pro Gast dürften die meisten Abende hier kaum ablaufen. All der Aufwand soll ja bezahlt werden. Die elegante Bar, die dunklen Lederpolster, die Kupferlampen, der beleuchtete Drachenfisch unter der Decke, die minimalistische Showküche. Izakaya setzt sich aus dem japanischen Verb "i" (sitzen) und "Sakaya" ( Sake-Geschäft) zusammen. Man sitzt also für ein paar Kleinigkeiten im Sake-Laden - eine dreist kokette Untertreibung schon angesichts der Einrichtung, für die wertiger Glam mit japanisch und skandinavisch inspirierter Strenge kombiniert wurde. Man sieht Gäste, die Thunfischtatar aus geeisten Glaskuppeln fischen. Andere jubeln, als der Kellner ihre Schokobombe (30 Euro) mit Flüssigstickstoff zur Explosion bringt. Keine Frage, dieses Restaurant weiß die Pose zu verkaufen. Doch wer das akzeptiert, genießt hier so überraschende asiatische Fusionsküche wie an wenigen Orten sonst in München. Und dazu People-Watching vom Feinsten.

Wir steigen ein mit einem Aperitif, die Cocktails lohnen. Ähnlich weltläufig wie in "Sacred Sin" (Tequila, Granny Smith, Topas, Honey Crunch Sirup, Apfel-Vanille-Schaum und kandierter Ingwer, 15 Euro) schmeckt Tequila selten. "Mrs Wu" (Sake, Yuzu, Ingwersirup und Jasmintee-Calpico, 14 Euro) mäandert zwischen Eleganz und Extravaganz - Jasmintee-Calpico ist eine Art japanischer Saft mit Jasminteegeschmack und Trockenmilch, der den Drink als aromatischer Schaumteppich bedeckt.

Ein kleiner Cocktail-Glimmer ist von Vorteil, um die Karte entspannt durchzuarbeiten. Denn die ähnelt einem Speisearchiv: 90 Positionen, geordnet unter klassischen Rubriken wie Tempura, Sashimi, Sushi, Bao oder Robata (Holzkohlegrill). Am Ende steht die Qual der Wahl, denn vieles klingt aufregend. Zum Glück ist der Service unverhofft unprätentiös. Der Kellner bringt Edamame aufs Haus und empfiehlt dann einen Karten-Querschnitt aus acht Signature-Tellern zum Teilen. Guter Plan!

Die Überraschung kommt zum Schluss

Schon der Auftakt macht Freude: knusprig frittierte Reisquader mit zart scharfer Thunfischcreme, dazu Kresse und so milde Sojasoße (15 Euro), dass man sie löffeln könnte. Ähnlich fein ist die Yuzu-Sojasoße zum Sashimi (Lachs, Wolfsbarsch, Gelbschwanzmakrele), der hauchdünn geschnittene Fisch - etwas mehr hätte es bei 20,50 Euro sein dürfen! - ist qualitativ toll, dazu gibt es Sesam, Ingwer und Schnittlauch, was überraschend gut funktioniert.

Der Salat aus Hummer, Königskrabbe, Avocado und Kirschtomate (28 Euro), ist etwas großzügiger portioniert, das edle Fleisch perfekt gegart. Die Yuzu-Vinaigrette gibt ihm nur eine Idee zuviel Säure - ein Luxusproblem im Wortsinn. Womöglich hat der Hummer aber auch nur das Problem, dass ihm das Schwein danach die Show stiehlt. Die langsam gegarten Rippchen (19,50 Euro) sind Soulfood in Idealform. Das Fleisch schmilzt im Mund, die komplexe koreanische Barbecuesoße macht süchtig: Sie erinnert an karamellisierten Rübensirup mit Chili und Limette, nur ist sie eben viel feiner; Säure, Süße, Schärfe, Rauch, alles da. Weiter geht es mit angebratenen Gyoza, vier Teigtäschchen aus Reispapier (18 Euro), deren edle Füllung - Wagyu und Foie gras - gegen Röstaromen, Frühlingszwiebeln und Ponzu-Sauce (mit Zitrus, Reisessig, Bonito und schwarzem Sesam) leider keine Chance hat.

Die herrliche Momo-Rolle (Thunfisch, Wolfsbarsch, Lachs, Avocado und Miso, 19 Euro) ist außen mit frittiertem Reis garniert und wirft kurz die Frage auf, wieso Sushi in Deutschland oft so langweilig sein muss. Es folgen kleine Pralinenstapel aus zartestem Räucheraal und Foie gras (25 Euro), sehr schön, aber auch mächtig; etwas mehr Säure, etwas mehr von den Apfelwürfeln und dem Apfelbalsam hätten dem Teller gut getan. Ach, es könnte ewig so weitergehen! Oder doch nicht? Nach dem Mais im knusprigen Tempura-Mantel zu Yuzu-Chili-Mayonnaise (15 Euro) stellen wir überrascht fest: Wir sind tatsächlich satt.

Eine Nachspeise geht immer. Fein ist die Crème brûlée vom Cappuccino (13 Euro), für die man sich erst durch eine Haube aus Whisky-Schaum und eine Schicht Mokka-Baiser arbeitet - schöne Idee. Affektiert wirkt dagegen das Paradedessert des Hauses: Kokosnuss-Limettensorbet mit Mango-Kalamansi-Perlen und Rosenblättern (16 Euro), das in der halben Kokosnuss serviert wird, im Wesentlichen aber aus säuerlichem Topping, Honeymooner-Deko und einer absurd großen Portion aus erschütternd langweiligem Eis besteht.

Insgesamt ein schöner Abend, der aber auch von der Abwechslung und der Vielfalt der Speisen lebte. Allzu oft wird man sich solch vielfältigen Konzeptglamour sicher nicht leisten können.