Ismaning:Eine kleine Revolution der Filmbranche

Lesezeit: 4 min

Mixed-Reality-Studio, 2021

Nein, diese Frau und der Weihnachtsbaum befinden sich natürlich nicht auf dem Mond. Sie stehen vor einer riesigen LED-Wand im Studio 6 im Agrob-Medienpark bei Ismaning, die jeden gewünschten Hintergrund simulieren kann.

(Foto: Robert Haas)

Eine gewaltige LED-Wand, die jeden beliebigen Hintergrund für Schauspieler simulieren kann, steht in einem Studio bei München. Das Ergebnis ist praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Von Thomas Becker

Und dann ist Neil Armstrong plötzlich weg. Gerade ist er noch rückwärts die Treppe runter, auf dem Weg zu seinem berühmten Satz, und jetzt steht die Mondkapsel ganz alleine in der kargen Landschaft herum. Wo ist er bloß hin, der Mann im Mond?

Da hat doch wieder einer mit der Maus herumgespielt! Mehr als einen Klick braucht es nämlich nicht, die Illusion von der Mondlandung zu zerstören - zumindest wenn man sich gerade in einem Filmstudio befindet, genauer gesagt dem Studio 6 im Agrob-Medienpark bei Ismaning. Wochenlang hat hier Plazamedia als Broadcast-Dienstleister im Bereich Sportproduktion, Entertainment und Event mit Arri, dem Anbieter von Kamera- und Beleuchtungssystemen für die weltweite Film- und Fernsehindustrie, im Rahmen eines Pilotprojekts ein "LED Volume Studio" errichtet.

Das soll nun neue Maßstäbe setzen für virtuelle Anwendungen. Ach was, soll: Das tut es ja schon längst. Die Frage ist nur, ob die Technik künftig auch am Filmstandort München zur Verfügung stehen wird - oder nur bei der Konkurrenz in Babelsberg, Bolly- und Hollywood.

Was ein LED-Volume-Studio - die Experten sagen kurz und verschwörerisch nur "Volume" - genau ist? Man könnte sagen: eine einzige Schummelei. Wir sind schließlich beim Film, und da wurde schon immer geschummelt. Oder glaubt jemand, dass sich in den Dreißigerjahren ein Gorilla bei der Klettertour aufs Empire State Building filmen ließ? Eben.

Bei der "Star Wars"-Serie "The Mandalorian" kam die neue Technik bereits zum Einsatz

Volume ist sozusagen eine weit fortgeschrittene Variante der Schummelei. Eine, die so perfekt ist, dass selbst Spezialisten nicht zwischen Fake und Wirklichkeit unterscheiden können. Und eine, die die Filmwelt verändert, Produktionskosten senkt und verhindert, dass Hunderte Filmschaffende sich durch den philippinischen Dschungel macheten müssen, um Marlon Brando beim Dahingemetzeltwerden zu filmen. Die Apokalypse ist jetzt, im Sinne von Offenbarung, denn für viele in der Film- und Medienbranche ist Volume ein Segen.

Grob gesagt funktioniert die Technik so: Eine 120 Quadratmeter große Wand mit rund 23 Metern Durchmesser und fünf Metern Höhe besteht aus mehr als tausend hochauflösenden LED-Screens, auf die nun die Mond- oder irgendeine andere Landschaft projiziert und zugleich beleuchtet wird, sodass die Schauspieler im Studio nicht wie in den vergangenen 30 Jahren vor dem "Green Screen" herumhampeln müssen, sondern immerhin vor einem hochgradig real wirkenden Hintergrund agieren. Simuliert wird dabei nicht nur eine starre Landschaft, sondern eine virtuelle, dynamische Umgebung, die sich abgestimmt auf die Bewegung der Kamera, verändert.

Ganz neu ist dieser Sprung in Sachen Spezialeffekte nicht: Im Frühjahr verblüffte die Serie "The Mandalorian" auf Disney+ die Fachwelt. Seitdem expandiert die Zahl der Lichtkuppeln weltweit in - nun ja - Lichtgeschwindigkeit, nicht zuletzt auch pandemiebedingt. Wegen der Reiseeinschränkungen waren aufwendige New York-Rio-Tokio-Produktionen zuletzt schlichtweg zum Scheitern verurteilt. Gedreht werden muss ja trotzdem, zur Not im Studio, und so heißt die Devise nun also: Ismaning statt Honolulu. Kommt auch um einiges günstiger in der CO₂-Bilanz. Man spricht schon von "Green Productions".

Billig ist das nicht: So eine Wand kann schnell eine Million Euro kosten

Reichlich Argumente, die für die neue Technologie sprechen - wenn da nicht diese Kosten wären. Genaue Zahlen werden nicht kommuniziert, aber wer weiß, dass ein Quadratmeter LED-Wand rund 8000 Euro kostet, kann sich den Rest ausrechnen: rund eine Million Euro. Das ist in der Blockbuster-Hauptstadt Hollywood nicht ganz so viel Geld wie in Ismaning, weshalb für das mehrwöchige Pilotprojekt eine LED-Wand des chinesischen Herstellers ROE mit Dependance in den Niederlanden ausgeliehen wurde.

Ziel der Kooperation von Plazamedia und Arri: Die komplexe Mixed-Reality-Technologie praxistauglich auf TV-Produktionen adaptieren und optimieren, um so neuartige Anwendungen, innovativen grafischen Inhalt und zukunftsweisende Lichtkonzepte entstehen zu lassen. Der Einsatz von Mixed Reality - die Mischung aus physischer und digitaler Welt - bietet sich sowohl für Medienunternehmen als auch für die Werbung und die Event- und Kultur-Branche an.

Bei 40 Terminen habe man Technikherstellern, IT-Unternehmen, Broadcastern wie dem ZDF, Regisseuren, Kameraleuten, Bühnenbildnern und Hochschulen die neue Technik demonstriert, berichtet Dinorah-Cecilia Castillo Tristán, Senior Manager Production-Services bei Plazamedia. Jens Friedrichs, der Vorsitzende der Geschäftsführung, gibt sich vorsichtig optimistisch: "Viele Kunden haben das Mixed-Reality-Studio besucht und zum Teil konkretes Interesse an Produktionen geäußert." Ins selbe Horn stößt Elfi Kerscher, die als 'Global Partner Communication Manager für Arri Mixed Reality Solutions' firmiert: "Wir haben umwerfendes Feedback bekommen. Die Leute identifizieren sich jetzt schon damit. Sie haben erkannt: Der Kameramann bekommt wieder mehr Macht, die Post-Produktion wird nach vorne geholt, und die Pre-Visualisierung wird noch wichtiger."

Pixel für Pixel macht man sich die Welt, wie sie einem gefällt

Wichtig werden künftig auch Menschen wie Max Gillich. Der 28-Jährige arbeitet bei Plazamedia in der Grafikabteilung und hat dort in langen Extra-Schichten die Mond- und einige andere Landschaften erschaffen, Pixel für Pixel, frei nach Pipi Langstrumpf "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt". Für das, was er macht, gibt es bislang weder eine Ausbildung noch eine Jobbeschreibung. "3-D-Artist kommt der Sache noch am nächsten", sagt er und schwärmt von der Gelegenheit, bei dieser Revolution dabei zu sein.

Fragt sich nur, wie lange er dafür in Ismaning bleibt. Wenn es hier nicht bald eine LED-Wand gibt, wird er wohl künftig in Prag, Budapest oder Rom zu Hause sein, wo man weniger zögerlich auf die neue Technik setzt. Wenn der Filmstandort München nicht in die neue Technik investiert, dann ist er wohl weg, der 3-D-Artist. Und das ganz ohne Mausklick.

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